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Israelitische Wochenschrift · 1890-01-30 · 5 (30.1.1890) · p. Seite 39

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
5 (30.1.1890)
Date
1890-01-30
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
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regnerisch und erst gegen Mittag brach für kurze Zeit die Sonne durch da» düster« Gewölk. Um 11 */4 Uhr kam der Eenduct auf der London Bridge an. Baron Hirsch» Sir Philipp Magnu», Dr. Taster, verwandten und eine un> absehbare Menge Glaubensgenossen waren an der Gammel» stelle. ■ Der Weg war durch einen Lordon Polizisten abgesperrt. Der Verkehr über die Brücke war eingestellt und dir Fiakerkutscher und Omnibusführer grüßten ehrerbietig den passirenden Zug. Der Leichenwagen und die 12 Trauerkutschen begaben sich nach der Duke» Place und BaviS MarkS-Synagoge (welche erleuchtet und deren Thüren geöffnet waren); von dort folgte rin endloser Zug von Wagen, welche sich bei der Central-Shnagoge gesammelt hatten. Außer diesen hatte kur» vor Mittag hier eine große Menschen» menge angesammelt: Synagogenrithe und Beamte, Prediger und Lantoren. Delegirte aus den Provinzen und ein bunter Haufe au» allen Ständen und Berufsklassen. Eine momentane Stockung und Verwirrung konnte hier natürlich nicht auSbleiben; aber bald hatte sich der Zug geordnet und der Spitze angeschlossen, welche um 1 Uhr auf einem Umwege bei der Synagoge angelangt war. In de« jüdischen Viettel hatten sich große Menschenhaufen angesammelt, um den sterblichen Ueberresten de» allgeliebten Lhief-Rabbi die letzten Ehren zu erweisen und theiUiehmeade Zuschauer bildtten Spalier den ganzen Weg entlang. In sämmtlicheu Distrikten der Stadt waren die Läden der jüdischen Geschäftshäuser geschloffen. Di« Glocken der Mdgate-Kirche läutetm feierlich, wie sie e« auch vor 4K Jahren beim Einzuge de» Berftorbenen gethan. Gegen 2 Uhr kam der Leichenzug auf dem Friedhofe zu Willrsdeu an, nachdem er vorher noch die Sr. John'» Wood-Synagoge passin halte, die ebenfalls erleuchtet und geLffaN war. Gleich bei der Ankunft auf dem Friedhofe fing t» an, heftig zu regnen und erst gegen halb drei Uhr hatte der letzte, der 152., Wagen seine Insassen abgesetzt. Es ist unmöglich, die Namen Aller zu nennen, welche sich eiaaefuoden hatten; r» möge daher genügen zu constatiren, daß fast sämmtliche geistliche Beamte der jüdi» scheu London» nnd der Provinzen anwesend waren; alle Provinzialstädte waren durch Delegitte vertreten, sowie sämmtliche Synagogen der Hauptstadt. Man sah Haufen schmerzgrbeugtrr Juden au» allen Gesellschaftsklassen, Reiche und Arme; die vereinigten Synagoge« und die Federation begegneten sich hier in einem und demselben Schmerze. Lord Rothschild konnte wegen einer starten Erkältung an der Bestattung nicht theilnehmen und condolirte der Familie auf telegraphischem Wege. Auch Sir John Simon mußte aus Gesundheitsrücksichten fern bleiben und ließ sich durch seinen Sohn vettreten. Der Wagen de» Lordmayor» (Halb-Galla) ragte unter allen hervor und Seine Lvrdschast hatte e» sich trotz Unwohlsein» nicht nehmen laffea, dem theuern Hingeschiedenen persönlich die letzte Ehre zu erweisen. Ferner sah man unter den Anwesenden Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer au« Berlin, Herrn Arthur Lohen vom OueenS-College, wahrscheinlich als Vertreter de» Board of Deputis und die HH. DDrs. Bondi und Lerner. Von den Schulen und Instituten waren vertreten: Bayswater, Westminster, Dalstvn, jüdische Waisenanstalt (mit Herrn Dr. Behrend), die Taubstummenanstalt, die Striakmderschule, die jüdische Freischule, da« Jewish College, Stepoey-Bolksküche (durch die HH. Boa», Birnbaum und Landau). Der Anblick der vielen vom Regen durchnäßten Männer war mitleiderregrnd und wehmüthig stimmte da» Flattern der Schulstandarteu in dem Winde. Der Begräbnißplatz war derart überfüllt, daß die meisten sich keiuen Zutritt zu verschaffen vermochten. Im West-End hatte r» einige Unzufriedenheiten hervorgerufen, daß die Beerdigung nicht in West-Ham voraenommen wurde. Em reger Vertrieb . von Gedächtnißkarten (Memoriam) fand sowohl auf dem Friedhöfe als auch in den Schulen und auf den Sammel- .Plätze« statt. Die gefflliche« Functionen vollzog Rev. M. Hast, welcher selbst ttef gerührt, die Grbete nur mit gebrochener Stimme sprechen konnte. Alle Anwesenden sprachen den Schluß»«- de» V'SN הצור laut mit Die Todtenbrhre wurde von dm Söhnen de» Verstorbenen, Dr. Friedländer, die Dajauim, H:rrn N. L. D. Zimmer u. A' getragen. Die Grabstätte de» Lhief - Rabbi ist zunächst der de» Dr. Ascher und nur einige Fuß von der de» Mr». Marcu» Adler entfernt.!תנ׳צ׳ביה (Wir verweisen auf di« biographische Skizze im beiliegenden ״Familienblatt" und füge» hinzu: Nathan Adler, hat nicht nur da» Judenthum in England mit Glanz und Würde repräsentirt, sondern seine Fittige über die Juden in allen fünf Ecdthcilen gebreitet, auf dem ganzen Erdenrund, wo Juden weilen, findet darum die Llage um den Londoner Oberrabbiner einen Widerhall. — Seine streng« altjüdische Frömmigkeit war nicht exclusiv, um Andersdenkmde zu verdammen: er hat seine große Autorität nicht zu Parteizwecken gemtßbraucht, sondern weise benutzt zum Heil und zur Ehr« der jüdischen Gesammtheit. Sein Andenkm verbleibt zum Segen I) Vermischte und »e«este Nachrichten. Leipzig, von der ,Zeitung de» Judenthumssind bislang noch 2 Nummern erschienen, die eine ist die letzte, noch von plsilippson'» kand in der letzten vezemberwoche fertig gestellte, di« andere mit Traaerrand ist mit den ausführlichen Berichten der Trauerfeierlichkriteu, Reden und Trostesadreffen gefüllt. Die letztere ist bei Gustav Lnael in Leipzig (Hoopitaiftraße Nr. 2) für »0 pf. zu haben und dürft« den vielen Verehrern de» verstorbenen als Lrinnerungsblatt sicherlich willkommen sein. Berlin. Zu Freistellen in Heimstätte» für Geaesende h«t Herr Kommerzienrat Alb. Aron« dem Magistrat 30000 Mt. übersendet. In Wien starb am 8. d». der Schriftsteller Seligmann Heller, «in Man» von gründlicher philesophtscher Bildung nnd anlgebreiteteu» gelehrten Wissen, im LS. Leben»jahre. Er hat ein philvsophtse« Gedicht ,Ahadver" und ein Drama an» brr jüdische» Beschichte unter de« Titel ,Dt« letzten Hasmenäer" geschrieben und 1873 seine gesammelten ^Slen. den ersten Tagen der nächsten Woche begehen zwei um die jüd. Litteratuc verdiente Mäaner ihren 80. G-burt»tag; am 3. Februar der in der jüd. Gelehrtenwelt bekannte und z. Z. sehr produktiv« Herr Leopold Duke», Tag» daraus am 3. Februar ber zarlsinnige feinfühlige Dichter Ludwig August Fräakel, Ritter von Hochwart. Möge beiden Greisen, dem Denker und dem Dichter, «tu wohliger Lebenbtabend beschtedea sei». MnrtS. Ende Dezember starben hier zwei »»»ländische Jlraeliten, die e« in der Hauptstadt zu einem gewiftea Ansehen gebracht. Der vbercantor Salomo» Retter und der Buchhändler E. Durlacher. Erster«! war au» Ungarn eingewandert und war seit lSLS Eaator au der Synagoge in der Rue Nazareth in Gemeinschaft mit Ranmbourg. Ein Sohn Retter», der jung gestorben, war «in berühmier Rlavierspieler, ein anderer ist Professor an der Musikschule in Genf. — Durlacher war au» Karlsruhe in Laden etagewandert; derselbe war zuerst Sprachlehrer und dann später Begründer der gleichnamigen Buchhandlung: er war der Schwiegersohn de» früheren Bceßrabbiuer» von Frankreich Marchand-Eanery. Derselbe gab eine Ueberfetzung der festtäglichen» und Äerktag»gebete, sowie einen jüdischen Kalender Hera«». — Msdrtd. Die Akademie der Wissenschaft hat Mols« Schwäbin Pari» zu ihrem eorrespondirenden Mitglied« auf vorschl^ eine» Jesuitenpater» gewählt. Dieser schreibt dem Neugewäylten: ,Die Akademie ehrt sich selbst durch dt« Angehörigkeit gelehrter J»raeliten wie Oppert, Grätz, Loed, Harkavy, früher war die» ander», dt« Wissenschaft bringt diejenigen Spanien wieder zurück, welche sanatisch« Unwissenheit «inst vertrieben hat" (Ja Deutschland will ein Hofpredtger die Juden aa» Deuischland vertreiben und in Spanien will «in Jesuitenpater sie wiederausnehmen. Qom mutatiorerum!) D»rtz«». Der frühzeitige Tod de» Bischof» von Durham, Herrn Dr. Llghtfoot wird auch von den Juden schmerzlich empfunden. Al» eifriger Lerfechter der Bibel gezen die destructiven Theorien der »Tübinger Schule-, konnte er der gemeinsamen Sache der Juden und Ehristen nur nützen. Mit seinem reichen Wissen wußte er die Ungläubigen zum Schweigen zu bringen und der geossenbarten Religion rm Kampfe gegen den Unglaube» zum Siez« zu verhelfen Seinem Einfluß verdanken wir nach da« Projekt zu der »revidirten Bibelübersetzuua-, durch welche die sehlrrhaste Ueberfetzung so mancher Stelle» i« Auen Testament berichtigt wurde. Bon seinen sonstigen Schöpfungen verdienen noch die »MäßigkeitSvereine-, welche aus leine Anregung entstand«», besonderer Erwähnung. Sein edler, maanyafter Lharakier verdient di« btchst, Achtung und genügt schon allein, ihm die Unsterblichkeit zu sichern.

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