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Israelitische Wochenschrift · 1890-02-27 · 9 (27.2.1890) · p. Seite 71

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
9 (27.2.1890)
Date
1890-02-27
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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Verwirklichung jerer Ideale zu denken. die i» Gehirne von Schwärmer», oder al» böswillige Uutesschkbuug seiten» der Judenfeinde existire«. in der Thal aber nar archäologischen ׳Werth haben; r» bandelt sich hier ausschließlich um die jüngst anfgeton-dte Idee, m Amerika Eolonien anznkoufen. damit hauptsächlich der polnische I de »ine Zufluchtsstätte finde. Tausende Familie» wandern immer wieder dahin au», oder hoben Anstalten hierfür getroffen — aber bk «eisten fick» in die Hände betrstörrischer Agenten, oder irren ohne sickern Halt trostlos in Elend umher. Ist doch das unglückselige Schicksal der vor kurzer Zeit au« Kamkniec- PodolSk auSgema ndeiten 820 Seelen, dir nach Argentiuie« gelockt wurd«», sowie das der großen Karawane aus veß< arobien, die so schändlich au«gebeutrt wurden, genug lehrreich. Aber auch aus dem Menschenhandel-Prozesse, welcher sich Ölt in OSwiezcim abgespielt, sehen wir, daß von den ,820 Leuten, welche au« Galizien in schändlichster Weise »ach Amerika befördert wurden, der grüßte Theil Juden waren, daß vom Juli 1888 bi« zum Beginn de« Prozesse« i« vorigen Jahre 800 Juden über Bremen allein nach den Argmtinisck rn Republiken auSwanderten—alle meist um au« dem Einrd in noch ein größere» Elend zu gerathen. Man de» . Hauptei. daß Juden auch di, betrügerischen Agenten bildeten, unter de« SV Angeklagten sind aber kaum neun Juden auS Galizien und etwa 2 oder 3 vom Au«lavde. Weit entfernt für dieselben nur im Allergeringsten ein mildernde« Wort eiuzulegen, wollte» wir nur constariren, daß man diesen Prozeß zu antisemitischen Hetzereien stark genug aufbauschte — wir können also für menschenrechtliche Zwecke wohl einige Daten aus demselben ziehe». Urbrigen« ist die allgr- «eine Armuth in Galizien zu sehr bekannt, und die Juden natürlich, dir saugen es, nach dem uralten bösen Liede, «och mehr au«; ja sogar an der Mißernte sind die Jaden schuld, dagegen wer hat den Vortheil von den 1,200,000 Gulden, welche die vsterr Regierung dm Grundbesitzern zur Abhülfe selbst gewährte, natürlich nur die Juden! Es findet bald gar kein Mißgeschick in Talizim und Polm statt, wo man nicht einem Juden die Schuld aufbürdete. Und welcher Lärm wurde wegm der vo» Baron Hirsch gewidmrtm 12Millionen Guldm geschlagen?! Und nach langem Kampfe, welcher Bortheil soll dem armm, verhungernden Judm daran» werden? — Ich wage nicht, an dk rrhabme Großwuch de« Herrn Baiou Hirsch dm Hauch einer Kritik an« zulegm und will auch nicht« mehr von Galizien reden, doch .Angst verließ ich Russisch-Polen, da« ich bereisk, und Warschau, wo ich längere Zeit weilte. Da« Elmd, welche« »»Irr dm Judm hier herrscht, ist wieder ander» geartet, als i» Galizim. wo die autouomistischen Gesetze dk intellektuell« Rkderschmetterung femhalten. Dir Furcht vor dem Tode ist oft ärger, als der Tod. Ja Russisch-Polm fürchtet der J»d« dk Berfolgwig seiten» der Regierung und die Vertolgvng srikvS der polnsschm Mitbrüder. Auf der Strecke Warschau-Lublin begegnet man zahlreichen Judm, die auf dm Straßen Steine haum, Lastm schleppm und die schwierigfku Arbritm det uiedrrn Baueinvolke« verrichtm und vo» dm Auisehem, weil sie Judm sind, viel mehr Prügel »ertragm müssen. Man wird unwillkürlich au dk Phara- «tischen Zerren gemahnt. Dir Judm in Risssisch-Pole» stad durchschnittlich äußerst arbeitsam. Sir bearbeit« mit großem Flcißr all« nur dmlbarm Branchm. Man findet m dm Judmstraßm Warschau'« von dm dumpfm Kella« an 6t» . auf dm letzt« Dachkammern allartige Handwerker, Spiouer» Arbeiter, wo messt Maua, Frau und Kind bi« in dk späte Macht hinein arbeikn, um äußerst geringfügig« Erwerb. Da« Elmd'liegt dies« Lmtm auf dm Gesichtern, da« Elmd starrt ihnm au« dm thränmfmchrm Blicke». Für disse« . bei der riesig« Masse der unglücklichen polnsschm Judm welch« selbst »ach ,PruS" auf 600,000 beziffert werden, herrscheud« - Elend, bietet man fortwährend zur Rettung nur allerlei - Schulm an. Statt Rettung von der Roth, statt Lust und t-rerhck immer Schul« d. h. statt Wasser — Mheude« Gold. L« ist ein grundfalscher Vorwurf, wmn wan dm polnischen Juden Fähigkeit und Fleiß absuricht. Sie ob« assagt, kan« wan jede Branche i» Warschau von Judm bearbeitet finden. Sie find aber auch zur Bodenbearbeitung vorzüglich zu verwmdm. Do «an den Judm zur Landwitthschaft t» Polm und Rußland zugelassm hat, zeigte er stch al» der desk Laudwirch. Der vom russisch« Mtnssteriu« zur llntersuchung der jüdsschm Eolonien delegtrte Stueze»«ki gab über den Stand derselben da» günstigste Unheil ab. Bon Hause au« sind ja die Jaden keine Beduinen, sondern «in Ackervolk, aber die Lonkurrmz der polnischen Bauem und dk Allgewalt der Geistlichkeit sst zu gefährlich. Ein Asyl i» Amerika für alle die Unglücklichen ist erforderlich. Einige Männer in London habm disse Angelegmhsst vor Kurzem angeregt. Klammern »ir un« fsster daran. Eine geregelte, tüchtige Organisation für billige Beförderung. di« Errichtung von Agrardonkm und anderer ArbeitSinstitunonm in de» anzukaufmden Eolonien — da« sind die zu errichtmdm Blitzableiter für die schwerm Gewitter, welche den polnsschm Juden drobm. Vermischte «ud ueneste Ustchrichtr». Beeltu. In eine« längere» Aussatz«über ,BerlinerBau» und GruadstückSschwindel", welchen die .LäqlicheRundschau" voriger Boche brachte, wird Hervorgeboben: »ES soll nicht unterdrückt werden, daß über neunzig vom Hundert aller Grundstück-Spekulanten südlicher Herkunft find." Jeder Nachweis fehlt jedoch. Sn» Herdede a. d. Ruhr schreib! man der Berliner ,Morgen» Zeitung", daß a» Donnerstag den 20. d. M Dr. König au» Wüte» im Saale von B. Halsebang ein« Versammlung abhielt. Die allerdings gut besucht war, iedoch nicht, wie sich dieser edle Mann vielleicht «in» bildet«, von Antisemiten, sondern Haupssächlich von den Angehörige» a n derer Parteien. Selbst Inden waren darin erschienen, «m einmal zu hören, waS denn dieser Herr König bringt. Nun, selbstredend weit-r nichts, al» die Juden wurden tüchtig hergenommen und Schlechte» über st« dem Publicum ausgetischt, da« Gute selbstredend nicht, den» da» gehört nicht zum Programm. Die armen Teufel sollen eben Alle» gethan haben. Die christlichen Wucherer kennt Herr König so gut »k «ir, er dars sie nur nicht nennen. Nun Herr König ist doch wenigsten» zu etwa» gut. Sr brachte da» Publicum stet« zum Lachen über sein« faulen Witze. Auch ein ikrfolg l Au» Baden. (O -L.)Dte.Neue badisch« LandeSzeit." berichtet: .Im Heidelberger Wahlkreise kaaktdirre al» Kartell-Kand'dat Herr Konsul Meuzer, welcher der Stöcker'schen Richtung angehört. Unter Denjenigen, welch« de» Wahlaufruf für ihn unterzeichnet haben, befindet sich auch Dr. Sonderheimer, Bezirks-Rabbiner in Heidelberg. Rehr kan» man dach nicht wohl verlangen׳-' (Weniger aber auch nicht. — Di« gröbte Straf« für ihn dürf e die belobigend« Leusur de» Antisemiten» blatte» »Volk" sei«, welche» jubelnd auSrnst: »Südlich einmal ein verständiger Jude!") — Wir möchten da» Ganze bezweifeln. Red. Gtebnteh, 26. Februar. Da» vo» der Polizei am Sonnabend verhinderte Pistollendnell zwischen dem Arzt« Dr. K. und Referendar Swegen beleidigender antisemitischen Aeußerungen de» letzteren fand gestern früh hier statt. Dr. K. erhielt einen Schuß im Unterschenkel »ad mußte in da» städtische Krankenhaus geschafft werden. -ko»stabt O. G. Unter den S (von 8) Abiturienten d. hies. Gymnas., denen da» mündl. Examen erlaffen worden, befindet sich der Sohn eine» hies. Kaufmann«», Max Doctor, der sich de« Studium der jüd. Theologie am BreSl. Seminar widme«. Bukarest. Zu den Direktorium der rumänischen Bank gehört auch eia Israeli«, Herr Demetre Krank. Derselbe wurde zu» lkommaudeur de» rumänischen Kronenorden» ernannt. Svarschau. Dir h'esig« Polizei trägt «ine rührende Fürsorge für di- Gesundheit der Inden; sie will eonstatirt haben, daß die zahl» r-tchen Rituabäder iMitwa'») gesundheitsschädliche Miasmen in sich bergen. Der ^Ober-Polizei seist«' erließ deshalb an die Lommiffäre dk Ve-ordnung, genau darauf zu achten, daß täglich frische« Nasser in de Bäder eingelassen »ad dk Pumpen in Ordiung gehalten werden. Außerdem habe» Revisionen der Kraueabäder allmonatlich stattzufinde» und im Falle Vorgefundener Unreinlichkeiten find Strafen zu erlegen» »der dk »M kwen" z» schi eßen. Wilna. Sk mehrere Blätter Nachweisen sind au» dem Wtlaer Gouvernement in den letzten Jahren circa 10000Juden nach Amerika auSgewandert. Nlezaabnin». Sin« der glänzendsten Hochz«t«»feierlichkeikn, welche «an je hi« gesehen bet, war dk bei der Vermählung de» Baron Felix de Menasc« mit seiner lkousia«, Krl. Lolestin« de Menascr. Dk Festlichkeiten hatte» eine» großartigen Lharatter; auch dk Arme» wnrde» »ich« vergessen, denn Baron Menasc« hatte »ater dieselbe» ohne Unterschied dar Lonsesfion 90,000 Franken vertheilen lassen. Unter de» Gratulanten, welche Glückwünsche saadtr», befand sich anch eia Lord Arankfnrt, Geurral von Montmorenrh.

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