Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 49 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/6492351-8722844-5956555--1011-5373002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mt e» »anM, da wffer, dm Negenschane» untrrmengtet Schnee Sntfctye na Me Fenßerstheidea. Im anstoßenden Zimmer «dröhnt» dt« »errmetflnngsvvllea Tritte de« ansnnd abgehend» Gemahl«, nad da. t» einer Saphm ecke znsammengekanert, mälzt sich die gedrochene Geftntt der Fron Therese and lonte« Schluchz» erfüllt da« Gemach. Draußen mar ein trostloser, fchanrig-frsstelnder Dezemberabend nnd im Innern der beiden Jammergestalt» sah es noch trostloser an«. Frau Laduerowski war von der hereindrechenden Latastroph« wie vernichtet, ihr Schlnchzen hatte ansgehörl und nur ein Wimwern entquoll noch ihren Lippen. Sie fuhr sich wie geiste«ab»esend mit der Handfläche über die Stirn, da mit einem Male schnellte sie. wie von einem Erlösung verheißenden Einfälle elektriflrt, an« der znsommengekanert» Lage empor. Ein Haffmmgsstrahl leuchtete an« ihren Lagen, eine fliegende Rölhe bedeckte ihre Sangen und in ihrer fieberhaften Lafregnng dnrchmaß sie hastigen Schritte« da« Zimmer. Sie wurde etwa« gefaßter nnd wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm klammerte ste sich an diesen letzten Rettung«» anker. Sie ordnete etwa« ihr wild anfgelüfte« Haar, warf ein Tuch um ihr Haupt, hüllte sich ftöstelud in einen Mantel und stürmte in'« Freie. m. Der alte Kigdor saß im streife seiner Familie, al« chm der Besuch der Frau Ladneromdka angekündigt wurde. Befremdet vernahm er die Meldung und konnte fich den Grund nicht erklären, welcher diese Dame veranlassen konnte, in so später Abendstunde ihn in seiner Behausung aufzn» suchen. Er begab fich in sein Labinei, wo Frau Therese seiner harrte. Bei seinem Emttitte erhob fich die gebeugte Gestatt von chrem Sitze, «achte einige Schritte, blieb aber aacat» schloffen stehen und suchte vergeben« nach Sorten» um ihr Anliegen vo'znbringen. Red Stgdor machte eine einladende Haudbewegunp, bot ihr einen Seffel an und er eröffnete da« Gespräch mit der Frage, wa ihm die Ehre ihre« Besuche« verschaffe. Frau Ladmrowota öffnete dte Lippen wie um za sprechen, «der noch immer außer Fassung, brachte sie nar einen Seufze: hervor. Sigdor, in Folge diese« ritthselhast» Benehmen« verlegen, beobachtete ein Schweigen und einige Minuten verstrichen in dieser beklemmenden Stille. Endlich ermannte fich Frau Therese einigermaßen und begann steckend: .Herr Sigdor, ich komme zu Ihnen mit einer Bitte, von deren Erfüllung mein und da« Schicksal meiner Familie abhängt. Wohl weiß ich, daß ich al« ganz fremde Person gar kein Recht habe, an Sie solch' ein Ansuchen zu stellen; aber ihre stadtbekannte Humanitük erweckt in mir die Hoffnung. daß Sie auch einer fremden Fian Ihre Hilfe nicht versagen werden." Ste schöpfte Athem und fuhr fort: „Wir befinden an« in einer gräßlichen Lage, und wenn e« mir nicht gelingt, Ihre dewähne Mildthäti^ett für mich wachzurufen. find wir dem Elend und der Schande preis» gegeben. Sie wissen, daß die Besoldung eine« Beamten in dem Range meine« Manne« eine spärliche ist und daß andererseits die Gesellschaft Pflichten anferlegt, denen man gerecht werden muß. So kam e«, daß wir mit unserem Gehalte nicht immer unsere Bedürfnisse bestreiten konnten nnd tu ein« momentanen stlemwe entnahm mein Mann der ihm anoertranten Sasse einen kleinen Bettag, darauf rechnend, ihn von seinen Nebeneinnahmen zn ersetzten. Da« war auch wirklich der Fall, aber der Geldmangel kebrtt wieder und man griff wieder zu diesem »n«»ege. Inzwischen versiegten die Ihnen bekannten HUfsquellen, welche reich zn fließen pflegten und in unserer Verblendung nahmen wir weiter zur Lasse Zuflucht und ehe mtt c« eigentlich merkten, war bereit« da« Defictt zn einer bettächtlichen Summe augewachfen. E« war für na« unmöglich, diesen Adgang an« einen» # Mitteln zu ersetz» und fett längerer Zett schweb» wtt dereit« in Todeümmlst. daß diese Malversattou stündlich entdeck» »erden könne. Beraeben« fnchtt ich in meinem geaurtert» Hirn nach einem Av«e»ege, wußtt ich doch, daß Niemand unser« Freunde so hochh«ztg fein »ade. uv« solch ein» hohen Bettag »orznfttrcken. Mein Mann verlor gang den stopf und da« heranrückmde Neujahr bringt na« der stataftrophe immer näher, da die nuvermddttche staffenrenifion die Bttnntrennng an« Tage«ltcht Dring» muß. In dies« Verzweiflung, in diesem stampfe um dte Ehre, vm die Existenz »eine« Manne« und mein« oinztg» Tochter durchzuckte e« mich wie eine göttliche Inspiration, wenn Dtt Jemand helfen kann und wird, ist e« nnr Herr Bfizdar." Fra» Therese hielt in«, ihre Stimme zttt«tt, ttzi Bus» hob und senkte fich und ein krampfhafte« Schluchz» droble sie u ersticken. Herr Sigdor, »essen Befremd» im Lause kt E Mlnnz dem Mitletve »ich, erlnchtt dte Frau, fich zu fass» und th, die Höhe der beuöchigttn Summe namhaft zu mach«,. Frar 8adnero»«ka fuhr, von Schluchz» und Thrän» unter.' brachen, fort : „Ich wage e« kaum den Betrag zu nennen, da» « ist wirklich bedeutend. Senn Sie ab« bedenk», daß Este damit: da« Leben und die Ehre ein« ganzen Familie erkauf», wir«' « Ihn« nicht zn doch vorkomm». Und so flehe ich Sin kniefällig an. rettea Sie »ich. retten Sie »rin« Mm» am: de» Zochthanse und «ein unschuldige« Sind vor de« Unter« gange. Bei Allem, »a« Ihn» heilig, beschwöre ich Sie, Hab» Sie mtt nn« Erbarm» und d ing» Sie »er Barmh«z,gkett ein» Nein» Brnchtheil Ihre« B«mög»« znnt Opf«. Sie »erd» fich damit die ewige Taokdarkeft dreier «rnschrnled» erkaufen, die Existenz eia« nnglückltchen. oer> zw-tfett« Familie rrtt» und diesen Att der Hachtze ztgtoit wird Gott an Ihn» und an Ihr» sttnde» tausendfach" vmgelttn. Für' Sie find doch 9000 Galt» nicht von s» gtoßer Wichtigkeit, für nn« oder «pttseattt» ste nufer ganze« Dasein, und wtt können noch in die Lage tonnen, Ihn» da« Geld sucresfive zu erstatten." Erschöpft und in beinahe kniender Stellung schantt sie lhrtnei'd» «age« zu Sigdor empor, von chm Erlösung «wartend. Al« « die Höhe der verlangt» Smnme ver» nahm, wich er überrascht zurück, dem» auf solch ritte Quote' war « nicht gefaßt. Frau Theres« gewahrte diese setie Ueberraschnng und mtt. dem Anfgebott chrer letzt.» straft wiederholte ste ihre Bitte. Die geknickte Iammergestatt Heß ihre Hände stehend -zu chm empor, ihr ganz« stöeper wart« von ernem Zucken befall», daß d« alte lLtgdor fich eim» Rützrnng nützt «wehr» tonnte. Er betoeatt die Appel» sein milde«, »an Bütt strahlende« Gesicht zn«c bewegt, deß sein langer weiß« Barr »er patriarchalisch« Gestalt ctm# Ehrwürdige« verlieh Die katte Berechvnng wurde m»° sein« Herz<n«gitte zn» Schweig» gebracht, er schritt «i_ Fron Therese zu, reichtt ihr die Hand nad al« die Sarin über seine App» kam«: .Ihre Bitte ist gewährt. DI« soll» da» Geld -ab»", schnellte ste wie »» belebt empah/ und trotz seine« Stränben« konnte er e« nicht verhindern, daß sie chm in chrer freudig» tzlnfwallnug die Hände küßte. Sigdor, welch« ihre Dankdarkeitüergüfie »bkürz» wollt schloß: „Sie könnm fich «chtg nach Hanse begeben, laWin Sie Ihr« Mann über da« Darlehen e.ue BefcheinigSW anüpellmi und «arg« können Sie stch d« Betrag gegen bic Qntttnng abholen." - *■ Nochmal« ihrem Lebcn«retttr dankend, »oütt schon ich' jetzt glückstrahlende Frau nach Hanse eilen, um chrem Man««- die srmdche stunde zu überbrtngm, al« Aiigdor, sich best 9tf>, ihr nachrief: .Oker besser, ich zahle Ihn» gleich tz Betrag an«, nn^ Sie bringen mtt morgen d» Reoer«. meiß, dte Summe ist jedenfaü» bedenttni», die also groß und ich tonnte über Nacht anderer S . ,... JV V-S t 1