Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 3 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 8. Jüdisch«, 188». Herau-gegeben von Dr. M. Aahmer in Magdeburg. }n JUntzelüm» i. Ktletzn«, fit Mt intrtttiftt Jnrittt. ä, t r« Uh«. Bon Leon Lewonda, übersetzt von Levin-Sagan. (Fortsetzung.) — PLdagoglsche Brief«. Bon Dr. I. »oldschmidt. _«TLDflIT * Birkenfeld. — Die Juden tu Kroatien und Slavonie». — «u« de« Programm der ungarische» Freimaurerei. — »lein« jüdische «harotterzüge. Bon PH. »r. in Berliu. — Allerlei für de» Familient.sch. — «tzthselausgade» und «üihselUisungeu. •J Der ttl«». Bou Leon L«»and«, übersetzt von «. Levia-Eagan. - ORw&n* ntntMt.) (Fortsetzung.) Aller Augen richteten sich «dermalans Red Ii-rol; «fltin dieser schwieg, obwohl seine Mienen deutlich verriethen, daß er etwazu sagen hatte. Da- Schweigen wurde von Red Bornch Jtzel - unterbrochen. »W - i>t Eure Ansicht, Rabbi?" frag er, sich de« Rabbiner nührrnd vnd ihm seine Tabak-dose prüsentirend. »Der Gedanke ist nicht Übel", begann Reb Ii-rol, eine Priese ander angrbotnen Dose nehmend; »allein die Ansprache Red Leiserist mehr einer Predigt Ühnlich. Wie wenig immer ich mit den Dingen dieser Welt vertrant bin, aber der gesvnde Menschenve-stand sagt mir, daß rsich nicht sch'ckt, mit Predigten vor die Obrigkeit zn treten. Mit Borgesetzten muh man geradezu. kurz und bündig, ohne Umschweife vad obne Mescholim*) sprechen, denn sie habe« enicht uöthig, in den Ide.ngong unserer Andeutungen sich hinrinznarbeitrn. Wohl Hoden unsere heiligen Propheten mit Königen fast immer in Bildern und Allegorien gesprochen, allein dawaren i-raeliitsche Könige und t-raeliitsre Propheten und sie verstanden einander. Wir aber leben — tun «tserrr Sünde willen — in einer andern Zeit, in einem andern Lande nud darum find unsere tiefstnni.en Parabeln unschicklich. In einer Predigt in der Synagoge find sie am Platze, in keinem Falle aber in einer Ansprache an die Obrigkeit." Diese Worte stimmten die ganze Versammlung nm. Alle sahen et», daß der Rabbiner Recht habe. .Unser Rabbi soll leben hat Recht!" riefen fast Alle, sogar diejenigen, welch« kurz vorher die Gedanken de- Maggid geistreich gefunden hatten. Letzterer verstand rübrigen-, fich einen aaftüneigen Rückzug zu bereiten. .Wenn Einer gegen viele", — sagte er gelaffen — »so ist da- Urbergewicht auf Seiten der Bielen, nnd darum »nß ich alehrlicher Jude der Anficht der Mehrheit bei» trrten. Und vor Red Jt-rol trete ich immer gern zurück» er hat ein Recht darauf al- Rabbiner wie al- Großer in J-rael. Aber daß der Gedanke an fich nicht übel ist, gebt Ihr doch zu, Reb Jtorol?" .Dagrd' ich zu", antwortete der Rabbiner. Weiter wünschte der Maggid nicht». ,Wasollen wir aber dem Gouverneur sagen?" frng man. »Ich meine", — sagte Red Ii-rol — .daß wir ihm überhaupt nicht« zn sagen haben; wir können nur bitten, nm Gnade bitten bet ihm, bei der Regierung, beim Kaiser, daß er fich zmser erbarme nnd nicht unsere Religion verfolge, die Religion unserer vüter; fie ist unser Alle-, mit ihr wollnt wir leben.-mit ihr sterben." Bei diesen Worten ertönten dumpf di« Glocken der Kathedrale und in da- Lahalftübel stürzte athemlo« der *) Parabel,. Gemeindediener mit der Nachricht, daß der Gouverneur die Kirche verlaffen, seine Kutsch« bestiegen habe nnd direct nach Hause gefahren sei. Die Depntirteu, von boten viele jäh die Farbe wechselten vor seelischer Erregung, ordneten ihre Kleiber, glätteten ihre Bärte und Peie- und traten den schweren Weg an. Eine große Menge Müßiggänger begleitete fie biunmittelbar vor die Auffahrt zu der Wohnung de» Gonoernenr», hier aber nahm fie hinter den Gla-schribe» die wenig lieblichen Phyfiognomien de- Portiernnd dediensthabenden Gen-darm wahr, wich schleunigst zurück und zerstob nach Verschiedenen Richtungen. Und sie that gut daran, denn alder De-« jataki") denächsten Schilderhausevon Weitem sah, daß dem Gouvernemeatogebäude fich eine große Maffe Menschen näherte, entflammte in ihm die Glnth de» Diensteifernnd er schlich fast ans allen Bieren dem Gonoernement-Hanse zu. seinen Prügel schwenkend — einen Stock, dessen Massivität schon mancher Rücken der jüdischen Bürger von Min-k kennen gelernt hatte ... An der Auffahrt traf der De-jat-ki, zu seine« Bedauern, Niemand weiter alden Kanzleidieaer Onisfim, der auf l»e Straße getreten war, um »frische Luft zu schnappen". Er wechselte einen oberflächlichen Gruß mit Onisfim und ging weiter, brummend und fluchend auf irgend wen über irgend wa»... . » » G Im geräumigen Andienzsaal hatte fich die Deputation, in Erwartung dr- Ericheineu- Sr. Excrlleuz, zuerst in einer, dann in zwei und schließlich in drei Reihen aufgestellt, wobei efich wie zufällig traf, daß die Mnthigen tu der erste« und dir Zaghafte« in der letzten Reihe zn stehen kamen. »Ser wird sprechen?" frng mau einander flüsternd. Auf diese Frag« erfolgte von keiner Sette eine direkte Antwort. Sogar der verwegene Arte Bngai war sonderbarer Weise plötzlich kleinlaut gewordeu und wich einer dirrcteu Antwort au». Um seine Verlegenheit zu verbergen, begann er geschäftig in seiner Brnfttasch« zu wühlen, alsvche er darin -egrnd ein bedeutende- Schriftstück, daer plötzlich benöthrgte, obwohl er in Wirklichkit nichtsuchte. Nach einigen Minuten trat aueinem Seiteuzimmer der diensthabende Beamte und frng, die Hände tu die Hosentaschen steckend, die Deputirten von oben herab: ,Wa« wollt Ihr?' »Wir »ollen zu Sr. Excelleuz", antworteten Einige. »Ich sehe, daß Ihr zu Excellenz wollt", sagte der Beamte zornig, »aber wazn?" »Mit einem Bittgesuch." »Wo ist da- Schriftstück? Wahrscheinlich irgend «ine Verleumdung?■ »Verzeihung, E». Hochwohlgedoren", — sagte Arte Bougai, der fich von seiner ersten Verlegenheit bereuerholt hatte, — »wir find nicht mit einer völeumduug, sondern in Gemeindeaugelegenhetteu gekommen, und wäre e« tut« -*) VLchter Über zehn Häuser.