Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 9 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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— 84 — sie auf dem Wege nach irgend eiue» Ort«, dem Drauge ihre« Herzen« folgend, hier ihr Morgengebel verrichte. Der milde, srrlenvolle Ausdruck ihre« Lageficht« zeigte große Sehnlichkeit mit Esther. Wie kam diese« Bild hier her und wer war der Geber? Gedankenvoll stand da« liebe Mädchen da, dann «ahm sie — wir an jedem Morgen — zur Weih« de« Tage« ihr Gebetbuch, aber sie war zerstreut, indem sie darin blätterte und aufrichtig, wie sie gegen sich selbst und ihren Bott mir, schloß sie da« Buch. — Die Ueberraschung durch da« Bild beschäftigt« sie und plötzlich wußte sie e«: nur Srno konnte daran drai'en. sie in dieser finnigen Weise zu erfreuen. Uud in der Lhat, er hatte da« Bild in Berlin, al« er Geschäfte halber dort gewesen, wegen der auffallenden Sehnlichkeit mit seinem av gebeteten Ideale gekauft und et in da« Zimmer durch die verschwiegen« Magd bringen lasten. Die« Zimmer, iu den ikinderjahren sein uud Esther'« liebster Spielplatz, daun da« gemeiusawe Arbeitszimmer, war für ihn längst eiu Heiligthum geworden, da« er au« einer nie ausgesprochenen, weil nie verstandenen Scheu seit Jahren nicht betreten. Wie dankbar die Gute ihm war! Sie nahm mit größerer Andacht a.« sie e« bei chrem Gedetbuche gethan, da« lauge ersehnt« Schiller'sche Werk von ihrem Nachttischcheu; und die frühe Morgenstunde, wo Alle« um sie her »och i» tiefen Schlafe» war eine entzückende für sie. Sie durchflog die Blätter de« Buche« uud immer mehr vertiefte ie sich iu die ihr bisher verschloffene Welt wohl geahnter aber ungekaunter Gefühle, die der reinen Seele de« von 8«id>»schafte» noch unberührten Mädchruledea« die heiligen Geheimnisse der Liebe erschloß. Oft hielt sie iune mitten im Lesen, Thräuea verschleierten ihren Blick, daun schloß sie die Lugen, al« wollte sie für immer festhalten wa« ihr ganzes Wesen so übermächttg bewegte. Ll« sie die Stelle fand, wo Ferdinand zum ersten Male mit Louise von seiner Liebe sprach, dachte Esther uach, al« suchte sie etwa« in ihrem Gedächtuiffe. »Ich fand e« in dem alten hebräischen Buche, jetzt weiß ich es: .Liebe ist die nächste Verwandtschaft." .Ach, Ferdinand wußte dir«, al« er seinen Bater uud Alle« wa« au ihu Anspruch erhob, hiutrr sich ließ und Louise mußte e« a» sich sterbend erfahren, daß sie ihm mehr, al« ihren Elt,am augehörte. Fände ich wie sie ein Liebesglück, lieb« Ettern, ich köuut« euch mein Leben, aber uicht meine Liebe »pfm>- — dachte Esther tiefbewegt. Esthw hatte da« Buch iu ellender, leidenschaftlicher Hast durchflogen; in der zweiten Morgenstunde hatte sie e« zu lese» angefangea» e« war sieben Uhr, al« sie e« beendet und eine» Sag darauf gedrückt hatte, ehe sie e« schloß; so drückte sie ihre keuschen Lippen auch auf ihr Gebetbuch uach de» Bereu. Ihr Bater rief ihr durch da« geöffnete Fenster eiue» freundlichen Morgengruß zu, deu sie iu unbeschreiblicher Seligkett rrwiederte, und sie au ihre Pflicht, deu Elter» den Kaffer zu reichen, erinnerte. Sre fand die Mutter, welcher sie die Haud küßte, schon iw Sabiathkleide. Stt sprachen von Joses« Eiusegouug, und daß sie in deu Tempel gehen wollten, um deu heiligen Act der lioustrmatio» nicht zu »ersäumeu. Al« Berso» seiner Tochter Sttru küßte, fielen ihm ihre geröteten Augen uud bleichen Wangen auf. Sic beamwortete seine Fr« ge» nach der Ursache hiervon, sie sei früh erwacht und habe gelesen, wa« sie etwa« angestrengt haben mag. Dtt Elter» eilten fortzukommeu, uud so war weitere Erörterung zu Esther« Erleichterung abgebrochen. Stt hatte da« Bedürfuiß allein zu sein. Ihre Gedaukeu folgte« nur de» Gestatte», dtt sie heute so mächtig ergriffe» hatten. Mechanisch besorgtt sie ihre kleinen häusliche» Pflichte», da»» eilte sie in« Freie. Dttfeierliche Still« lockte sie i» da« »ah« Getreidefeld, da« angreuzeude Befitztbaa ihrer Etter». Ihr LieblingSplätzche» unter de« wild«» Birnbäume war bald erreicht. Dort im schattige» Grün zog sie ihr geliebte« Buch au« de« schützende» Futterale. Sie suchte uud fand et»zelue Stelle», die ihre fchöneu Auge» »it Thräaeu füllten: .Wir still ist die Natur und wie stürmisch da« menschliche Herz, dachte sie. aber ich möchte uicht mit ihr tauschen", sprach ste beinahe laut. So saß sie, trilumeud von dem Reichthume de« menschlichen Dasein«, welche« doch nur durch sein Empfinden die Natur beseelt. Sie la« uud la«, und man sah e« in de» erregten Züge» ihre« lieblicheu Angesichte«, wa« die Seele bewegte. Stt erhob fich endlich und eilte iu« Hau«, die Eltern zu erwartt« uud den Tisch zu deckeu, — dem« bald lesend, bald träumend war ihr die Zeit dahiugeschwuuden. E» war MtttagSzeit, — dtt Andacht uud die Feierlichkett der Einsegnung Josef« waren beendet, dtt Gerson'schen Eheleute kehrten au« dem Tempel heim. Stt begrüßten ihr Kind, da« sich beeilte, dtt schmackhaften Souuabeud»gerichtt aufzuttageu. — Der Gast vom gestrigen Abend hatte in der Synagoge einen alten Freund gesuudeu, der ihu auf Mtttag zu fich geladeu. Bet Tische erzählte Esther deu Eltern von dem kostbare« Buche, welche« sie von Arno erhalten, de« Bilde« erwähnte sie kaum; gestand ihnen aber, daß ihre heutt früh gerötheteu Augen von dem Durchttse» de« Drama» in früher Morgen» stunde angestrengt seien. Der Thräneu, die fie dabei vergoffeu, gedachte fie für sich. .Du thörichte« Kind", schalt der Bater mild, .wie ist e« Dir möglich, eiu solche« Meisterwerk so zu durchfliege» verstehst Du denn, wa» Du gelesen hast?" .Ich glaube, lieber Battr", sprach fie erröcheud; aber ich werde diese« herrliche Buch noch oft und hoffentlich ottt immer größerem Berstäudniß lesen. Daß ich da« Gutt uud Schöne nicht leichtfertig behandle, dafür sorgst Du ja, met» trauter, ewig geduldiger Lehrer", sprach fie. ihm dtt Hand küssend. Er strich ihr da« «eiche, volle Haar zärttich au« der schöueu Stirn, al« die Thür stürmisch geöffnet wurde und der kleiue Eonfirmand fröhlich hereinftürzte: .Ich Hab'«, Oukel Gersou! Moscheh hat Recht, e« giebt iu der gauzeu Welt nicht, was er dem Grafe» vorgeredet. Pharao hatte die siebe» fetten uud die sieben mageren Kühe ja nur im Traume gesrheni" .Bravo, Junge, Du hast Deine Aufgabe im Tempel ebenso gut gelöst, wie httr Dein Räthsel. Esther, gieb Josefen einen Pfefferkuchen uud Sabbathodst". .Uud mir J»uge gieb einen Kuß", ries. Frau Sara herzeusftoh, iu ihrem guten mütterlichen Toue. .Bon mir sollst D» auch etwa» hoben, da« ich selbst für Dich gearbeitet habe", ries Esther, und dem Knaben einen kleinen Beutel vou blaue« Sammet «it dem Davidische» königliche» Wappen iu Gold gestickt überreichend, küßte ste seine Stirn. .Hier ttge Deine Grbetrieme» hinein uud gedenke dabei meiner". Er blickte mit leuchtenden Augen bald dtt Gabe, bald dtt Gebert» au, aber statt de« Danke« sprang er tu drei Sätzen au« der Thür, alle« um fich her in seinem Glück vergeffeud. .Bei de« Kinde", sprach Sara, .wird fich erfülle», wa« unsere Weisen sagen: .Achtet dtt Kinder de« Bolke«, denn vou ihnen geht dtt Gelehrsamkeit an»l" .3#fff ist wirklich ei» scharfsinnige« Kind, liebe« Weib, Dein Wort kann fich a» ihm erfüllen. Wtt wollen nun da« Tischgebet sagen", rief der Hausherr. Da« abgekürzt« Gebet ward a»dacht«voll gesprochen, Esther half der Magd beim Abräume» de« Tische« u»d gtug leise hinaus, dtt eingeschluuunerteu Ettern uicht iu ihrem Mittagsschläfchen zu störe». S. fetzte fich auf de» fast vor jede« Haus« de« Städtchen« befindlicheu eutriudetrn Baumstamm — stitt Ruhebank benutzt —, »ab bald fand sich Gesellschaft, nicht ede» erwünschte, aber e« war doch ei» Nachbarktud. Zum harmlose» Geplander war ihr Bögett schon recht, da« Mtd-