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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 15-16. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 15-16.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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3«m Pasiahsefte. Das Urtheil der Menschen bewegt sich gleich dem schwingenden Pendel van eine« Extrem zu andern. Vergöttern oder verketzern, zu de« Sternen erhebe» oder in de» Staub hinabziehen, ein Uebermaß de« Lobe« oder ein Uebermaß de« Uuglimpfr, da» ist das llrthell der Maff« und dem besonnenen und vorsichtigen Denker wird bei ihrem Lob wie bei ihrem Tadel gleich sehr bang. Am Besten ist »och immer etwas auszusetzen, am Schlechtesten ist noch immer etwa» Rühmliches zu entdecken. Ja dieser Allzemeinheit ist dieser Satz unbestritten. Aber auf bestimmte Persönlichkeiten oder Einrichtungen will das Volk chn nicht anwendm; entdeckt die Menge au einem mächtigen und ausgezeichneten Manne einen dunklen Punkt, dann breitet sich von diesem Punkte die düstere Färbung über den ganzen Menschen aus; entweder Engel oder Teufel, entweder Himmel oder Hölle! An ihren Lieblingen dulden sie keiuen Schallen, an den Gegenständen ihre» Widerwillens und ihres Haffes wollen sie absichtlich keinen Vorzug gelteu lassen. Nun saßt ja freilich auch die Sprach« deu Eharacter oder das Talent in grwiffer Beziehung als Ganze»; «an sagt: der hat eine» guten, der hat einen schlechten Eharacter, der ist gescheidt, der ist beschränkt, und diese Rrdeweudungen scheinen darauf hirzudent«, daß die Persönlichkeit als eine Einheit zu beurtheilen ist. Aber da« ist doch nur die Bequemlichkeit de« Sprachgebrauches, die nach dem Abwägen der Vorzüge und Fehler, die geistige und sittliche Anlage kurzweg noch der Richtung bezeichne», wohin sich die Waagschale mehr oder weniger tief tzinneigt. Wer gelernt hat, mit scharfem und durchdringendem Blick Menschen und Ding« zu betrachten, der wird an Allem etwazu tadeln, aber wohl niemals Alle» zu tadeln hoben; ja er wird durch di« Erfahrung belehrt, selbst da, wo ihm, sei es ein Staat oder ein Volk uder ein Mann, ganz in Licht gelleidet entgegevsttahlt, mißtrauisch prüfen, ob diese.Erscheinung leuchtet oder nur blendet, und er wird immer finde», daß, wo wir nur Licht oder nur Schatten erblicken, der Grund und die Schuld in unserer Sehkraft liegt, uud daß die Meisten von ^inem Hange beseelt sind, Alles was ihnen vor die Augen de» Gerste» kommt, wesentlich zu vergrößern oder zu verkleinern. Dorum sehen wir di« Geschichtsforscher so oft bemüht, Rettungen verkannter und verurtheilter Männer der Borzeit vorzunehmeo, aber wir sehen sie nicht minder eifrig der» Glanz und den Ruhm Vieler zu mindern, die lange Zeit als Ideale gegolten haben, sie lehren uns dies« vermeintlichen Ideale als Idole begreifen und verwerfen. So verdienstlich diese Bestrebungen sind, ob sie da» Rechte treffen? Vielleicht der objektrosft aller Sterblichen — »ach Willen und Anlage und Lebensbildung — hat da» Unheil ausgesprochen: .WaS sie so deu Geist der Zeiten nennen, da» ist im Grunde nur des Herren eigener Geist, in dem die Zeilen sich bespiegeln.- Wir haften dir Vergangenheü für abgethau, und meinen ihr gegenüber sei es leicht unparteiisch zu urtheilen; uud dennoch »st de» nicht so; der Künstler oder Dichter fühlt sich sympathisch angezogen von der griechischen Welt, in der künstlerische» Können in so hoher Geltung stand; wem die religiös« Entwickelung der letzt« Jahrtausend« nicht behagt, fleht scho» aus Otzpofitiouslust da» helft» ische Heürenthnm in verllörtem Scheine; nu» giebt es ja freilich Gebiete, wo diese Sympalhi« uud Autipathim sich nur in sehr abg-schwächtemMaße gelftnd «ach«; aber diese Parthim der Vergangenheit, über die der Forscher fast »uinteressirt urtheil« könnte, Hab« nur dm schwer« llebelstaud zu überwind«, daß sie dem Leser der Gegenwart uninteressau.t vorkommm; wen« wir tu» darüber sorgfältig Rechenschaft gedm, was wir von der vergang'nheit hör« wolftn, so müff« wir gesteh«: nur das, was noch in der Gegen wart uachwirkt. Gerade dadurch aber wftd sich herausstell«: I« wirksamer auf dft Segenwart wid darum für uns bedeutsamer eine Erscheinung der Bergaugmheft ist, desto mehr mindert sich dft Fähigkett, sie objektiv zu betracht«. Da« ist der lehrreichste Schriftsftller, der uns, wen« er von der Borzrft redet, eia Bergang««» lebmdig fast wft ein Grgmwärtiges darstellt, uud, w«u er uusere Tage schildert, sie durch seine Kunst gleichsam hinwegrück« kann iu einige Entfernung uud vom Werdend« wft von einem Geworden« und Historisch« berichtet. Aber wft der Arzt kein kompetenter Brurtheiler ist über seine eigme Krankheit, so kann auch beim best« Wolftu und Könn« Keiner, der Lust und Schmerz dieser Zeit« au sich selbst verspürt, vorurtheilsftei darüber red«; uud wie es schwer HÄt, dm Patimtt» zu versfthm, wmn mau seine Gebrech« nicht uachsühftu kann, so ist das Urtheil nicht leicht über Zeit«, dft von dm unsrig« ganz verschied« sd,d und in die wft uns selbst «ft größter Ansft«g«ng unserer Phantasie kaum versetz« könn«. Kalt und nüchtern red« wft von Dftrgm, dft uns nicht erregen; aber heftig und glutvoll und parteiisch wird Meinung uud Ausdruck bei Ding«, dft un» bestimm« uud bewegen. Damm ist selbst die Feindseligkeit, mit der vielfach Israel'» Geschichte iu dieser Zeit behandelt wird, noch ein für uns hocherfreuliches Zetche». Wäre Israel so tobt wie dft Mumie» Aegypttns, so würde es Keine« einfalft», sich besonders darüber aufzureg«, ob «au sein« Gesetzgebem dm Kranz des Ruhures reiche oder versage. Aber Abraham, Mose, David, Salomo, Hillel, Maimonides, da» sind historisch« Gestalt«, um der« Werth und Würde sich dft Meinung« hmft oft so spalt« und befehden» als sei« es Zettgmoff«. Woher kommt die»? Well sie auf dft Gegenwart wirk« beinah« wie jetztlebende Menschen, weil chr Wort und ihre That für Unzählige noch heuft vorbildlich ist. Wer heut über die alten Pharaonm günstig oder ungünstig urtheilt, der weiß, daß er Niemande« damft wohl oder weh thut, und kaum ist anzunrhmm, daß eine Sette seines eig«m Gemüthsleben» dabei berührt wftd. Unparteilichkeit ist bei solchem Begiun« so ziemlich selbstverständlich. Aber wmn einer dm Abraham öffentlich verunglimpfe so kann man voraussetzeu, daß so Bftft, die sich dir Sprosse» Abrahams neunen, so vftft Andere, dft iu ihrer frühest« Lindheit au dem Bild« dieses Mannes ihre erst« religiös« Vorstellung« gewonn« haben, sich davon verletzt fühle«, uud vielleicht ist es nur die Absicht, diese zu kräuftn, dft auf dem weit« Umweg« über Palästina uud das graue Altrrthum erreicht werden soll.

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