Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 48 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Sädtfche» 188». Hercuwgegebe» von Dr. M. Na-mer tu Magdeburg. Jit Nuttthtlüm-1 -tithnms fir die israelttis-e juilit. Jnhalt Pol». Grzdblung au« der Gegenwart von L. Belt. — Bischof Szuh und Baron Hirsch. — Ueber bU Misch« Ra«. — * Allerlei für den stamilteutisch — AStbselaufaaben und Räthsellösungen. . ' lllndefngtrr «achdnuk tU diese« Blatte unters,,t. Pola. Erzählung au» der Gegenwart von E. Bett. («chl»».) Da richtete fich Pola empor m,d dt feierlichem Tone sprach fi«: »Höret »ich — bevor ihr mich verdammt. — Der lob jener Dawe öffnet da» Tiegel de» Geheimnisse« von »einen Lippen. Die Verordnung, welche die russische Regie, rn», »egen au»Iiladische Iäraelite» erließ, traf un» hart. Ich sah die trüdeu Zeiten kommen und suchte selbst Arbeit. Ich stickte Monogramme für eia Manufacturgeschäft und «nrdr au«reichei,d belohnt, «ine» Abend» ,l» ich nach Ab. ltefernng meiner Arbeit etwa« verspätet heimkehrte — hört« ich plötzlich dicht neben mir den jammervolle» Ruf: .Rettet »ich — ich sterbe — rettet mein Lind!* — Ich eilte der Ttinuue »ach. Im Lellerrnum lag auf dem Bode» ein hagere» Weib dt Lhräueu zerfloffen, neben ihr ein «einende» Lind. Da» ®!Ü umarmte mich krampfhaft, ,l» ich näher trat, und schrie: »Rette mich — rette un» — wir sterben »or Hunger." — Ich eilte dir Trepp« hinauf und holte vom Krämer Milch, Semmel und et»wa« Wein, womit ich daun die Unglückliche und ihr Lind erfrischte. Sie küßte wich fieberhaft und lat mich zu schweigen — so lauge sie am Leben sei... . «.O, theuerste Pola, wie durftm wir nur wegen Deiner Zurückhaltung Dir Borwürfe machen."" — — »Ich wäre an Deiner Stelle nicht ander«', entgegnet« Pola and fuhr fort: »Höret weiter. Ich war rathlo«. Da» LSeib schien sehr krank zu sein. Sine geldgierige Wartefrau hatte fie seit einigen Wochen in diesen finstern Lellerrau» «utergebracht. Dieselbe war den ganzeu Nachmittag heute abtoesend. Mir kam nun die wohlthätige Gräfin Huffewdka 1» den Sinn. Ich eilte wuthig zu derselben »ud erzählte ihr den Borfall. Sie hieß sofort mtt außerordentlichem Eelmuth« ein Zimmer io ihrem rückwärtigen Oebände in Buettschaft stellen und sandte glrichzetttg um ihre» Hau»arzt. Dieser war jedoch abwesend «ud an dessen Stelle kam sein Asfisteut, Doktor von Mtr»ki. . . ." Pola konnte einen Seufzer nicht unterdrücke»». Rach einer Pause fnlft fie tu ihrer Erzählung fort: »Ich fuhr »dt de» jungen Arzte zur bezeichneteu Stelle. Wir traten in den Lellerrau» und der Arzt näherte fich der Unglück, lichen. — Da spiettr fich eine schreckliche Gerne ab. — Er prallte zurück, wie vor eine« Gespenste. Ich hatte den Verführer und sein Opfer znsauuneuged rächt —. Sie lag du Fieber »nt erkannte ihn nicht. Er aber zitterte am ganzen Lörper — daun näherte er fich. kniete vor ihr «ud indem dt« Thrtneu über seine Wangen rollten, versuchte er» ihre» Pul» zu untersuche». — Wir brachten die Unglück» ltche mtt ihrev» Linde — nach dem ivalai» der Gräfin Huffr»«ka. Ich wurde der Armen einzige L ertrante und brachte täglich einige Stunden an ihre« Bette z» um fie zu pflege« jrab Math un» Trost zuzusprechen. So erfuhr ich, daß fie an» Hinterpovunern stamme und während de» Sommer» im Seebade Zoppot den jungen Mirtki bei einer Räuniou kennen gelernt hatte. Er verschaffte ihr die Stell« einer deutschen Gouvernante auf dem Landgute seiner verwandten. Während der Ferien, kam er dorthin, lustwandelte mit dem Mädchm, welche» ihm von ganzer Seele ergeben war und sogar in der Hoffnung fich wiegte, daß er sir heiratheu, und fie und ihre verwandten dadurch glücklich machen werde. Er spiegelte ihr eine goldene Zukunft vor» fie traute seinen liebeglühenden Worten und srtue« heiligen Schwüren, seine heißen Küsse berückten ihren Sinn» fie machte ihu, wie er im Sinne«« aumel ihr verficherte, zum glücklichsten aller Menschen, er aber «achte fie zum — unglücklichsten aller Geschöpfe. Nur zu bald verließ er die .dumme deutsche Gouvernante". Al» fie fich so getäuscht und »erlassen sah» reifte fie nach Warschau und fiel tu die Hände einer ge» wissenlosen Frau, die fie auf» Schändlichste au«beutete. Mir»ki besuchte sein Opfer nicht. — Er überließ ihre Behandlung dem Primärarzte, während er, scheinbar zer» knirscht von Reue, täglich auf weine Rückkehr warteie, um mich über ihr Befinden zu befragen. Ich hatte Mehrere» für die Unglückliche und ihr Lind mit ihm zu orduen und mußt« mir seine Begleitung gefallen laffeu-* Die Geschwister lauschten den Worten Pola'» mit größter Spannung. Hier hielt fie etwa» ermattet inne und ließ ihre große» schwarzen Tugen auf Moritz prüfend ruhen. Nach einer Pause fuhr fie fort: »— Die Liebeäbetheuerangen de» Herrn Mirökt waren mir äußerst zuwider. Wußte ich doch au» dem Munde meiner unglücklichen Freundin «a» davon zu halten. Aber je strenger ich ihn abwie», desto eifriger versuchte er e». durch Geschenke, die ich mit Abscheu zurückwte«, und durch die wunderlichsten Vorspiegelungen — worunter auch die Aufeathalt»«r»irkuug für meinen Vater — ja durch den Schwur, er wolle meinet» halbe« zum Judenthum übergehen, und dergleichen wunderliche Geschichten mich irre zu führen. Da ich Euch al» meine einzigen wahren Freunde ihm nannte, scheint er e» mit einem Briefe an Sie, werther Herr Moritz, versuchen zu sollen — .Bet «ott!“ rief Moritz — ,e» soll auch sei» letzter versuch sein. — .Ich erwarte von Ihne«, daß Sie jede Begegnung mtt Herrn Miräkt vermeiden »erden. Thun Sie e« mtt zu Liebe —" Pola ttat näher an ihu heran. Eine dunkle Rvthe überzog ihre Wange». Während fich eine Thräue an ihren Wimpern zeigte, ergriff fie seine Hand und sprach sanft: .Wir wüsten scheide». Die Regierung verfolgt meinen schuld, lose» Vater wegen seiner Religion und Rationalität; mich veiffolgt der junge Mtr«ki. Wo wir eine neue Hrimath finden, ist ungewiß. Ich habe noch eine Bitte an Sie, Moritz —" .Befehlen Sie", sprach er kaum hörbar, während sein Herz von tieffter Empfind mg übersttömte. .Ich habe die vielen Mittheilungea meiner unglücklichen Freundin notirt, welche für deren Eltern und B«r-