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Jüdisches Familienblatt · 1888-01-01 · 38-39 (1888) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1888
Issue
38-39 (1888)
Date
1888-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ARdksche« 1888. itfilif i*f it// fff tn^fgfto m. Br. 11 Bitrur Ir Maadtb«. Zu KüntzMaj l «tithnult str Mt i«r«Mstzt feailit. Inhalt: Ata« v»rht»a>>th->ollr Rächt. Irzdhlaag «ad d» Lade« »er Jaden ln SkifkfUIU-’b mb Jncob Mrtlaker. — Mileellt». So, *«tl Wtesenthal. — «atz aaa in Eeglaa» alle« .Rabbiaer' »«,»». — 6«U«|ti »« Fest i, der Fremd«. — «in oni pro qao. — Dn« «chachtpkl »ad dt« Jad«». — Allerlei ftr dm Famtleatisch. — Klein» jü^side ikharakle-züge. — Hedrllisq« «chnifr^a. — Rtcht«l->»iI»dea »ad «chsedSSsaa^a. (Uadeia^er «achdrack aatrrdql.) •ine verhL»g«itzvolle «acht. Aezähl«»» aa» d«m Leben der Inden i» Veiß-Radland »o» J,c»b Prtlaker. Dir wohnten zur Zeit iu einem der abgelegenen Städt» cheu de< »eftticheu Rablaud, welche» von den Weiß-Russe, und Jude« bevdlkert ist. Da» Leben und Treiben dieser beiden völkerstämme zeigt hente noch einen sehr niedrigen Enlturzustand. Werfen wir einen kurzen Blick auf die der« räucherst» Hütten, auf da» kleine, abgemagerte Bieh oder auf da» lenßere de» Weiß-Raffen selbst, deffea schwerfilllige eckig« Figur von dem groben Sermjaga eiugehüllt ist. und der seine Füße mit schmutzigen Lumpen bewickelt hat, und ei, schmerzliche» Wehgefühl wird nu» da» Herz zusammen» prrffeu bei Anschauung diese» stampfe» für eine klägliche Existenz um da» tägliche Leben. — Diese» stampfe» welcher schon so viele Jahrhunderte ein« solche Maffe von Menschen iu Unwiffenhrit, R hheit und geistiger Unbeweglichkeit zu bleiben verurtheiltr. Aber noch schwerer und ohne jegliche Schonung ist da» Leben der Jude» iu Weiß-Rußland. Wenngleich Grnud und Boden nur wenig fruchtbar, so hilft doch da» Bieh de» Weiß. Raffen mit zu seiner Ernährung. Aber selbst diese beiden Faktoren fehlen der jüdischen Bevölkerung, verzweifelte, hoffunng»lose Armnth. Darben durch Hunger und stillt« find ihr traurige« Schicksal; daher bietet da» fast gleich schwere Loo» dieser beiden Völker keine Beriulaffuug zu» gegenseitigen Neid für einen ökonomische« Vorzug und lebt der nicht zu« beleidigen geneigte, phlegmatische und bi» znm Fauatiswu» fromme Wetß-Ruffe in Friede» und theilweiser Freundschaft mit dem flinken, lebhaften, aber nicht wüster auwiffeudeu J»raelilen. Rar zuweilen, unter dem Etnfluffe de» Branntwein» oder anderer fanatischer Zustände, kommt e» vor, daß der Weiß-Ruffe au» fich herauögeht, dann richtet er wohl seine rohen Witze und Scherz« gegen den Inte», die zuweile» sogar tu Reibereien und Schlägereien an»«rtru. Der Jude aber, an diese unschuldigen Hetzereien »er Ehrtstev gewöhut, verzeiht die« sehr bald, nud lebt iu den frühere» Verhältnissen zufrieden weiter. Zu einer bestimmte» Zeit aber im Jahre befindet sich der Weiß-Ruffe in et«« solche» Zustande, daß er e» al» ein Nothweudtge« betrachtet, mit dem häßlichen Juden abznrechnea, mit dem er viüleicht gestern noch brüderlich verkehrt hat. Der Jude kennt aber ganz genau diesen Zeitpunkt und meidet die Straße, «n böswillige Angriffe zn hindern. In eine« solche» fatalen Moment wurde unsere Familie von «wem blutige» Drama betroffen, dessen Einzelheiten, eine solche Wirkung auf mich a»«übtea, daß ich noch jetzt nicht ohne Schauder an jene verhäagaißvolle Nacht zurückdenke. Und wer war der Urheber dieser statastrophe? O «ehl Der Urheber alle» dessen, wa» gi.scheheu war — war ich selbst, znr Zeit »och rin Lind von kau» acht Jahren! E» war ein schöner Frö hling»abend. wenngleich schau ziemlich spät, so war doch unsere ganze Familie »och beisammen und schien auch noch nicht die Abstcht zu haben, fich urr Ruhe zu begeben. Die talmndischen Folianten, di« Liebltug»leftüre meine» Großvater», der, nebenbei bemerkt, der Rabbiner der dortigen Gemeind« war, blieben au diese» Abend unberührt im Schranke, weil mein Großvater mit meine« Vater und eine« reisenden Prediger ein sehr erregte» Gespräch führte. Di« weiblichen Mitglieder unserer Familie befanden fich im Nebenzimmer, ebeafall« tu ledhaster Unterhaltung, die «st durch Seufzen unterbrochen wurde. Die kleinen sttnder schliefen schon längst, nur ich allein war »och munter geblieben, und mit großer Aufmerksamkeit horchte ich auf die Erzählungen der Erwachsenen. Wenn auch der Gin» dieser Unterhaltnngeu meinem kindlichen verstände stemd war, so ahnte ich doch, daß über Ereignisse von großer Wtchtigkest und traurigen Folge» für die Juden, welche tu stühereu Zeilen pasfirt waren,? gesprochen wurde. Die Worte Jehoschua, Nozry, Sanedriu*) fanden im strrise der Männer eine oftmalige Wiederholung, während die Frauen unter Seufzern unter Anderem au»riefeu: O. wen» wen schon kummeu unsere Jeschuha? (O, wann wird endlich unser Mesfia» kommen?) Schon al» Lnabe von sehr unruhigem Temperament. benutzte ich, da die Rede« doch für mich stemd blieben, und man wich noch nicht beobachtete, diese Gelegenheit, am mich durch da« vorhau« auf die Straße zn schleichen. Hier wollte ich, wie ich schon oft gethan, den lahmen und einarmigen Nachtwächter. Leiserke mit Namen, ekwarteu» dran es war mein größte» Vergnügen, da derselbe sein« nächtliche» Rundgänge bet «nserm H.use begann, miq seiner koloffaleu stuarre zu bemächtigen, um derselben die schrecklichsten Töne zu entlocken. Aber die rom vorderhanse nach der Straße führend« Thür war schon verschlossen, und noch dazu stärker al» gewvhulich. auch die bekannt eu Schritt« de« Wächter» ließen fich nicht hören, elgleich seine Zeit schon da war. Ich stellte mich auf die Fußspitzen, um durch die Thürspalte hiuau»lugeu zu können. E« war eine wunderbar schöne Nacht, weiche, wohlriechende Frühli«g»lust umweht« «et« Antlitz, und, den Mund öffnend, athmete ich fie in vollen Zügen et». An dem klaren Himmel schienen fich dir brillant funkelnden Sternchen einander zrheimuißvoll zuzuwiakeu, daun plötzlich erlosch ihr Licht, um im nächsten Moment wieder iuteust« anfznstammen. Mri wonnigem Gefühl blickte ich empor zu diesem Himmel»kild«, oa« mit seiner zauberischen straft einen sanften Schauder in der Luft erweckt. Hatte fich doch iu frühester Lindheit in meiner Seele, unter dem Erafluß älterer Hau»graoffen, welche > bei mir die Stelle eine» Galilei und Spinoza vertraten, «ine ganz bestimmte Weltanschauung gebildet, nach welcher ich alle Menschen für Linder Gotte« hielt, und nach der die Sterne nicht» andere» waren, al» die Augen der unschuldig gestorbenen Linder, welche Nacht« di« schlummernde Natttr bewache». Während ich so auf den leichten Flügeln kindlicher Phantasie iu eine andre zwar widekaaute, aber doch «»endlich befeeligende Welt hinoasgefloge» war. feffeltr «ich plötzlich eine uene,M>ek wartete *) Jesa«, Razmrlh, Slaedrio».

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