Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 47 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 47. Jüdisch«« 188». ff/ Herau«g «geben von Dr. 91. Aahmer in Magdeburg. jw zluttthaltrug i Krlthnng fir die israelitische Familie. Znhalt: P„la. Erzählung au« der Gegenwart von E. Bert. — Au» dem jüdischen Orden»leben. Bon D. Wolfs-Berlin. — Die 70 jährige Jiibelstier de« Israelitischen Wohlihätigkeils-Bereins in »Sin. — Die Pseudoprediger in England. Bon M. Zilberftein. — Rilrhselausgaben und Mrhsellösungen. (Uuvesugier Rachdrn« au» diesem Blatte untersagt. P ola. ltrjtllung au« der Gegenwart von L. Bett. »Die Taub« hat ihr Rest, der Fuchs di« Kluft, Der Mensch die Heimath — Juda nur di« Gruft." Byron. Der Kaufmann Heinz trat in sein Eabinet. Auf dem Pulte lag eine Vorladung: unverzüglich im kaiserlich-russischen Cowmissariate zu erscheinen. Er nahm da« Papier und «achte sich auf den Weg. »Schon wieder fort, Papochen? tönte ihm eine helle Stimme entgegru. »»Ich habe im Eommissariate etwa« zu thun und komme bald wieder."" »Da will ich uuterdeffeu meiner Romona einen Besuch obstatten, — gute« Papachea?"" ..Meinetuegen, Prla, aber nicht lange ausbleiben."" »O nein, Papa, länger al« ein Stündchen wird'« nicht dauern —* Ihren Batrr umarmend huschte sie davon. Kurz darauf kam Heinz bei dem, in Uniform eine« russischen Kapitän« geNeideteu, Lommissär vor. »Sie haben" — herrschte ihn dieser an — »binnen 24 Stunden Warschau zu verlassen." ,»Lu« welchen, Grunde?'" — »Sie sind deutscher Unterthon, und obendrein Jude.— Sie müssen di«; Verordnung kennen. Hier, unterfertigen Sie da« Protokrll." — »»Entschuldigen Sie, Herr Eapitün. — Ich wohne hier achtzehn Jahre. — Ich fühle mich in Nicht« schuldig. Ich kann nicht — mir Nicht«, dir nicht« — mein Geschäft . anfgebeu-"" »RewirSwh I" rief der Lommissär dem Polizeiagrotei zu. »Geben st« acht auf diesen Mann. Wenn er länger al« z«et Tage oerbleibt — lassen wir ihn mit Gensdarmen über die Grenze bringen." — Bestürzt eilte Heinz nach Hause. Ganz uogewöhnliche Ereignisse sollten heute seinen bescheidenen Lebenswandel kreuzen. Zu Hause augelaugt, erwartete ihn daselbst ein polnischer Edelmann. — lk« war der reiche Graf Mir«ki. »Ich wünsche" — begann er — »mit Ihnen ein ernste» Wort zu reden." »»Womit lann ich dienen?'" »Sie haben eine sehr edle Tochter." »»Kennen Sie dieselbe?"" »Ich nicht, aber mein Sohn. Er hat Ihr Kind von der schönsten Sistte kennen gelernt. Durch eine hochherzige That und durch den Reiz ihrer Erscheinung übte sie auf ihn eine außerordentliche Wirkung." — » Ob Sie nicht in der Person irren?!"' — „O nein, ganz entschieden nicht. Mein Sohn lübt Ihre Tochter mit dem reinsten Feuer einer jugendlichen schönen Seele. — Da« Unglück ist nur, daß zwischen un» «ine Scheidewand sich erhebt. Ich bin katholisch — Sie mosaisch; — ich bin einer der reichsten polnischen Adeligen — Sie ein Kaufmann in ziemlich ungünstigen Berhältnissen-" .»Ihre Worte klingen sonderbar. Sprechen Sie zu Ende." — Der Graf rückte etwa« näher und sprach in eindringlichen Worten: »Ich bin sehr genau unterrichtet — Ihre Lage ist fast eine verzweifelte — Sie müssen Warschau r erlassen und haben keine Zufiucht«stälte. Ich will Ihnen eine solche bitten und nölhige« Geld leihen. Noch mehr. Ich will alle Borurtheile zertrümmern, welche mit dem Stolze unsere» Geschlechtes verkiltet sind. Herr Heinz — geben Sie Ihr Kind meinem Sohne zur Frau — al« Ehristin." Der Kaufmann erbleichte, doch entschlossen erwiderte er: »Sie verlangen Unmögliche«. Ich achte Ihre Selbstlosigkcit — aber ich habe weder meine Religion, noch meine Tochter zu verkaufen." »Herr Heinz — Sie sind doch kein Fanatiker. Haben Sie nur den Muth, den Kampf mit Ihren von Borurtheilen befangenen Glaubensgenossen aufzunehmen — Es gilt da« Glück unserer Kinder. Ich bin überzeugt, daß Ihre Tochter freisinniger denkt." — Der Kaufmann blickte ihn scharf an: »Haben Sie vielleicht schon versucht, meine Tochter für Ihren Glauben zu gewinnen?" »Nein" — antwortete der Graf mit Würde — »Sie mißverstehen mich. Ich bin kein Proselitrnmacher und kümmere mich nicht um da« künftige Heil der Seelen. Ich will nur unfern Gesetzen nicht zuwiderhandein. Dann sehe ich nicht ein, was Sie bei der Taufe verlieren würden. Die hervorragensten Männer Ihre« Volke», wie Spinoza (?), Heine, Börne, waren getauft und stehen doch bei den Juden in hoher Achtung." — »Herr Gras", enigegncle der Kaufmann sanft. »Mein Herz ist zu tief verwundet, um jetzt über Religion diSpuliren zu können. Man bewundert bei Spinoza, daß ein solcher Genius dem Juden innewohnte — bei mir würde man Schacher und Wucherei herau«suchen. Heine und Börne aber rauften sich, um die Verfolger der Juden unbehindert mit Sarkasmus geißeln zu können. — Man verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Das ist schlimm. Seit meiner Kindheit hänge ich mit den glühendsten Zuckungen der Seele am Judenthum und ich werde mit meiner Tochter, bi« zu meinem Tode bei demselben au-harren." — »Dann will ich sehen" — sprach der Graf indem er sich zum Abschiede erhob — ,wa« mit meinem Sohne zu machen sein wird. Adieu!"- Romana klimperte am Fenster. Ihr Bruder Moritz saß nachdenkend in einem Lehnstuhl. Plötzlich erhob er sich unruhig mit den Worten: »Wirklich sonderbar — daß doch Pola — acht Tage — eine wahre Ewigkeit für uv« — sich nicht sehen läßt."