Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 20 (1889)
- Issue
- 20. Jahrgang Nᵒ 29.
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Da religiös Ungebildete wird au» sich selbst selten zu der Einsicht komm«, daß er als Glied da Gesaamthttt um stirer selbst mid da ihn umgebenden Kreise willen Enthaltsamkeit urd Menschenliebe übe« soll i» Leben; daß er einm ihm im Augenblicke lockenden Genuß sich entsagen soll, um der eigenen Zukunft oder um des Leben» Anderer willen. Er kennt nicht höhere Zweck« und Ziele; nur seine eigene ouxenblickliche Wohlfahrt. Da tritt da» erhabene GotteSwort, das Gebot da Religion, in di«: Schranken und im Herzen tönt es wirda: »Heilig fo'It ihr sein, denn heilig bin ich. der Ewige Eua Gott/ »Vor dem Ewigen sollt ihr rein sein/ Mit Josqh spricht da Jüngling: »Wie könnte ich ein großes Unr echt thun und wida Gott sündigen?* Aus bnt Psalmen hört a die Stimme da edelsten Grista sich zurufen: »Wodurch kann ein Jüngling rein seinen Wandel halten? So a sich hält an deinen Befehlen". Da Pcediga ab« ruft ihm zu: »Freue dich, Jüngling, deines liodlichen Altn» und dein Herz sei froh gestimmt in den Tagen dein« Jugendzeit. Wandle die Wege, welche dein Herz erwählt, deine Augen ersehen. Doch wisse, daß über Alle» dich da Har vor Gericht bringen wird." Fragt euch denn, ihr Väter und Mütta, ob unsre Kinda diese Mahnungen des Gottesworte» entbehren können im Leben? Fragt euch anst und aufrichtig, ihr Eltern und Erzieher, ob unsere Söhne und Töchta auch ohne Religionsuutaricht in den Wegen eur« Lä a und Mütta gehen? ob sie ihnen gleichen in da Reinheit de» Hazen». in da Keuschheit des Wandel», in Sitten einfalt und Einfachheit s Ob Religiöfität entbehrlich ist für da» Glück eura Kinder? Und fragt eudi, ob die Kultur unserer Zeit, so hoch wir sie auch, well wir Juden sind, stellen, ohne Kenntniß und Uebu ig de» Sitten- und Religion»gesetzes un» die Gewähr bitten!ann für die Erhebung des Gemüthe» und damit für da» L-benSglück, wie sie vormal» wohnten in den gottgesegueten Wol,nungen Juda'», wenn ihnen da» von außen kommende bittere Weh ttnen Augenblick da Ruhe gönnte? Ob wir nicht oft bei hoha Kultur finden: »De« Kopf wirr, das Herz leer? Und fragt euch, ob Kunst und Wissenschaft, so sehr wir ihnen ergeben sind und siepflegm, weil wir Juden sind, vor Abwegen schützen und Lttdmschaftea bannen, wenn nicht die Pflege de» Gemüth», — die Pietät — eiuwirken auf da Heiligung de» inneren Menschen? In dem Grbcte mit dem wir uns« Tagewerk beginnen und schließen sollen, bitte» wir nm Einsicht und Erkenntaiß.— Sollten wir Iriese Bitte nicht in Zusammenhang bringen mit da unmittelbcr folgenden, »daß wir durch und mit da Menschen Weisheit sttt» zurücÄehrea müffen zur göttliche« Lehre?" Da» jüdische Gesetz stellt un» al» lebendigeGlieder in di« Gesamrctheit. ES lehtt un» alle die Pflichten, die da» Vahältniz des Menschen zum Mensche«, zu den un» umgebenden Leben»krttsm regttn. Das Gebot da Nächstenliebe ist ein Gottesgebotl Als solches wird es da» Pani« der Gaechtigkttt; die Sonne des Lebens, di« Alle» aleuchttt und erwärmt l Cs ist wahrlich nicht unwesentlich, daß unsere jüdische» Kmder es wisse» und «fahren, daß dieses Gebot mit sei««» bedeutsam«« Ausgestaltung« eia israelitisches ist. Sie sollt« es wissen. daß Moses da «habe« Lehr« und Gesetzgrba Israels auf Geheiß Gottes jene ewig leuchlrud» Worte gesprochen (3. B. Moses Kap. IS Vers 18), die mit da Heiligung des Menschenleben» beginnen, (Heilig sollt ihr sein, d«n httlig bin ich da Ewige eua Gott.)» das sittliche Verhall« im Wesentlich« in erhabenen Worten regeln und dann au»kling« in dcm göttlich« Ausrufe, da Alles euchält: »Du sollstlirbrnDeioenNächsttn wie Dich selbst, ich bi« der Ewige." »Das ist rin erhabener Grunds^ in da httlig« Lehre," sagt Rabbi Akiba. Alle Zeile» uud all« Bölka haben kttu Wort, das diesem glttch zu stelle» wäre, oda gar e» überbitt« könnte. Fürwahr, wa das Judmthum kennt, — nicht nur wie da Gelehrte, soadau wie da« jüdische Kind es im Rttigionsunterricht kennen lernt — da wird zu da Urbazeugung gelang«, daß es keine sittlich« Wahrheit, kein mmscheubeglückmdes Thun giebt, die nicht schon die Bibel uud das spät«« Schriftthum da Jude» gelehrt hätte, und die im Judenthum nicht schon geübt Word« wäre. (Sorisetzim, folgt.) Wucher und ZwaugSversteigermrg. In da Ztttschttft de» Kgl. preußisch« statistische» Büreau'», Jahrgang 1887, sind dir Ursachm da Zwangsversteigerung« vorwiegend laud- und folstwirthschafttich benutzt« Grundstück« in Preußen während tes Rechnungsjahres 1886/87 nörta». Eine Besprechung dies« Erörterung erschein» auch in dies« Blättaa auaezeigt, zumal mit Rücksicht auf dm Zusammenhang, da zwischen den Zwangsversteigerung« und de« Wucher auf dem Lande in angeblich ähnliche« Maße bestehen soll. E» btttarf kttaa Erklärung, daß hin dem Wucha nicht'das Wort geredet wade» soll, auch wir sind erfüllt von dem sehnlichsten Wunsche, daß dieses vaabscheuenswerthe Verbrechen — in w.lcha Form es auch immer in die Erscheinung trete» mag — nicht nur aus da Krimiaalstatistik, soudau auch au» da Verborgenheit für imma verschwinde« möge. Judrflm erschttnt es doch al» eine Pflicht objektiva Berichterstattung, auch den übertrieb«« Vorstellungen von dem Umfang« de» Wuchers auf da» Lande mtgegeuzutrtten und »ammtlich das amtliche statistische Material nach Gebühr zu beacht«. Da» Sgl. prenßische statistisch« Büreau hebt in da Einltttung sttna Untersuchung hervor, daß bei Laudwirthm, da« Beruf», und Familienleben ihr« nächst«, wmtga al» btt Städtm wechselnd« Umgebung ziemlich »ff« vorliegt, sich die wesentlichen Ursachen des witthschastltch« Niedergänge» und Sturzes gewöhnlich mtt «mnähernda Sichahttt feststellm und mit Hilst ein« kundig« und vor« urtheilsfreie» Berichterstattung zu einem wathvollm Material vereinig« lasse». Dies« Bemerkungen sind um so grwichtvoller, al» ste die Bedeutung da vom statistisch« Büreau mttgethttlt« Ergedniffe. ihre Zuverlässigkeit ins rechte Licht setzen. Da» statistische Büreau verzeichn« zunächst als die allgemttn« uud wichtigstm Ursachm de» wirthschaftlichm Zerfall«: wirthschaftliche und persönlich« Untätigkeit des Besitz«», ungünstig« Kauf und Mangtt an Mitteln zur Uebernahme, unzweckmäßige Erbrrgulirung, Famtlienunglüch, schlechte EredUvahättnisse und der« Ausbeutung durch dm Wucha, sowie endlich die Ungunst da allgemttn« Lag« da Laudwitthschaft. Dce Baichterstattung üba die Ursachm da Zwangsversteigerung ist durch die Landräthe bewirkt, dm« gerichtliche Zählkatt« tu Bettest jede» ttnzigm zur Zwangsverstttgerung gelangt« Grundstück» übersandt sind.