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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1889-01-01 · 20. Jahrgang Nᵒ 12. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
20 (1889)
Issue
20. Jahrgang Nᵒ 12.
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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— 94 — ■ verschaffe»; in Bezug ans de» moralische» Standpunkt endlich seien die Angriffe ebensowenig-erechtserttgt, da die Jade» nicht den geringsten Anreiz dazu gegeben hatten. E» sei nicht, »ie die Bertheidnng behauptet habe, eine dogmatische Abhandlung, welche da« »Luxemburger Wort' veröffentlicht habe, wohl aber eine Züudschrist, um den naiveren Theil der Bevölkerung gegen die Juden, welche auf deu inländischen Meffen und Märkten ihr Gewerbe ouSüben, aufzuheben. Da» Sroßherzogthum fei glücklicherweise verschont worden von deu wilden Parteikämpfeu, welche die Judenfrage namentlich in Deutschluid und Oesterreich Ungarn heraufbeschwoieu Hab« und sei es durchaus verwerflich und strafbar, die Brandfackel der Zwielracht auch in unserem friedlichen und toleranten Luxemburg herumzulrogen. AlSdcun beleuchtete Redner in längerer Ausführung den Inhalt der iucriminirten Schriften und suchte seinerseits an der Hand zahlreicher Dokumente nachzuweisen: 1. daß der Talmud nur obligatorische Kraft besitzt für den Ritus nnd da« Eeremonirll, nicht aber für die Glaubens« und Sitterüehre, 2. daß die zur Veröffentlichung gebrachten Thatsocheu der Wahrheit keineswegs entsprächen. Wa» speciell die vom Borredner wenig berührte Behauptung betreffe, der Talmud enthalte rraolutionäre, uihilistische, anarchistische rc. Grundsätze, die durchaus falsch, da dieser Buch keine einz ge Bestimmung enthalte, welche eine derartige Aussage rechtfertige; im Grgeutheil sei darin zu lesen, die Lehren de» Talmud wüsten den Gesetzen des Staates neichen, so «st sie mit demselben in Widerspruch kämen. — Die subsidiarischen Anträge der Brrlheidiguug werdm ebenfalls von der Staatsanwalt bekämpft und zwar aus dem doppelten Grunde, daß die Ernennung von Sachocr« ständigen im vorliegenden Falle überflüssig sei, da da» Vergehen zur Genüge erwiesen sei und weil zweitens eine derartige Maßregel doch zu keinem greifb-r sicheren Resultate führen könne. Nach kurzer Erwiederung seiten» der Bertherdigung wurde die Sitzung gegen halb sechs Uhr geschloffen, nachdem für die Verkündigung de« Unheil» auf Dienstag, 26. März 3 Uhr nachmittag-, bestimmt worden. (Wir wirven die Rede d«» SiacteornraliS, die 1'/, Stunden gevaueit Hot und ein wohin Kiddnsoh haschein war, ausfühl l cher bringen. Red.) OesterreichUwgarn. Mie», 11. März. Die unleugbaren Erfolge, welch: die demagogischen Agitationen der Antisemiten und der mit chueu zur Partei der »Bereinigten Christen' verbündeten Elericaleu und Czecheu in den bi eiten Schichten der Wiener Wählerschaft thaisächlich erzielten, haben endlich die liberale PaNei der Residenz au» ihrer Lethargie aufgriütlell und zu einer Action veranlaßt. Ein Cowilö der angesehensten Wiener Bürger, mit dem ehemaligen HaudelSmiuister R. v. E hlumetzky an der Spitze, hat gestern anläßlich der bevor« stehenden Gememderathswahlen eine allgemeine Wähler- Versammlung eiubrrufm, die sich zu einer imposanten Sund« geduug gegen den Antisemitismus und drff-n Tendenzen gestaltete. In so entschiedener und rückhaUlv er Weise ist bisher öffemlich dem Antisemitismus noch nicht zu Leibe gegangen worden, wie gestern. R. v. Ehlumetzky bezeichnete unter stürmischer Zustimmung die »Bereinigten Christen' als eine Soalitio» der extremsten Nur-Deulscheu mit deu eutschieudeusten Gegnern de» deutschen BolkSthum», der unbedingtesten Bewunderer außerösterreichischru Wesen» mit rückeukrümmeuden Byzantinern, der radicalften Demagogen mir rückschrittlichen Finsterlingen. Und der Kampf, deu diese Coalilio» führe, sei ei» Kampf gegen Be>> und In« telligeuz, ei» Kampf, vva dem nur da» Eine gew»^ ist, »aß er »er Rewttio» zu Gute kommt. Ei» anderer Relier, ein Gewerbetreibender, beklagte» daß viele Kleingewerben übende de» antisemitischen Agüatoreu ä»f de» Leim gegangen sek» und sprach die Hoffnmtg au«, daß di« jicit nicht »ehr fer» - sei. wo diese unreincu Elemente, die sich nur durch Ignoranz - ' und Skandalsucht auSzeichuen, au» dn Wiener RathSftntz« und den heiligen Hallen de« Tempel» der Gesrtzgebimg hiuauSgrtricben werden würden. Eine glänzende Rede titelt der Itector magnificna Prof. Sueß, in der er die Rothwrndigknt. der antiliberal«» Liga eine Liga der staatsbürgerlichen Fre heit entgegen« zusteUen, begründete. Schließlich gelangte eine Resolution zur Annahme, die sich in scharfer Weise gegen da» Eindringen eine» Elemente» in die Gemeindevertretung, welche« im Dienste der Reoclion die Spaltung d.r Bürgerschaft zum Ziele hat, kehrt, und die fortschrittlich gesinnte Bürgerschaft auffordert. Manu für Mann durch ihr Bttum einzusteheu für Freiheit und Gesittung, für da« Wuderaufdlüheu Wie«» und die Wüide seiner Bertretung. D«: Resolution wurde e'uhellig angenommen. Der Vorsitzende bezeichnet dieselbe in seinem Schlußworte als einen Protest gegen die Zumuthung, als ob die Wiener Bürger sich unter da» »KajinSzeichen de» Anli semitiSm u«" stellen und drr Reactio» Dienste leisten wollten. So viel über den Verlauf der Versammlung. Soll derselbe irgend einen Nutzen stisten, dann werde», dir Liberalen nicht wieder unthätig die Hände in deu Schooß legen dürfen, sondern die Agitation in intensiver Weise nach deu einzelnen Bezirken verlegen muffen. In acht Tage» schon finden die Wahlen in den Gemeirderaih statt und e« ist sehr zweifelhaft, ob die Liberalen mit ihrer zu spät cingelntcten Action für diesmal noch zurecht kommen. (S. die »neuestm Nachricht:»".) Serbien Lekgrab, 10. März. (Or.-Corr.) Die politischen Ereignisft, welche in den letzten Tagen sich in unser« Lande vollzogen haben, sind wohl allen Lesern dieses Blattes bekannt. Für die jüd. Leser dürfte es blos interessant sei» zu «fahren, welchen Änflutz der Thronwechsel auf die Stellung der Juden Serbiens gehabt hat. Nun, wir wollen vorausschicken, daß wir in König Milan einen wahre» und begeisterten Vertheidiger der Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung verloren. König Milan mag politische Fehler begangen haben, deren Consequenzm er nun auf sich ■ genommen, es mutz ihm aber für alle Fäll«! nachgesagt werdm, daß er ein edler und humaner Mensch ist. Wir Juden namentlich haben so viele Beweise seines Wohlwollen« und seiner edlen Herzensgute erhalten, daß unser Bedauern über dessen Scheiden vom Throne ein sehr aufrichtige» ist. E« muß hervorgehoben werdm, daß König Milan darin große Aehnlichkeit mit allen Herrschern der Dynastie Oesterreich hat, denn auch der unvergeßliche Mi losch und der unglücklich Michael beschirmten die Rrligronssreiheit der Israeliten und zeigten bei jeder Gelegenheit Wohlwollen für diesen intelligenten und ruhigen Theil der serbischen Bürgerschaft. Hoffen wir, daß der neue König, Alexander I, dm Fußtapfen seiner edlen Vorgänger folgm wird. Von der Regentschaft täßt sich nur soviel sagen, daß der bekannte Staatsmann R i st i c die «Sefle derselben ist. Wir kennen diesen Staatsmann zur Genüge. Er ist vor ° Allem ein leidenschaftlicher Politiker, der gewiß keine Ungerechtigkeit wird begehen lassen. Da die Juden nun nach allem Rechte gleichberechtigte Bürger sind und da die neue Constitution weitgehenden Schutz für die Volksrechte bietet, jo können wir der Zukunft ruhig entg-gensehen. Freilich hängt viel von der Regierungsweise des Ministeriums ab; das neue, radicale Ministerium scheint uns alle Garantien für ein gerechtes Berfahrm gegen die Jsraelitm zu bieten. Der Minister des Jnnem, Herr Tauschanovich, ist uns zur Genüge bekannt nnd wir bringen demselbm da» größte Vertrauen mtgegm. So weit sich nun die Verhältniste übersehm laffm, haben wir nicht» zu befürchten. Ei« so besonnener und erfahrener Staatsmann wie Ristic wirß gewiß dm interconsesfionülm Fried«, der in Serbim geradezu musterhaft ist, pfleg« und erhalten.

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