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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 33 (1889) · p. Seite 129

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
33 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 129 (sequence 3)
Language
German
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»Mein Sätet schläft." redete fie»ihn an,Esch«, seit einer Stunde, ach, seit mehr denn sechs Wochm, hattet nicht so anhaltend und ruhig geschlafen. Ephraim äußerte sich theilnahmsvoll und erhob sich, um sich zu entfernen. »Sie sind sehr stolz. Herr —* nahm Recha das Wort uud zögertt einen Augenblick, da sie sich scheute, ihn wie bisher nur mit dem Vornamen zu nennen, und e» auffallend fctnb, ihn plötzlich anders anzuredea. »Sie sind sehr stolz,- wiederholte sie, »daß sie Weggehen, um meinem Danke auSzuweicheu. Und ich schulde Ihnen vielen Dank für.das Buch. Es enthält s» viele Wahrheiten, zeigt uns so manche »eue Anschauung, daß ich. wenn Sie erlaube», es noch einmal lesen werde. Und Ihre Bemerkungen — es tft doch Ihre Schrift? — sind nicht minder wahr und treffend. Lesen Eie viel? Ich muß gestehen, Sie dürfen mir aber nicht zürnen, ich war sehr bettoffen über Ihre eben so scharfsinnigen als »eise» Randglossen." E» ist unmöglich, Ephraims Gemüthslage zu schildern, in Verhör genommen von dem anmuthigsien aller Mädchen, wurde es ihm bald heiß, bald kalt, bald war er ganz nur Auge, bald ganz nur Ohr, und »aS seine Lage noch peinlicher machte war der Umstand, daß et nicht frei und offen reden durste, und daß eseiner ehrlichen Natur schwer fiel, sich anders zu geben als er war. »Zürnen, Fräulein? Wenn Sie meine Ansichten theilen, so machen Sie mtt diese nur um so weither." »Ansichten?" entgegnett Recha, »nein, so warm, so lebendig sprechen sich nicht Anchten. so spricht sich nur lieberzeugung auS. Jndeß — ich habe nicht das Rechr zu forschen statt Ihnen zu baute», verzeihen Sie." Das war zu viel. Hätte er ihr doch so gerne bekannt, wehr als er bekennen durste! Er vermochte kau» dem Drange zu widerstehen, ihr sein ganzes Herz zu sffnea, doch ein Besicht, halb des Stolzes und halb der Scheu, verschloß ihm die Lippen. Recha entging es nicht, daß Ephraim mit sich kämpfte, seine Züge «erriechen es, in ihrer Ahnungslosigkeit jedoch beschuldigte sie sich und ihre Neugier, die zu erkunden gewagt, was man ihr verbergen wollte. Verlegen wandte sie sich zum Bette des Balkis, und als sie sich überzeugt, daß et noch schlief, trat sie zu Ephraim zurück, welch» sagte: »Sie wundern sich wohl, daß ich, in meiner Stellung ein solche» Buch lese und verstehe. Ich würde in Ihrer Loge vielleicht ebenso denken, obgleich geistige und sittliche Bildung Gemeingut aller ist, oder doch sein sollte. Doch ich bin der Sohn eines Arztes, war sür de» väterlichen Beruf bestimmt, «ad nur Unglück und Vorurtheile haben »ich dazu verurtheilt, eine so untergeordnete Stellung zu bekleiden.? Er erzähltt Recha seine Geschichtt und fuhr fort: »Um meiner Mutter Willen blieb ich dis jetzt in Deutschland und stählte wich, bie Beleidigungen und Zurücksetzungen zu er» trauen und zu erdulde«, welche die Gesetze ebenso wie die Gesellschaft dem Juden zufügeu. Ich that's bi« heute, ich kau» nicht mehr. Ich »erde auswandrrn, werde nach Amerika überfiedeln, wir dort ein Battrlaud zu suche», keine Sittfuuttter, die mir die Gleichberechtigung versagt, deren die »»deren Söhne theilhaftig sind, die wir aks Arzt Menschenleben auverlraut, mir jedoch verbietet, Avotheker zu werden, die mir als Auwalt die Macht verleiht, de» dem Tode Geweihten seiner Straft zu entreiße«, mtt aber verbietet. Recht zu spreche» über Mein uud Del», die mir befiehlt, eiu bürgerliches Gewerbe zu betreiben, «eine Niederlassung iudeß au meiueu Geburtsort biudet, die mtt mäkelnd vorzählt, welche» Beruf ich ergreife» dürfe uud welchen nicht, die mir das Rechr aberkeuut, Liegenschaften zu erwerbe» — nicht weiter, »ein Gott, ich will nicht bitter werde«, will keine ' Anklage gegen Jene schleudern, »tc mit de» heiligste» Menschenrechte» Schacher treibe», und doch de» Betteljude» schelte», -der »fit ftMtfcrnfisic» schachert." - - Ephraim sprach mtt dem Feuer der Begeisterung und des empörten Rechtsgefühles, die Worte sprudelten »ou seinen Lippe», seine Wangen glühten, jetzt war er wieder er selbst. Mit Mauuesstärke hatte er geduldet, hatte deu Druck als Jude und btt Entbehrungen als Knecht gettageu, jetzt aber — so stand es i» ihm fest — jetzt will er das Hans Benjamins verlassen, will Recha erringen, »nicht mehr Knecht, Freier will er sein," sprach e» iu seiner Seele, »und um fie will dereinst ich freien." Recha lauschte audachrsvoll deu begeisterten Worte», wohl lugte fie manchmal ängstlich nach de« Battr hin, ob er nicht erwache von der lauten Rede, aber — unterbrechen, nein, da» konnte fie diesen Dulderhelde» nicht. Die innigste Theiluahme, die höchste Bewunderung erfüllte da» empfängliche Herz der Jungfrau, als fie ihm, der eiu Leben der niedersten Arbett, der bittersten Entsagung hatte führen müssen, lauschte, wie er, einem zürnenden Gotte gleich, voll heiligen Eifers, seinem Schmttze Worte lieh. Thräneu entströmten ihrem Auge, und schweigend reichte fie ihm die Hand, als ob sie ihm etwas abzubitten habe. Ephraim aber fuhr fort: »O, glauben Sie mir, es ist hart, fich auf sich selbst beschränken, ohne Gedankenaustausch, ohne Freund, ohne Umgang dahinieben zu müssen. Das ist mein Loos fett mehr den» vier Jahren. Darum vielleicht mag ich lebhafter empfinden als Andere, weil das iu mir glühende Feuer nicht verflammt, sondern geschürt und genährt wird. Wie steutt ich mich, als ich au jenem Abend hörtt, wie Sie Herrn Sender gegenüber die Herrschaft der Vernunft verthetdigten uud fich weigerten, blinde« Glauben ^u huldigen, wie fteute ich mich darüber, da Stt mir doch aus der Seele gesprochen hatten." Durch einige Bemerkungen Recha's angeregt, sah er fich veranlaßt, fich übtt seine religiöse Richtung zu äußern und sagte: »Es siebt nur eine Freiheit, dtt ich von jedem und für jede« denkenden Menschen fordere: die Freiheit des Geistes. Sie sei sei» Lebeusuer», frei sei dtt Lust, die er athme, dtt Gesetze, die er auerkeune. seien die dtt Sitte und Moral. Wer fich iuuerhalb dieser Gesetze bewegt, was uud «tt er sonst immtt sei, tt wird ein Mensch sei». Welch eine Fülle von Seligkeit birgt dtt Mensch, dessen Herz-" Ephraim brach ab uud erhob sich. „Mein Entschluß ist gefaßt: sobald Ihr Herr Vater wieder httgestellt ist, wttde ich reisen. Bttgebe» Stt mir, Fräulein, baß ich Ihnen so viel von mir gesprochen." Recha näherte sich ihm, wollte rede», konnte aber kein Wort hervorbrtngen. Sie war tttf erregt. Dtt feurige und edle Geist des Jüngling« bezauberte, sein Leiden rührte fie, fie hätte zu ihm treten und ihn bitten mögen, zu bleiben, abtt mädchenhafte Scheu htett fie darau zurück, und so vttharrte» beide einige Minute« schweigend, bi« Ephraim fich entfernte. — Sofort setzce tt fich au sei« Schreibpult, um folgenden Brief au Staubescheu zu richten: »Hochgeschätzttr Freund l Die alten und neu hinzugekommeue Verhältnisse bestimmen mich, Deutschlaud, Europa zu verlasse»; ich will hinübttsegel» nach Amerika, will Goldstaub sammeln, will reich werden. Lächeln Sie nicht, es ist «ein Ernst, ab« glauben Sie nicht, daß ich deßhalb Ihr« Freundschaft mindtt werth -sei. Dort ist Staat und Arche getrennt, dort werde ich alle» ebenbürtig sein. Grüße« Stt Ihre Frau »ou mir uud bitten Sie Franziska, mir ihre schwestttltche Liebe zu bewahren, uud wenn Sie fie dereinst verheirathen, suche» Sie ihr einen würdige» Man» aus, fie vttdttut es, glücklich zu werde«, und auch Karl, dtt brave Junge, sei herzlich von «tt gegrüßt, tt ttrue fleißig und werde seine» vattt ähnlich. Ich scheide von Ihnen schwtteu Herzens,— Gott erhalte uud segne Stt alle. Hake» Stt die Güte, mtt meiueu Koffer hitther zu sende», und ttlaffe» Stt mir, Jhue« »iedttholt zu banke». Ich hoffe nicht, Ihne» zu

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