Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 25 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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lfTWANWWM Jüdische- ItfttltM'#/*// tzerau«gkgeben von Dr. tR. Lahmer in Magdeburg. 3«t Kttnheltmg i. Kelehmr fir die »raeliiischr Fmilie. *=►• Jnhalt: Herzensadel. Line kujawische Lrzühluug auS dem Anfang« unsere« Jahrhundert«. Bon Johanna. — Der Anlisemiiismu« unter Ludwig XIV. Bon L. Lazard. — Die drei Religionen. — Allerlei filr den Familientisch. — Au« dem Spruchschatz de« Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — -Üithselausgaben und Rlltbsellljsungen. lUuSefu-ter Nachdruck au« diese» Blatte ualersagt.) HerzensaveU Ein« kujawische Srzühlung au« dem Anfang« unsere« Jahrhundert«, von Johanna. 1», - lSortseprng.) Ju der Veranda wartete man mit dem Abendbrot auf die zärtliche Mutter, die ihrem Manne die komische Aeußerung der Linder von der Mutterliebe mittheilte. Man scherzte uud lachte über jenen vergleich der Kleinen im grmüthvollsten Tone, Frau Laura aber sagte: „Run meinetwegen, sagt wa< Ihr wollt. DerZug, der Mutter und Lind bei jeder Lreatur verbindet, bleibt doch da« rührendste uud erhabrudste Geheimuiß der ewig rrhalteudeu Liebe." »Darin stimmen wir sicher Alle mit Ihnen überein" sagte Ft au vou Winiaw-ka. »Rur zu einer Art Liebe bekenne ich mich nicht, ich meine jene Affenliebe, die manche thörichten Mütter diesen Thieren uachzuahmen scheinen," sagte Frau Rembrand in ihrer entschiedenen und doch so aumuth«volle» Weise. »Eia deutscher Dichter nennt die Mütter »die Schwiegertöchter der Natur". Jnstinkttv find sie dieser behilflich. Sie erwecken bei den Lleineu die fünf Ginne, welche, je richtiger sie entwickelt werden, ihnen den Reichthum alle« Leben« erschließt", sagte der Doktor. »Ich verstand noch nicht jenen Ehrentitel," meinte seine Frau, al« ich, wie die weiften Mütter, die sich viel mit ihren Lleiue« beschäftigen, au« reiner Herzenslust» ohne darüber nachzudeokä, die krafteMwickelodea Spielereien trieb. — Sehe« Sie, Frau Gräfin, auf der Bank am Zaune dort, die Bäuerin thut'« ebenso." I» der That erblickte man bei dieser Mutter au« dem Volke ganz dasselbe ftdhliche Treiben, wie bei denkenden Müttern, die spielend die Sinne de« Linde« kräftigt. Bald übte fie «ine Art Lnrnen, indem fle da« auf ihrem Gchooße sitzend« Lind an den Händchen haltend in rythmischer Bewegung vor» uud rückwärt« neigte, von seinem Jauchzen begleitet. Bald übte fie »»bewußt sei» Gehör, indem fie bald link«, bald recht« seine» Namen rief, «an merkte an dem Wenden de« Löpfchru«, wie da« Ohr gleichsam den Ton suchte; bald ließ fie einen Lväuel ihre» Strickzenge«, am Kaden hoch hottend, hin und her schweben, da« Lind folgte jeder Bewegung mit den Augen wid haschte danach, bi« c« den Luinel befriedigt i« Händchen fühlte. Diesem anmuthigen Spiele machte die späte Abendstunde «in End«; da« Lind wnrdr zur Ruhe gebracht. »Diese Scene," sagte die Gräfin, »ruft mir mein eigene» Leben in der Kinderstube zurück, ich trieb eben so unbewußt wie die Bäuerin daffelbe Spiel mit meinem Linde. Die Linderstube ist ja unsere Hochschule, wo wir alle Fakultäten zu vertreten haben: Theologie, Jura, Medizin, Logik, Psychologie." »Erlaube. Großmama, alle« ist möglich; aber die letzt» genannttn Wiffenschaftrn in der Linderstube?" sagte lachend Arthur. Die Zustimmung de« Doktor« war den Frauen kein Kompliment, wenn man auch galant zugad, die Gegenwärtigen bilden wie immer, eine Au«uahm:. »Bi« hierher hilft die Natur ihren .Schwiegertöchtern" meinte der Doktor gutmüthig; »aber wie oft fehlen diesen Logik und Psychologie, wenn da« Lind zu beobachten und zu denken beginnt, — wa« viel früher geschieht, al« eine gedankenlose Mutter e« ahnt. Dann merkt e« sehr wohl, wa« in seiner Gegenwart über ihn und manche« andere gesprochen wird. Eindrücke bleiben au» dieser ftühen Zeit zurück, die sich später zu unserer Ueberraschung je nach der Wirkuug drrselben äußern." »So wie uns Selbsterkeuntntß für unsere reifere« Jahre erforderlich ist, so weh wird mir um« Herz, wenn man fie dem Linde offenbart", meinte Frau v. Winiawska. »Die rohe Hand, die eine Blumeuknospe vor der Zeit entfaltet, zerstört fie; wir viel mehr muß die Luospeozeit de« Linde» geschont werden. — Den Schleier de« Unbewußten vorzeitig zu lüften, ist Sünde an dem heilige« Geiste der Unschuld", sagte die Dottorin bewegt. Leicht wird, wa« da« Lind bisher in Unschuld gethan, überlegtt« Mittel zu seine» Zwecken." »Und wa« wird dem falsche» Begriff »artige Linder" zu erziehen, von Müttern geopfert." Alle die natürliche Grazie der unwiederbringlichen Liudereinfalt. der reiche» Phantafie, die sich eine Welt an« sich selbst schafft" fügte der Graf hinzu. — Pedantischen Müttern wird die« besonder« »achgesagt. .Halbbildung schadet hier wie überall, fie erzeugt meist Dünkel," erwiederte der Doktor. Oft find die Linder de« deutschen Arbeiter« in drrser Beziehung bester daran, al« diejenigen de« wohlhabenden Bürger« uud kleinen Beamten. Dort schützt fie die Rolhdnrst de« täglichen Leben« vor Unnatur; find die Eltern mäßig und ordnungsliebend, daun nehmen fie die Fähigkeiten der Linder zu Hilf«; da« Aeltere wiegt da« Jüngere, leichte Hilfeleistungen wecken die Lust zur Selbfithätigkeit. »E« schickt sich nicht", die« ist häufig dir lähmende Gewalt für Sinder jener sogenannten befferen Kreise. Graf Arthur meinte: »Reiche Eltern wüsten sehr gesunde Begriffe von Erziehung haben, um mitten im Ueberfluffe Verwöhnung zu vermeiden; mitten in de« oft fiautäuschenden SesellschaftSlebe», Eharakterstärke uud Wahrhaftigkeit bei ihren Lindern auszudllarn. LS gehört mehr dazu, al« man gewöhnlich aonimmt, hier tüchtige, nützliche Menschen zu bilden." — Al« ein fremde« Element wurden damals die im vergleich zur polnischen Bevölkerung wenigen Deutschen von dieser angesehen, keinerlei gesellschaftliche oder andere Beziehungen bestanden hier. — Die Beamt, n kleiner.Aemter und ungebildete Handwerker repräsentirtea eben nicht besonder« glänzend da« Deutschthum. Beamte verschmähten nicht, iu der Schonzeit verschiedene« Wildpret von ihren Elieuten anzunehmen; sie waren nicht beleidigt, wenn ihnen Körbe