Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1888-01-01 · 19. Jahrgang Nᵒ 36. · p. Seite 278

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
19 (1888)
Issue
19. Jahrgang Nᵒ 36.
Date
1888-01-01
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/5369809-5935050-5938349--6801-5372684
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

278 Die rchsph«r-DS«e der Wahrheit. Wünsche» und deren — da» ist die Hanptlbätighft unsere» Herzen» znr Zeit der JahreSmeode. Denn da» Schiffiei« ins brausender Brandung von wildem Sturme gepeitscht hin- und dergeschleudrrt wird, und der Mensch in seiner ohnmächtigen Schwäch« dem komme, den Augenblick in» Auge schaut, der gestählte »rm de» Helden da» Donnerwort de» Eroberer», der an Hils»mitteln nie erschöpfte Seift de» Erfinder» keinen Widerstand leisten, hi e» Gehorsam finden, keine Rettung ersinnen kann — wo» kan» da da» arme Herz de» geängstigten Reisenden ander« thun al»: beten? Der Ocean der Zeit, auf dem da» Schifflein de» Menschenleben» die Fluthen durchschneidet, ist stet« io ftür. miscker Wallung aufgewühlt: jeder Angenblick kann da» Schifflein in dev dunklen Abgrund vkrsenken. Aber die Gewohnheit — die» beste und schlimmste Wiegengeschenk der Menschheit au» der Hand der Vorsehung — hat den Menschen -egen die Todesangst, diese ,Seekrankheit" ans'rm Ocean de» Leben», gestäblt und abgehärtet: da« Auge sieht nicht mehr den schwarzen Abgrund, weil r» ihn immer sieht; da» Ohr hört nicht mehr den Schlag d.r Wellen, weil e» ihn immer hört, wie oer Seemann, deffen Herz au' dem wagenden Elemente so ruhig schlägt, wie auf dem feste» Lon". Die Gewohnheit de» Leben» läßt un» übersehen, daß wir älter werden, daß der Abgrund der Vergangenheit mit jeder Gegenwart einen Augenblick unsere» Leben» verschlingt. — Nur wenn ein größerer Zeitraum adgelausr» wenn ein Jahr dahingeschwunden: da wird die Macht der Gewohnheit durchbrochen, da kühlen wir unsere Uvfichrrhe t, unsere Bergänglichkeit. unsere Ohnmacht. Au« den stürmischen Wege» der Gefühle, die die Jahrelweude in un« aufwühlt, wo sollte da» Herz Rettung suchend hiuflieheu, wenn nicht in den Hafen de: Gotte»nähe im Gebete? — Die da» ganze Jahr nicht beten, drten znm Jahreswechsel, und die da« ganze Jahr viel beten, beten da noch mehr. Aber da offenbart sich die schlimme Seile der Gewohnheit: die gewöhnt find nicht zu beten, und dir gewöhnt sind viel zu beten — und zu diesen Extremen gehören ja die Meiste» — sie haben beide verlernt, richtig zu beten richtig beten zu können. .Wozu beten?' — fragt der erftere, — .wa» wird denn erhört von unser» Gebete»?" — .Rur beten" — sagt der letztere — »da» „M»ohaor“ muß durchgesagt werden, sonst schreibt wich Gott nicht ein in da» Buch de» Leben», de» Reichthom», der Ehre" u. s. w. -„Gott ist nah« Alle», die ihn anrufen! Allen, di« ihn anrufen in Wahr heit" ') — rufen un« die Schophar- Töne zu. »In Wahrheit!" Wer ruft Gott an »i« Wahrhett?" erklären die Schophar-Töne: .Herrschaften" — eine Mehrheit! Welche? — Du, o Mensch, hast, wen»'» hoch geht, nur Eine .Herischast": in dem Augeubticke der Gegenwart; Gott hat die Herrschaft über alle'Zukunft, über die zahllose» Momente der kommenden Zett. Du, , Mensch stehst nur dir Gegenwart, Gott steht di« Zukunft. Wie oft betest du. o Mensch, um ein« Gab«, der» Gewährung für dich da» größte Unglück wäre? Du siehst nur ’S de» Anoenblick, nicht da» Morgen; nur die Oberfläche, nicht die Tiefe: Gott ist woht »nser .Bater' *), ober nicht der i schwache, der seinem Linde auch dann uachgirbl wen» es etwa» Unvernünftige» zu seine» eigenen Schade» verlangt, er ist auch: .Unser Könia"), der auch versagt, dessen Allwiffevhri« und Allmacht alle» durähdriogt. Gott erweist »n* Wohllhaten. aber nur »gute Woblthatru" *). Wir manche Wohlthat. die du in deiner menschlichen Kurzsichtigkeit verlangst, wäre für dich keine .gute Wahltbat", sonder» «i» Unglück! Solche Wohlthete» erweist dir Gott nicht; Gott erhört nicht dein Gebet, wen» du im Jrrthnm in deine» Vorstellungen über da» verlangte Gute zu ihm betest. »Gott ist dir »ur daun nahe, wenn du ihn anrufst-in Wahrheit!" »In Wahrheit!" — HWT21 erklären dt« Schophar« Töue weiter: »In Würdigkeit", gestützt auf die hell. »Erinnerungen" der Vergangenheit. — Du »rufst Gott an" und lebst in Lüge? Du flehst um Soft«» Erbarme», uub dein Herz kennt kein Erbarmen? Du betest uw Leben Reichthum und Ehre, uud du hast gemordet, bo» trogen, verleumdet? Da« „dlaotroor" soll für dich Fürbitte thun, und dein Lebe» ist dein Ankläger? Da» gedruckte Gebetbuch soll dich deinem Gott nahe bringen, wenn da» Buch deine» Leben» dich unendliche Weiten von deinem Gotte entfernt zeigt? Dein Gott ist die Wahrheit und du bist die Lüge; dein Gott ist die Gerechttgkett und du bist der Betrug; dein Gott ist die 8i"be und du bist der Haß; dein Gott ist da» Licht und du bist die Finsterniß — und dein Gott sollte dir nahe sein und dein Gebet erhören? Soll da» Sterbekleid, da» du anziehst, deinen Gott zur Mil»r und znm Erbarmen stimmen, wen» Lei» Herz keine Milde und kein Erbarme» kennt? Dein Herz ist voll Eigendünkel, voll Hochmuth, voll Stolz, und dein Gott, »der bei Gebeugten und Demüthigen weilt"'), sollte dir nahe sei, und dein Gebet erhöre»? Deinen Bruder, deine» Gotte» Kind, zermalmst du ohne Erbarmen, und Gotte» Erbarme» soll dich einschrriben in da» Buch de« Leben«? »Aber du hast e« — sagst du — für deinen Gott getha», zur größer, Ehre Gott,«!' O. welche He»ch«leil Ehre abschneiden, verleumde» uud nachher noch al» Heiliger dastehen wolle»? Deine Sünde soll »och ei» Samenfor» fei», da» dir in Blülhen sich entfalte, um dir eine» Ehrenkranz . zu winde» vor deinem Sott«? Bor deine« Solle — . o. du hochmüthiger, scheinheiliger Sünder! Meuscheu tarnst, du täuschn», deine» Gott nicht! .Häufet"»icht hohe, hohe Rede», der Stolz entfahre eurem Mund«, da« ei» Sott der Gedanke» ist der Ewige, nud Jh« fdck die Thatr, ergründet."') I» Scham sollst d» dein Antlitz verhülle», erzittern solltest d» erst t» innerster Damtth. ehe du dettmu Gott« ein« Büte »orträgst, eh« du e» wag«, darfst, dich deine« Gotte »ah« zu »äh»«»-.Sott ist nahe Iloi die ihn aarnfrn, aber n»r da»«», bi« ihn anrnf«» — — in Wahrheit"! Da» flick nriwr, dir Schophar-Stimme» der Wahrheit. die nicht nnbeherzigt «erhallen, smcker, in immer xrsm ernon p .«wo C .trs* e •m ^ow*n Jim p , *> »ckn Dl* Wl ,» der Haptzwr» M t, «mjohrhwW^ i- -jioio wip" Illktt bsh rmp isi 7, 211? > vir./* 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.