Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 24 (12.6.1890)
- Date
- 1890-06-12
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ungen darüber, ob die erwähnte Petition gut z» heißen und zu unterstützen sei. Dr. Badt-BreSlau ist iu der eben eingereichten Frage noch nicht ganz orientiert, und will deshalb keine endgültige Entscheidung geben. Tr selbst habe vor nunmehr 20 Jahren eine Bewegung eingeleitet, die die Einführung eines obligatorischen Religionsunterrichts au den HSHeren Schule» bezweckt habe. Biele Gemeinden standen auf der Liste, das Resultat aber oerlief, trotz persönlicher Rücksprache mit dem damaligen Minister Falk, im Sande. Die Frage habe aber einen ernsten Hinter-- grund. Besonders in kleinern Gemeinden sei die Stellung der Lehrer von der Huld des Vorstandes und der Gemeinde« Mitglieder abhängig, bei einem strengen Vorgehen des Lehrers bleibe das Odium immer auf seiner Seite. Wa» die mangelnde Qualifikation betreffe, so sei das in der That einer der Gründe, weshalb die Behörden nicht für obli« gatorischen Unterricht sind. Wenn sie einmal den Unterricht in die Hand nehmen, so könne derselbe nur von gehörig qoalificirlen Lehrern ertheilt werden, und an solchen fehle es. Im Anschluß an die angeregten Fragen wolle er einen Antrag Vorbringen, der ihm sehr wichtig erscheine. Bei Gelegenheit der letzten Reden im Abgeordneten- und Herren- Hause sei eia Krebsschaden aufgedeckt worden, an dem wir durch unser passives Verhalten nicht ganz unschuldig seien, nämlich die Art, in der man von jüd. Religion und Judenthum zu sprechen sich gewöhnt habe. Da dort die Grundsätze ausgesprochen worden seien, daß das Zusammenwirken mit jüdischen Kindern die christliche Weltanschauung ihrer Mitschüler gefährde, so sei eS Pflicht jüdischer Lehrer zu erwägen, ob es nicht angebracht sei, feierlich zu erkläreu: Daß» wer behauptet, der jüdische Moralbegriff stehe in irgend einem Punkte auf niedrigerem Niveau, als der jeder anderen Religion, die jüdische Religion nicht kenne oder nicht kenne» wolle. ES müsse ferner betont werden, daß die Religion, die wir lehren, un« zu ebeuso treuen Auhängrrn unserer Religion wie unseres Staates und Vaterlande« mache. Auch müsse man gegen das iu letzter Zeit viel gehörte Schlagwort ,christlich-germanisch" — wohl Ersindüng eine» getauften Juden — als verhäugnißvoll protestieren; eS schließe einen unlösbaren Widerspruch in sich, insofern eS einerseits die weltumfassende Natur der Religion mit dem eng umgrenzten Standpunkt einer Nation auf unglückliche Weise verquicke, und andererseits den Verdiensten anderer nicht-germanischer Stämme um die Förderung der Eivilisation mit übel angebrachter Ausschließlichkeit gegeuübertrete. Er glaube, daß eS wichtiger sei, diese Frage zu besprechen, als die drS Antragstellers, die freilich mehr praktischer Natur wären. Aber wenn das ganze Haus brenne, dürfe man nicht ein Streichhölzchen zu retten suchen. D,e jüdischen Schüler werden infolge solcher Grundsätze wie Schüler zweiten Ranges angesehen, eS sollen Listen über sie geführt werden u. s. w. Dem müsse man rntg-gentreteu, nicht offensiv, auch nicht durch solche Beschlüsse, wie sie in Berlin von den Rabbinern uud dem Gemeinde Kunde gefaßt worden seien, also nicht durch eine Aufstellung aller ethischen Grundsätze, deren Vollständigkeit von dieser oder jener Seile bemängelt werde» könnt«. Wir wollen eine Resolution abfaffen, die wir allen größere» politischen Blättern zum Abdruck einsenden, uud wolle» College» in anderen Provinzen bitten, daß sie uns in unserem Borgrheu unterstützen. Die Bewegung, die daraus entsteht, wird auch insojern heilsam sein, al» sie manche unserer Glaubensgenossen, die zu zweifeln anfangen, ob nicht etwa» wenigsten« von diesen Vorwürfen berechtigt sei, ausklären wird. Er erbitte sich noch zwei Lollegen, mit denen gemeinschaftlich er bis morgen die Punkte der Resolution fixire» wolle. Dr. Lohn-Kattowitz erkennt an, daß der Antrag Badt bedeutend wichtiger sei, als der Adams. Trotzdem dürfe mau den letzteren nicht ohne weitere« übergehen. Er selbst habe von einer solchen Petition jüdischer Gemeinden bi« jetzt nicht« gehört; sie sei entweder im Geheime» betrieben, oder von einer kleinen Zahl von Gemeinden in« Werk gesetzt worden, and ihre AuSführun^ea seien völlig ««klar und unverständlich. Da« Gesetz von 1817 reiche überhanpt bet einer richtigen Handhabung vollständig aus. Wenn ihm vorgeworfea werde, es mangle ihm die Consequeaz, so fehle ein sehr wichtiger Punkt, daß ausdrücklich in ihm erklärt werde: Jeder Vorstand sei verpflichtet, Sorg« zu tragen, daß die Kinder den Unterricht besuchen. Die Angelegenheit des Herrn Dr. Badt sei sehr wichtig, müsse aber wohl erwogen uud beratm werden. Urber die Behandlung der jüdischen Sinder am Gymnasium inSättowitz z. B. könne er durchaus nicht klagen. Der Direktor nehme jede mögliche Rücksicht; so sei niemals, seitdem er dort awtire, am Sonnabend eia Extemporale geschrieben worden. ES komme nur auf die Stellung an, die der Religionslehrer dem Direktor gegenüber einnimmt und sich gtebt. Vom Antrag Badt verspreche er sich sehr wenig. Sehnlichesei schon oft ohne Erfolg ausgesprochen worden. Die Versammlung tritt zuerst iu die Berathung des Antrag« Badt ein. Dr. Badt-BnSlau: Die Resolution sei zunächst für das deutsche Volk bestimmt, nicht sür die Behörden. Man solle zeigen, daß die Jaden sich nicht in dieser Weise angreifen lassen. Deshalb solle die Resolution nicht allein in jüdischen Blättern, die nur von wenigen Christen gelesen werden, sondern in allen politischen Blättern verbreitet werden. Wir dürfen un« nicht so weiter angreiseu lassen. Wir dürfe« die Behauptung nicht zugeben, daß die christlich« Anschauung gefährdet werde durch da» Zusammenleben mit den Juden. Dr. Samuel so hn-Breslau tritt gleichfalls diese» Ausführungen bei unter dem Hinweis auf die vom Proviuzialschulcollegium an die Direktoren jüngst ergangene Ansforderung. über di« jüdische« Schüler Bericht zu erstatten. Dieser Bericht werde iu den größeren Städten entschiede» günstig auSfalleu. in den kleinere» Städten aber werde manche« zwischen den Zeilen zu lesen sein, dem man durchau« eutgegeutreteu müsse. Dr. Kopf sie in-Beuthen wünscht eine genaue Fixirung der Punkte der Resolution und der Gründe zu einem solche» Vorgehen. Dr. Roseuthal-BreSlau hält e« für wüuscheuSwerth, wenn mau sich au die Resolution der Rabbi aerversammlung iu Berlin ansqließe, die ja auch al« von einem größeren Kreise beschlossen, größere Autorität habe. Dr. Badt-BreSlau ist schon au» dem Grunde nicht der Ansicht de« Vorredner«, weil, wie schon erwähnt, die Beschlüsse in Berlin, so anerkenueaSwerth sie auch seien, hinsichtlich ihrer Bollständigkeit von manchen Seiten demäugelt worden seien Es sei daher auf eine allgemeine Betheiligung dann nicht zu rechnen. Wenn man un« vor« wirst, daß unsere Religion auf niedrigerem sittlichen Standpunkte steht, so müssen wir erkläreu, daß sie nicht unter dem Niveau einer anderen Religion steht. Wenn man unsere Religion duldet, s» lauge sie sporadisch austritt, sie aber für eine Gefahr hält, wenn sie maffeuhast austritt, jo müssen wir dem entgegentreten, schweigen dürfen wir jedenfalls nicht. Dr. L. Neustadt-Breslau findet, daß der Anttag Badt bi« jetzt noch keinen prinzipiellen Gegner gehabt hat. Erledigung der einzelnen Punkte sei Aufgabe der Commission. Im Übrigen müsse er den Ausführungen de» Dr. Badt völlig beistimmea. Ss sei auch weniger da» Judeuthnm, da« zum Angriff Anlaß gegeben, als die Erziehung, Sitte und Gewohnheit der jüdischen Schüler. Mau könne un» bald mit Recht vorwerfeu, daß unsere Religion zwar gut sei, aber ohne-Einfluß auf die Kinder, weil sie von de» Elter» nicht gehalten werde. Jedenfalls dürfe man nicht schweigen, uud er freue sich, daß diese Ansicht auch ia Kreise eiadriage, ia denen die« Gefühl bi« jetzt nicht Vorhände»