Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1888
- Issue
- 21 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bon Dr. M. Nahmer in Magdeburg. ~«Ns+ z« z«tntzßwmx. Krlrhnmftr die isreMsche Femiie. ^4«- »»« Gr»b»vt»rl «kttibuf. — .vabbuth-PlaudereleR* ium Wochruub'chnltt „BehnaUu’cho“. — D r salowoatfche Tempel. — ^ylllliUl. RLttzsel-Uufgab«» und rvUhsel» Äsungen. — ««» Großvater» Gebetlmch. Ich habe ei» alle« Gebetbuch, grau und verwischt, da» wt« ei» runzlige« GroßvStercheu au« der Reihe meiuer stattlich aufgeplltzten Bücher hervorblickt, mit zerschliffenen Täfelchen, abgeriebruem Rücken, in dun die Buchstaben nur Ritze» »nd Vertiefungen zurückgelaffe«, au« welch«» hie und dr ein Fünkchen verblaßten Dolde« hervorglimmt — mit einem verschwommenen Räuderschnitt, der einst goldig war, jetzt aber gar keine Farbe mehr bekennt, und mit plumpm, unbeholfenen Lettern nach Art der früheren Typographie. — Ol e« hat schon Geschlechter überlebt, diese« Gebetbuch! Alle jene Augen, die darin htnetugeweint, sind längst schon vermodert in Grabe — aber Spuren von alle» ihre» Leide« und Freuden haben sie darin zurückzelaffeu, jene versunkenen Geschlechter, hier eine finnige Inschrift, dort ein welke« Blättchen und hier wieder die unverwischbare Spur einer Thräue, lauter beredte Zeichen, welch« dt« Todte« vor mir heranfbeschwöreu. ihre starren Zungen lösen, daß sie über da« Grab htaweg dem späteren Enkel«kinde Geschichten erzähle» au« alten, verklungenen Zeiten. Mir ist e«, so oft ich diese« Buch öffne, al« trete ich in di« geheiligten Hallen eine« Ahuensaale« ein. Auch hier entsteigeu jedem Blatte längst verblaßte Bilder, die mich mit ihren seligverklärlla Augen «sehe» und e« tönt und klingt wie et» Geisterruf au« dem Lwche heran« »nd Gestalten »erde» lebendig, die lange sch«« im Gchaltenreiche wellen «nd mitten unter diesen dränge» sich die verblichenen Bilder meiner Kindheit wie Tobt« an« den Gräbern . . . Hier et» solche« Bild! . . . Gotte» Hilfe« »Gatte« Hilfe lammt »an nngefähr." vergilbt und »erschoffe» ist bi« Tinte, mit welcher diese Warte auf der 36. Sei« meine» Gebetbuch«« in hebräischer Sprach« zu lesen find. . . . Wa« Wunder auch — die Hand meine« Großvater« war cf »och, die vor nahezu einem Jahrhundert diese Warte »iederschrteb. Et« »nndersame« Ereigutß gab hiezu die Ursache. Mein gottseliger Bater, der jene« Lreigniß selber miterlebt, erzählte e« mir vor vielen, viele» Jahren, s« lebendig, baß ich »och jetzt alle« zu hvien »nd z» sehe» glaube. . . . Mein Großvater war eine stolze, hohrtt«v»lle Gestatt, t» Sprache und Bewegung »oll Würde und Gemeffenheit; kr Urtyp «te» «Mbischen Aristokrat«». Der große Reich thnm, de» er besaß, verlieh überdie« seine» gaiqe» Anftreteu ei«, A««»rnck der Sicherhell und de« GeÄstver krauen«. Sette» aber verstand e« anch je ein Reicher, gleich ihm, sei» Bermög» z»w N»tz«» »»d Framwe» kr Arm» z» verwalte». Sedt Ha»« war et» Slllldtchet» für alle Unglücklichen der Stadt, H»»grige faube» tnoaer dart ei«, ^wckll» «sch. dt Verpmtfette» Traft aa» , Hilf«. Natürlich genoß er die höchste Achtung seiner Glaudeu«genoffen, aber auch bi« christliche Bevölkerung überhäufte ihn mll Würden und Ehrenämtern und ließ e« nicht au Zeichen der Gnerkenumg fehlen, die er auch in vollem Maaße verdiente. Sein große«, »ellverzweigte« Geschäft brachte ihn in öfteren Verkehr mit den Adeligen der Umgegend, die in gleicher SEBeifc ihn seiner Biederkeit und Ehronhastigkeit wegen achten», ja ihren Berkehr mit ihm well über da» Geschäftliche hmau» auSdehuten. indem fie mit ihm Freuudschaft«brs«che wechselten, wa» damal» zu den größten Seltenheiten gehörte. Besonder« war e« ei» edler Pole, der Ukrainer Graf genannt, der eine so liebevolle Neigung für ihn faßte, daß er nicht allein oft sein Hau» auffuchte, sondern auch in ollen kritischen Logen seinen Augen Rath eiuholte. Dieser edle Pole war aber auch im Allgemeinen ein großer Freund anserer Stamme«genoffeu. wa« er gar oft mit kräftigen Worten zum Au«drucke brachte. Schon dr-halb, pflegte er nämlich immer z« sagen, Hebe und achte ich diesen alten ehrwürdigen Stamm, well er gar auffallende Aehulichkeiteu mit meiner Nation besitzt, — dieselbe Zähigkeit nnd Elastizität im Leiben, dieselbe uoverfiegbare Liebe zum geschichtlichen Vaterland« und daflelbe Bewußtsein seiner hohen Bestimmung nnd Au«erk»reuschaft, die ihn vor dem Roste der Zeit schützen nnd in ewiger Frische erhalten. — Der Ukrainer Graf war der eifrigste «nd enragirteste Patriot seiner Nation, und wenn er auf deren Märtyrium zu spreche» kam, füllten fich seine groß« blauen Augen mll Thräue». Er konnte aber auch sehr lustig sein, dieser edle Menschenfreund, namentlich wenn er fich von kleinen Kinder» umgebe» sah. Und wie fie ihn aber auch liebten, alle Kinder de« Hause«. Eine« um da« andere schlichen fie fich mll ihren nackten Beiachen au ihn heran, so oft er di; Schwelle de« großväterlichen Hanse« übertrac, Anfang« zaghaft, nach nnd »ach jedoch durch seine Zutraulichkeit immer kühner, daß e» bald wll eine Schaar lustiger Sperlinge um ihn herumschwärmte: da« eine ritt ans seine» Knieen, da« zweite kletterte zu ihm auf die Schulter und ei« dritte« beschwatzt« ihn ««terdeffeu mit tausend Fragen — und so tummelt:, kroch und krabbelte e« um ihn her, daß er. von denselben ganz überdeckt, kaum mehr selber herau«zuseheu war. Für dll Freitagabende lud er fich nicht selten selber zu un« zu den Sabbathfischeu ei». I» der Nähe de« nächste» Familienmitglied«« konnte mau e« sich nicht gemüthlicher und augezwungeuer machen, wie in Gegenwart diese« hochadlige» Grafen. Man überließ fich heiter» Plauderei«», die Kinder triebe» ihre lauten Spiele, uogentrt aß und ttank man, und saug lustig die Heller» Sabbathlieder in die Welt htued». Nnr einmal, — und da« war da« letzte Mal, daß er überhaupt bet saf war, — geschah e«, daß er sehr ernst ja düster, gm Großvater in« Hau« trat. Dll Kinder, dll. wll gewöhnlich bei seinem Anbucke, zu ihm herbeiflattert«» stiebe» wieder schr» aafeimmder, cll« sie sei»« »«heimliche'