Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 21 (22.5.1890)
- Date
- 1890-05-22
- Page
- Seite 159 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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pgg1;iU'1jf׳v£r 751־ iig1^» v*«** - ־ — 109 — Frauen und Stader mit eigener Hand und stürzten sich dann selber in die Flammen. Wie falsch derartige Beschuldigungen waren, möge man dareu« ersehen, daß selbst der ärgste Judenfeind, Gchudt, flch weigert, für die Wahrheit der Beschichten, welche er anführt, einzutreteu. In der That aber führt er selbst christliche Zeugnisse für die Unschuld der Juden an und erzählt sogar, wie rin christlicher Priester de« 14. Jahr« hundert« die Hostie mit Blut bestrich und daraus die Juden beschuldigte, dieselbe geschändet zu hrben. Solche erlogene Beschuldigungen wurden gewöhnlich noch mit dem detaiklirten Zusatze au«geschmückt, daß die Hostie wunderbarerweise blutete, wenn fle mit dem Dolche ketzerischer Jaden durchstochen wurde. Merkwürdig ist e« nun, wie ähnliche Gedanken immer wieder auftauchten und sich fortwährend erhielten. So lesen wir z. B. im Talmud von einer sehr ähnliche» Idee. Al« nämlich Titu« in höhnischer Weise den Borhang im Tempel zerriß, troff Blut au« demselben (T. Babli Gittin 65). Später, so lesen wir in der jüdischen Geschichte, sollen die Pfeiler Rom« am S. Ab, dem Tage der Zerstörung de« Tempel« durch die römischen Legionen, Thränen vergaffen haben. So kommen wir, ohne erst weiter zu gehen, auf den Ursprung und die Su«breituug dieser Sagen, zu welche» die vergleichende Bölkergeschicht« fortwährend neue Beiträge liefern kann. E« ist ei» Glück für die Juden, daß sie heute bei Erwähnung der Hostienschändung, statt die vermutheten Erfolge fürchten zu brauchen, dieselben ruhig als einen Gegenstand rein antiquarischen Jutereffe« betrachte» dürfen. RaKlaad. Neteriönrg. Gegen die sich mehrende Auswanderung ber Juden nach Palästina und Amerika warnt energisch der »WoSchod-, da weder der »Verein zur Unterstützung der f andwerker in Palästina und Syrien," noch der in Newort entstandene »Verein zur Unterstützung der Linder von rassischen AuSwanderudrn" (wozu Baron Hirsch 10.060 Dollar« monatlich zur Verfügung stellte), gar nicht dir neuen!»«wandernden betrifft, die sich nur dem Elende Prei« geben. Die Zahl der au« Rußland »»«gewanderten Juden, die in Amerika in den letzten 10 Jahren aukamen, wird auf 200000 Seelen angegeben. L. M«rsch«n, 8. Mai. (Or.-Eor.). Mein Brief in Nr. 17 diese« gesch. Blatte«, die russischen und polnischen Ehowewe Zijon (gijou-Freude) betreffend, hat den sonst so lausten, friedlichen und fromme» »tzamagid in Lyck" ganz an« dem Häuschen gebracht. Besonder« haben ihn die dort yrgebeuen Erklärungen, daß manche an der Spitze dieser Zijon«freuade Stehende einen großen Theil der gesammelten Gelder in die eigene Tasche haben fließe« laffen und daß daher ein von solchen Ehrenmännern geleiteter Verein in großem Mißkredit stehe, u. die Ziele deffelben schädige, sehr aufgebracht und zu heftig erregten Äußerungen hingeriffen. Bet allem »einen tiefen Bedauern, ihn au« seiner so übrrau» nertrauenSseligen Stimmung geriffen zu haben, kann ich doch micht umhin, meine Behauptung nochmal«, und zwar nachdrücklichst zu wiederholen. Sollten Sie, geehrter Herr Rrdacteur irgend welchen Zweifel hegen, dann haben Sie nur nöthig, einige Bekannte m Warschau, Odessa, Peter«- bürg, Btalystok u. f. w. darüber zu fragen, und Si׳ werden dann ersehen, daß ich Ihnen zwar recht traurige aber hierzulande sehr bekannte Wahrheiten geschrieben Hab;. Ich bin auch gern erbötig, Ihnen für die »Wochenschrift" da« betreffend« BeweiSmaterial an die Hand zu geben. (Wir verzichten darauf und möchten die Angelegeuheit im Interesse der Sache nicht weiter öffentlich besprochen sehen.) Vermischte und neueste Nachrichten. LH Berlin» IS. Mai. Am gestrige» Sabbaih seien« Herr Rabb. Dr. Israel Hildesheimer hier sei»«»?Osten Geburt «lag. Da» Gemeindehaus und dt« S-aogoge waren festlich auSgeschmückt. Die Feppredlgt hielt Rabb. Dr. Feilcheuseld au« Posen. Die Lhoradorlesuug fand au» einer neuen Seser-Thora patt, «elche di« Hörer, schaft de» orthodoxen Nabdinerseminar» ihrem Reetor eigen» zu diesem Zwecke der Synagoge der Gemeind« Ad*a JUrotil geschenkt hat. Obwohl nur gegen Einlaßkarten der Eintritt gestattet war, so ist da« Gotteshaus doch überfüllt gewesen. Am Dienstag wird die gesammte Festversammluna einen Festausflug nach FriedrichShage» machen. Bei der heutigen Festtafel bei Dresel war eine große Anzahl der alt- und neuorthodoxeu Rabbiner Deutschland« vertreten. Mehrer« De» putatlonen erschienen und zahlreich« Gratulationen liefen von Nah und Fern ein. Berliu» 18. Mai. Die heutige Beerdigung de« Dekorationsmaler« M^J vodenstei n Hot unter großer Tbeilnahme stattgesunden. Et.oa 1000 Malergehilfen, daS zahlreich« Personal de» verewigten, ei..e Reihe Leputatio..«» hiesiger WohlthLtigkeitSvereine und ein« große Zahl von Freunde» nahmen an der Trauerseierlichkeit Theil. Der Londuct bestaub au» 85 Wagen. Halle a. G. Die antisemitische Bewegung sucht jetzt auch hier Boden zu gewinnen. Am Sonnabend Abend wollt« ein bekannter Wortführer der Partei bei einem Eintrittsgeld von 30 Pfg. im ,neue» Theater" über »Judenthum und Sozialdemokratie" sprechen. ES batten sich aber viele Gegner, InSbesonöere Sozialdemokraten, «inge» sunden, und e» entstand ein so großer Tumult, daß polizeilicherseit» di« Versammlung aufgelöst wurde. 10 Berhoslungen wurde» vorgenommen. Hamburg, 18. Mai. Im 101. Lebensjahre starb vor einigen Tagen Hierselbst ein Hamburger FreiheitSkiimpfer auden Jahren 1818—1815, nämlich der imisraelitischen Altenhause befindliche David Nathan, an Altersschwäche. Der Berstorbene erfreute sich bi« zu seinem Tode einer verhälinißmäßigen Geistesfrische, s» daß er von seinen LriegSerlebniffen klar zu erzäh'en wußte. Plesche». Zum Rabbiner der hiesigen Gemeind« ist einstimmig der gelehrte Oberrabbiner von Trier, Herr Dr. Zuckermandel, gewähll worden. Fraukfurt a.«. Die hiesige Taubstummen-Erziehung». au st alt wurde im abgelausenen Schuljahr von 20 Schülern besucht und zwar von 13 hiesigen und 18 auswärtigen (15 Evrngelischen, 7 Katholiken und « Israeliten). Echweiufurt. Herr Rabbiner Lebrecht, der älteste Rabbiner Bayern«, über deffen fünfzigste« AmtS-Jubiläum wir erst jüngst a»Ssührlich berichtet haben (In Nr. 1V), ist 82 Jahre alt gestorben. Sein Aadeuke» bleibt zum Segen! Aus Ungar«, im Mai. (Or. -Torr.) Wie unser auswärtige« Amt von jeder antisemitischen Färbung frei ist, beweist di« Thatsach«, daß Gras Lalnoky, nach dem »N. Pefter Journal" erklärte, daß der in Wien s. Z. nicht angenommene amerikanisch« Gesandte I. die« nicht der Lonsession seiner Gemahlin, welch« Jüdin ist, sondern seiner ultramontanen Gesianung zuzuschreiben Hab«, «elche, da sie bi« zur Gegnerschas« gegen tkönig Humberl sich verstiegen habe, auch in Rom seine Ablehnung herbeigesührt hatte Pari«. Der Erzbischof bekämpft die Feuerbestattung unter Berusung auf den jüdischen Brauch und auf den Ausspruch der Bibel: .Bon Staub bist Du und zu S'aub wirst Du «ieder zurücklehren." Die Erd« ist unser« gemeinsame Mutter und Niemand ist berechtigt, dieselbe ihrer Linder zu berauben. — Der Präsident der Republik empfing auf seiner Reis« im Süd«» Frankreich» mehrere jüdische Deputationen, so in Marseille, in Rice, wo er dem Rabbiner di» Abzeichen al« Offizier der Academie persönlich anlegte. Ueberall wurden Rabbiner und Eonsistorialmit» glieder zu den «sficiellen Banketten z«a«zogen. Nopeuhageu, Herr Oberrobbiner, Prof. Dr. Wolfs, feiert« am 6. Mai seinen neunzigsten GebiirlStaq. Derselbe versieht trotz seine« hohen Alter» mit Rüstigkeit und «eistiger Krisch« sein Amt, da» ec seit 62 Jahre» iun« hat.! lllDCn VpilT 71 Riga. Der reiche Lausmann Jacob Ar«stedt hinterlegt« «in Lapital von etwa Rubel 860,000 zur Gründung einer Armenanstalt ohne Unterschied der Religion und Nationalität. Va« Petersburg meldet man der .Pol. Lorr." »aß in der geplanten Bermdnung betreffend die Ausschließung der Israeliten in Polen von de« Erwerbe bc« Grundbesitze« und der Anficdlung auf de« flachen Lande ein fünfjähriger Termin für die Veräußerung d-r gegenwärtig den Israeliten gehärigen «rundbcsitzungen und für die Ucbersiedlung der Betroffenen nach den Stadtgemcindcn festgesetzt ist. Lonftautiuopel. (Or..L°rr) Nach einer Mittheilung de« türkischen Blatte» ,Monikat" haben sich 200 jüdisch« Familien au« Rußland an di« türkisch« Regierung ml» AnsiedelungSgesnchen gewendet. Algier» 20. Mai. Geste.» plünderten Araber am Markttag« in Guelma israelitische VeikausSläden und überfielen die Besitzer, welche sich »idersetzten, so daß Militär «inschreiten mußte. Drei Araber wurden getödtet. ein Polizei-Agent verwundet und etwa 103 Verhastungrn vorgenommen. Amerika. Im Orden B'ne vith (besonder« ia Ein einatt und New-York) ist eine Bewegung einaeleitet worden, Frauen al» Mitglieder de» Orden» gleichberechtigt in die Logen auszunehmen. Man kann sich nur darüber wundern, daß dieser Vorschlag so lange auf sich warten ließ. Wir können un« kein Mittel denken, da« geeignerer wäre al» diese», den Orden au« seinem lethargischen Zustand« zu befreien. (Deborah).