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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 38. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 38.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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wehrt, daß rin sonst'unbescholtener Mensch, und sei er selbst ei» Jud und ei» Freisinniger, für sei» gute» Veld i» Deinem viele» zugängliche» Lokale Leitungen lese» darf; irgend ei» SesinaungSkontagininDist um so weniger fzu fürchte», als alle, die n die» Lokal trete», pythagoräische» Schwrigen auf sich n'hmen. Der Autor sieht iu dieser lleinlichenD Nergelei — Au» tisemitiSmuS. Dieselbe Gesinnung, die in Rußland Städte anzündet und unerhörte Greuel verursacht, beschränkt sich in Leipzig darauf, Lesehallen zu verschließen; sdort ist der An» tisemit schrecklich, hier wird er lächerlich, und sdennoch diese scheinbar unschuldigen und harmlosen Ausschreitungen find nicht ohne Gefahr, denn sie halten daS Volk in den Banden de» Vormtheil», und der Deutsche kommt dadurch in den Verruf, zu de» Rationen de» Osten» zu gehöre», bei denen die Sonne noch nicht aufgegangen ist. E» wäre erwünscht, daß auch einmal von gegnerischer Seite eine Darstellung der Affaire erfolgte, wie Dr. Freund um stire Karte zur akademischen Lesehalle kam. Aber selbst wenn alle die hochmögenden Herren formell Recht hätten, so bleibt immer die Härte, daß Männer von großer socialer Stellung und großer Gelehrsamkeit in Leipzig e» fertig gebracht habe», einen gediegenen und tüchtigen Ge» lehrten vou dem Genuffe eine» großen Bildunginstitut» aus» zuschließen. Der Man» ist ein Jude, aber sollen Juden von der Lektüre der TageSlitteratur ausgeschlossen sein? Der Jude wird Verb innt ist nur kleinlicher al», der Jude wird verbrannt. Der Mann ist ferner wohl auch politisch nicht so taktfest im Kartell al» Leipzig e» ist; warum aber sollen die Freistnn'gin nicht lesen dürfe« und dadurch besser werden, um auch einmal in den Lartrllhimmrl einzugehen? Selbst wenn man social« vormtheile gegen die Juden gelten läßt, so könnm die vorurtheile die AuSweisungSmaßrrgel kaum entschuldigen; dmn Dr. Freund sollte ja nur zusammenathmen mit den blonden Ariern und frommen Shristen. — Dr. Lenhard hat sowohl drrch da» energische wahrnehmrn seine» Rechte», sowie durch seü, Echristchm sich wohlverdient gemacht, denn «ine Wund: verdeck» heißt nnr die Gefahr steigern. vedenttmg und «»fgabe der jüdische» Geschichte »«d Litteratur. n. ' Fragen wir: welch« Mittel find zu ergreife», die die Jude» al» solche sich selbst näher bringen und de« jüdische» «amen ihrwsrit» Achtung akmötigeu könne»? Al» unsere Urväter in Aegypten durch leidliche und geistige Knrchtschast da» vertraue» ans Sott und zu stch selbst verlöre», wnrde» sie auf die Geschichte «. di« Tugenden ihrer Ahnen, der Erzväter, hingewiesen. Ihr Beispiel sollte de» grsunkm» Math wieder emporrichten und sie Gott näher bring nr. Damit find auch u»» die Wege vorgezeichnet. Da» vorbildlich« Beispiel unserer Väter soll auch uuS in befiere Bahnen zurücksthrm. S» bedarf de» nicht er» »ritdende» Hinweise» auf dasselbe. Der Mangel an Srnut»iß der jüdische» Geschichte ist der «und« Punkt, und alle be» trübende» lkrscheimmg» t» Inner, de» Judeuthum», de» sonder» die Juterrsseulostgkeit a» allen Vorgänge» und Kragen desselbe», lass» stch ans jene», al» ans ihre Quelle znrückführe». Os»« sei« Mission, vou dessen Erfüllung die Geschichte taut Zeug»iabliegt, z» kenne», kan» «an sich ihrer nicht weiter entledige». Die geschichtlichen Thatsachen spreche» für de» Judenthnm» calturförderude» Beruf; da» Henna« Geschleckt muß mit ihnen vertraut werden. Rur die Lenntniß ihrer Vergangenheit ist i« Stand«, di« Inden zum Bewußtsein ihrer selbst, ihrer «rast, ihre» Werthe» und ihrer Aufgabe inmitten der Völker z» bringe». Die Geschichte überhaupt ist da» Bindeglied zwischen Borfahren uud Nachkommen, Vergangenheit und Gegenwart, nuferen Väter» und un». E» ist ein dem Mensche« eigen» thümliche» verlange«, ein ihm angeborner Trieb, über da», wa» seine Bäter thaten, stch belehren zu lasse«. Dieser Trieb muß von Jugend auf gestärkt werde«. Noch in der wiege, erfährt da» Lind „vom alten Fritz" und von den preußischen Helden. Dieser Trieb ist auch un» angeboren, aber au» Mangel au Nahrung fast ertödtet. Auch bet uu» muß die Mittheilsamkeit der Mütter die Neugierde der Linder hochspanneu. wenn auch weniger die kriegerischen, so können doch die geistigen und sittliche» Helden de» jüdische» Volke» in da» Familienleben eingeführt werde». Die reizvolle» jüdischen Sagen müssen iu de» Jugendtrau« unserer Linder mit verwoben, die goldigen Schätze anmuthiger, lehrreicher Legende«, iu den Schachten altdeutschen Schriftthum» verborgen, hervorgeholt werde». An ihrem reinen Goldgehalt könnte die Jugend sich erquicken, wir müssen gestehe«, daß audere Völker mehr Sinn für diese» Volksgut habe» und bessere» Gebrauch davon machen. Aber erst muß wieder ein religiöser Sinn in Israel» Häuser einkehrea und die Häu»« ltchkeit auf de» Grundlagen jüdischer Innigkeit und jüdisch« warmgcsühl« aufgebaut werden. Ein solcher Einfluß auf di« zarte Liudeöseele ist vou weitreicheuder Wirkung und macht sich immer bemerkbar. Welche Fülle hoher sittlicher Ideale erschließt un» erst die Geschichte de» jüdische» Volke» im Mittelalter. Fürwahr eine andauerndere Beharrlichkeit, größere Selbstverleugnung, hingebungsvollere Treu« ist dt« Phautafie nicht z« denk« im Staude. Auf der eine» Seite Untreue, auf der ander» Opferung, nicht nur seine» Leben» und seiner Habe, sonder» auch da» der Linder, der ganzen Familie. Und in dieser grausame» Wahl wählte «an immer da» letztere, «an zog de» jammervollsten, gräuelhasteste» Tod schmähliche» Abfall vor. Aber nicht Einen zeichnete diese Uueiffchütterlichkeit au», sonder» da» ganz« Volt. Da» ist die großartigste jüdssche Tugend, die durch keine Ge« alt zu überwindende Mische Ausdauer. Sie verlieh ihm die geheim« Lraft, all« Völker uud ihr« Höllenqualen z» überdauern. wahrlich, wenn e» wahr ist, daß Unrecht leiden besser ist al» Unrecht thnn, wer hat eine gerechter«, reim re, begeisternde Vergangenheit al» uuser Volk? Erst müsse» die Beispiele de» Opfermuth» und der unbegrenzten Wahrheitsliebe, geduldigen Ertragen» auch de» alerhäqfefteu Loose» und de» io tausendfache» Gestalte» anstretenden Tode» in ihrem wirvicheu Werth gewürdtgt werden. Für unsere so wenig charactervolle Zeit ist diele Hingabe an da» Ideal unfaßbar. Da» alle» waren stille Tugenden fast eine» Jeden unsere» Volke», Lugenden, die Einzelnen anderer Religionen eine« Glorienschein und Versetzung unter die Heiligen eiotrug. Und e» verlor Much und Hoffnung nicht und die Hoffnung war ihnen kein täuschender Wahn, wofür e» gerungen, va» r» den spätem Enkel» errungen, da» war dir Freiheit! Und wie genieß« diese Enkel die Freiheit, derihre Väter pon Opfer gefall«? Rn» st« trag» ihr« kindliche Dankbarkeit in eigener Seife ab. Sie schäme» stch de» Namen», «uter de» jcm d»Lod gefunden. Statt mit Stolz und Bewußtsein sprich» st« ihn mit schamhafter Unverständlichkeit und unkenntlichen Verdrehung» an». Nur die Unwissenheit kau» diese schreiendst« Undank» barkrit in mildere« Lichte erschein» lasse». Di« Unwissenheit muß aber einem kl«»» wissen »nd erhebende» Bewußtsein * Pltch «ach». Die ReligiouSschnle muß tu höhere» Srntzr, al» jetzt, sich de» Misch« GeschtchtSnnterricht» anuchme» ■

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