Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 37 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M %7. Aüdisches 1888. . . Heraalge-eb» von Df. M. Natzmer in tRagbeburg. |n Mchilba, l fit dir »nMfche fnrilif. —, r» hat nicht sollen sein. vttt Zogrundelegmig einer russischen SrtLhlung von 8. Levtn-Eagan. (Se-luh.) — Rector tonet». 21* ~\lU)Qlt* MnlUitt vonBnuhard xtavbcnbtig, Lehrer. — Allerlei für de» Aamiltottisch. — Stäthsel-Nufgad«« «ad Räthsel-LIsange». lll»bes»U«er M,chbr«s »»trrsagr.) GA hat «tcht solle« sei«. Mit Zvgruud lfgaag einer russische« Lrzützlurg von 8. Leviii» Lagan. (Lchluß.) VUl. »Warschau ist unbedingt eine europäische Stadt zu ntnacn; Alle« darin ist nach modrrurm Grschmacke arraugirt allein da« Arrangement ist kein tadellose«, denn da« slaotsche »Irgendwieist auf jeden Schritt b> merkbar und macht ganz den Eindruck eine« Mi u chm, der sich nach der neuesten Mode kleide», dabei aber sich sehr nachlässig trägt, so daß mau ihm auf de« erst«« Blick anfieht, daß er grr kein verlangen trägt, in seinem Aeußern oowua« il taut zu erscheinen .. ." So ungefähr äußert sich eia »omhastrr Schriftsteller über die Metropole Poleu«. Und iu der Thal, sie ist eine Großstadt im modnne» Stile, kann aber ihren slavischen Charakter nicht verlcnguru. Nicht« fehlt darin, wa« andere Großstädte biete«, und den«och ist Warschau nicht mit einer ander» europäischen Großstadt zu vergleichen; in jedem Arrangement, jeder -iartchtuug liegt eine gewisse Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit, die dem Auge de« scharfblickende« Beobachter« nicht entgeht, so daß man fast au«rufru möchte: hie Europa, hie Afia ... Und so originell wie die Stadt, ist auch — der Warschauer Jude; in seiner Tracht ist er da« Didersptel seine« Geb»rt«orte«, repräf utirt er Vergangenheit und Gegenwart, Europa und Asien Wer den polnischen Juden .unverfälschtkenne» lernen will, suche ihn .an der Quellranf, denn die Exemplare, welche «ach Deutschland und andern westliche« Lulturläadern komme», habe» zumeist »durch den Transportgelitten; r« sei denn, daß sie, wie da« für den Export bestimmte Vier, »extra stark eiugebrautwären ... Und da die« selten der Fall ist so leide« die flavischev Juden wie da« germanische Getränk — unter den Strahlen der Sonne, die sich ihnen in de» westlichen Eulturstaateu plötzlich in nie geahnter Pracht zeigt, und werden entweder schaal oder-sauer ... Ander« iu seiner Heimath. La wird der Jade nicht beschienen und geblendet von dm Sonneustrahlm politischer Freiheit und europäischer Civilisatto»; da kommt er sich nicht zwerghast stein vor, weil Andere so gigantisch groß; da giebt er sich ungezwungen, natürlich und ist auch viel genießbarer, »süffigeral« Jene, die ' durch einm »Sonnenstichihrer »Blume" d. i. ihrer Ursprünglichkeitlund Raivetät, beraubt wurden... Er ist eine imponireude^Erscheinung in seinem seltsamen, an die fernste Vergangenheit und gegenwärtigste Gegenwart zugleich erinnernden Loflüm. Ja, Vergangenheit und Gegenwart reprätruiirl seine Tracht. Laßt un« dieselbe betrachtm ... Stulpmfttefel find undestrirtea »modern-, und obwohl sie sicherlich »arischen- -Urspinng«, nehmen sie sich, blankgeputzt, auf de« semitisch« Fuß eine« polnischm Juden nicht minder gut an«, als auf dem romanischen ober germanischen irgend eine« unökouomischea Oekonom«. Wenn aber in tiefen Stnlpmstirfel» uuterschiedslo« kurze, hellgraue Rankinghojeu strckm, so sieht «an sich versucht, in dm altm, staubbedeck!«« Archiv« nach einem jener entwürdigenden Gesetze zu forschm. da« dereinst dm Judm da« Tragen solcher vor» geschrieben haben mochte. Ebmso verhält e« sich mit seinem Rocke: der Stoff strmg »modern", weil theuer, der Schnitt aber ungemein veraltet. Doch unbedingt der Gegmwart an« gehörend ist die Kopfbedeckung, welch« der Warschauer Jude mit dem Bürger jeder andern mropä schm Residenz gemein hat:-der Chlinderhur. Stulpenstiefeln und Helle graue Nankinghosen, »Schupitze- und Cylinderhut! Eine ziemlich bunte Zusammenstellung, di« un« aber, so wir sie vor un« sehm, recht harmonisch erscheint und dm Warschauer Juden vor seinem Nrinpolmschen und russische« Glaubm«genoffen so vorthellhast auözeichuet. Da« scheint der «ohlbelerbte Jude zu wissen, der da auf dem »Schloßplatz" einherschreitet und au« purer Langeweile die Feuster an der Seitenfront de« »königlichen Schlöffe«- zählt, denn er würdigt deu auf ihn zueileudm alten Mann keine« Blicke«. Und dabei hat auch dieser einen Cylinderhut auf, aber wie fitzt er auf seinem Haupte! Mao steht e« aus dm ersten Blick, daß diese« modeme Paradestück nicht d?n täglichen Aopfschmuck de« Träger« bildet, und daß in der »Mikwa-, wo dieser badet, nicht da« Wasser der Weichsel fliekt, sondern wahrscheinlich da« de« Nirmm oder der Wiltjä... Und vollend« al« sie, die beiden Männer, sich gegmüberstehen, tritt der Eovtrast um so krasser hervor; der Eine trotz der altvaterischen Tracht »gebügelt und gestriegelt", der Andere trotz halbmodemer Kleidung recht pauvr«. Man sieht e« dem letztem an, daß er jmer Provinz augehört, wo man auf da« Aeußere nicht«, auf da« Innere Alle« giebt; man sieht, man hört e« ihm an:-er ist ein „gittnat". Da« merkt auch der wohl« bel-ibte Warschauer sofort mit jenem Scharfblick, der e« dem Großstädter ermög icht. den Provinzialen unter jeder Mo«ke heraukzukmnm: er merkt e« und wird-grob. Dma in der That, wa» habm die Litlwak» in dem patriarchalischm Polm zu suchen? Wa« kann diesen Mann mit dem aufgeknöpftm Rock und den nicht zugeknöpfte« Hosen, mit dem iu dm Nackm geschobenm Cylinderhut und dem dleichm Gesicht nach Warschau sührm? Wa« ander«, al« die Absicht, zu schaorren? Wa« andere« wird er in der stark hervortretenden Brustlasche ausbewahrrn, al« eine Anzahl — siche. - lich noch gefälschter — Schnorrbriese? Zu welchem Zwecke sonst sollte er nach den „Naliewki'«", nach jener von Juden so reich bevöltertm Straße fragen? Solchen Leuten giebt man gar keine Antwort, sondern man fertigt sie ab mit einem halb bedauernden, halb verächtlichen „Woue? ‘ So ein , Liltwok" verdient e« nicht besser... Ah, xuräou! Ich vergaß, daß Du, mein Leser, diesen verhängnißvollen Au«, dmck «icht kennst. 0, wie beueiden«werth bist Du — in d n Augen jede» lang- und kurzröckigen Judm von der Weichsel bi« zur Warthe, da Du keinen „Littwak" kennst! Weißt Du, wa« rin Litlwak ist? Weißt Du, wa« ein Sabbathschäudrr und „Trepha'-Effer, Religion vitächler und Gottesleugner ist?-Da« ist ein Littwak. Weißt Du, wer wortbrüchig und unzuverlässig, heimtückisch und meineidig ist?