Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 46 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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.»46. Jüdisch«. 1889. ff/ H«rau«g Herau»gegeb« Bon Dr. 9t. >ah«er in Wagbtburg.?ir S«trr|iltx«|«. Ktittzriag fir hie israelitislhe f iiiür. -* *=4«- Inhalt Hargnwadel. EiN« kuiawtsch« Erzählung an» dem Anfang« uns«««« Jahrhundert«. Bon Johanna. (Lchluh.) — H-inrich voat» * d«i»'4 bvjährige« «uaftlerjubiwum. — De» Lordmayor« Jsaac» Umzug. — Allerlei für den Fomilieutilch. — Släth- * selausgabe» nnd «äthselldsnngen. (Unbefugter Nachdruck au« diese» «lulle unterlagt.) cherzensaoel. «lue kujawilte «rzLhirrg an« dem Anfang« unjnc« Jahrhundert«. Bon Johanna- «) - 25. Kapitel. (Schluß.) 18301 da« verhängnisvolle Jahr für Europa! Lieder hatte» die Polen au den eisernen Kettest gerüttelt, die seit Jahrhunderten klirrend und mahnend ihren Suß fesselten; sie wäre» gesprengt durch den Löwenmuth der «fesselten und Schrecken kam über ihre mächtigen Feinde. Die Tage non Warschau, Prag», Ostrolenka hat die Weltgeschichte mit unvergänglichem Griffel verzeichnet. Wie die Pole» für ihre gute Sache mit Begeisterung gekämpft, so wird Jedermann, der Freiheitsliebe, Tapferkett nnd Baterla»d«litbe hrttig hält, den Erinnerungen jener Zeit, Bewunderung und Mitgefühl nicht versagen. — Aber jene Opfer waren nicht nur vergeblich, sondern bewirkten strengere und grausame Sklaverei. Die vornehmsten Frauen hatten «Ugekämpft tu den Reihen der Krieger, Andere hatten ihre Kräfte, ihren Reichthum erschöpft für da» Vaterland; stt theilten Gefangenschaft in Sibirien wie jede andere Schmach mit den Besiegten. Ganz Deutschland empfing die Märtyrer bei ihrem Urbergauge über die Grenze de» geliebten, von neuem verlorenen Baterlande» mit liebender Theiluahme nnd vewunderung; ihr Zug durch dir deutschen Lande glich mehr einem Siegrsjuge» nl» einer Niederlage. — Dr. Rembrand erhielt die schriftliche Bitte eine« ihm befreundeten Gutsbefitzer« diefieit« der Grenze, einen flüchtig Gewordenen General, den die rnsfische Regierung verfolge, bei sich anfznnehwen, nur für eine Nacht, man würde den Flüchtling dann »etter in Sicherheit bringen. Noch an demselben Abende erschien der Angemeldete, eine jener Heldengestalten Polen«, in General«uniform, die er abzulegen nicht Zett gefunden, da die Verfolger ihm auf der Ferse waren. — Nicht« mochte auf die überstaudeneu Ge»ü1h««rrtguugeu, Entbehrungen und Anstrengungen de« General« schließen lasten. Seine mächtige Gestalt durch «ünnliche, ritterliche Aumuth elegant erscheinend, ließ nicht darauf schließen, daß er au« einem Schlachtftlde komme; seine Unterhaltung ernst mid würdevoll, war oft durch hu» »orooüe Einfälle unterbrochen, stolz verbarg er seinen tiefen Schmerz. — Bi« tief in die Nacht hinein, blieb er nach dem Adeudbrodr, da« «tt größter Berückfichttgung von Zett und Umständen bereitet n>ar, «tt Dr. Rembrand allein, de« er seinen Plan, nach Frankreich zu gehen, mittheilte. Al« man de« General am Morgen da« Frühstück auf sein Zimmer schickte, bat er um den Besuch de» Herrn Doktor. Al« dieser dtt Schwelle bettat, reichte ihm der General «ine ri«kalt« Hand, »tt t«u Worten: »Herr Doktor, ich r«, ich habe di« Cholera in ihr Hau« gebracht, schicken »ich tu ein Spital oder Lazarrth." Erbleichend erkannte der Arzt au den bläulichen Lippen, de» oertnderleu uuhettverkündenden spitzen Kinn, au de» krampfhaft verzogenen Antlitze, die Symptome jene« todt» athmendeu Ungethüm«, Cholera genannt. »Sie bleiben iu meinem Hause, Herr General! Hier find nirgend« öffentliche Anstal.'rn vorbereitet für diese Fälle.- - E« war kein Ueberlegen möglich. Der Doctor ent» kleidete den Kranken, legte ihn in »a« Bett und eilte schnelle Hilfe zu verschaffen. Mit größter Mühe entschloß sich ein polnischer Veteran zum Frotlireu de« Kranken. Man fürchtete die Ansteckung. — Niewand arbeitete, den nicht Hunger dazu zwang, da mau ja morgen schon sterben würde. Jede vernünftige Vorstellung war verdrängt von Wahngebilden. Di« Furcht, eine jener dämonischen Gr» walten, verwandelte da« erhabenste Recht, die Selbstbestimmung. in Selbstvernichtung. Da« ganze Hau« war be» schäfligt» die sch'eunigste Ausführung der ärztlichen Verordnungen zu befolgen, vergeblich 1 — Nachmittag lag der Held, der unzählige Mal den Gefahren der Schlachten entronnen hingestreckt auf dem Todtenbettel Die Polizei schickte einen Leichenwagen und einige Männer in Mänteln, Kappen und Handschuhen von schwarzem Wachstuch al« Schutz gegen Ansteckung; — fie hüllten die Leiche in ein Bettuch, nahmen alles Bsttzeug mit, um e« zu verbrennen, und ohne Sang und Klang, nur von seinem Hündchen begleitet, das er mitgebracht, warf man den Hingeschiedenen in eine mit ungelöschtem Kalke gefüllte Grube de» katholischen Kirchhofe«. — Der treue Hund biß nach Jedem, der versuchte ihn von dem Grabe seine« Herrn zu entfernen. Man hatte ihm manchen Bisten hingeworfen, er aß und trank nicht«, wimmernd ttatzte er in der Erde, bi« mau ihn auf der Uuglück»stätte todt fand. Die Griechen glaubten in Unglückszeiten die Stimmen der Lemuren zu vernehmen, schattenhaft, klagende Gestalttu, nie geschaut uod dennoch die Menschen mit Gespensterfurcht erfüllend. — Sehnliche Stimmung mit derselben grauenhaften Wirkung brachten seit Monaten Furcht und Schrecken in die angrenzenden Orte Polen«. Dort hatte der Tod schauervolle Ernte gehalten und al« rächten sich die Gefallenen, verbreitete fich der Fluch jede« Krttge«, da« todtbringeude MiSma, unter den Lebenden. Sie kommt, fie kommt, hieß e« lange rar ihrem Auftreten, fie kommt, dtt asiatische E ho l er al Nun war fie dal Da» Gespenst war furchtbare Wahr» hett geworden, von Tag zu Tag. von Stunde zu Stunde fielen dem unbesiegbaren Ungeheuer unzählige Opfer. — Mau konnte schließlich berechnen, wenn heute Zehn beisammen waren, fehlte morgen mindesten» Einer von ihnen. Alle Aerztt der Stadt hatten geleistet «a« in ihren Kräften lag. — Dr. Rembrand überlebte einen Kollegen, stand andern treulich bei und war schließlich der einzige uu» angetastett, ungebeugte Arzt mitten tu dttser Seuche. »Gott sendet seine «rgel, ihn zu beschützen-, sprachen dtt Leute zu einander, wenn er Tag und Nacht kräftig und gesund an« der nie vrrschloffeneu Hausthür seine« Hause«