Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 43.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 352 — „Dhitttr, Mutter,* flüsterte die Jüngere und umschlang die Nettere furchtsam mit beide« Armen. „0, die Hexe hat Schrecklicheprophezeiht. Wie wird das noch mit dem Bater enden? „Beruhig« Dich, Helene, mein Lind.* sagte die Nettere tröstend, „fkir. Vater steht in Sorte» Hand, wenn er auch zuweilrn wild and grausam ist. Es wird ihm nicht mehr geschehen, als!>er himmlische Vater zuläßl. Wir wolle» in deß für seine iZeele beten, daß ne sich zum Guten wende» möge* „O, Mutier, wir sind recht unglücklich* — schluchzte die Jungfrau and lehnte daS Köpfchen an die Schultern der mackeren Burgfrau, die, ihr die beiden Wangen streichelnd, mit ihr hart an di« steinerne Brüstung trat Es waltete ein eigenthüinlicheS Berhältuiß im Kreise der gräflickeu Familie. Graf Dieter, als rauher, roher Ritlersmann, behände t die Seinigeu mit wirklicher Härte. Seine Gemahlin war die Tochter eines Grasen von Stolberg, mithin die Spross n eines uralten Geschlechtes, daS mit ven Äernigerobe's vielfach verwandt, nachher in mehreren Hauptlinien sich fonsetzte, von denen der ältere Zweig Stolberg-Wernigerode noch ,etzt blüht. Thekla vc n Stolberg war ihrer Zeit der liebliche Stern am Thüringischen Himmel, die schönste Blume der ganzen goldenen Aue geiresen. DaS gräflich« Schloß zu Stolberg war vor zwanzig I hren der Schauplatz buntdewegten Lebens. Da tnmmelteu sich di« Edeln im Turnier um die Wette, und mancher blühend« Jüngling sank, die eiserne Lanzenspitze in der Brust, oour Pferd« herab in ven Saas. Der alle Graf Halle gelobt, nur demjenigen feine Tochter zu geben, der als Sieger auS dem Kampfe hervorgeheu werde. Mil blutendem Herzen sah Ttetla diesem Treiben zu. Obwohl eine Edeldame im wahren Sinne des Wortes, war sie doch zugleich ein sanftes W:ib und verabscheute die Härte des Vaters, der um ihretwillen die Ritter sich gegenseitig da« Genick zu brechen zwang. Mit bewlmdernswerther Fassung schickte sie sich in da« Unvermeidliche und gelobte am Altäre dem siegreichen Wernigerode Liebe und ewige Treue. Sie hatte ihren Schwur treulich gehallln. Das zart« Weib gewöhnt« sich allmählig an die rauhe Außenseite des Mannes und war ihr Lebelang bemüht, dieselbe zu glätten und zu enkwildern. In deu ersten Jahren ihrer anfangs nicht unglücklichen Ehe gelang es in einem gewissen Grad«. Als ihr aber ein Sohn und bald darauf eia Töchlerchen geschenkt ward, wurde chre ganz« Ar fmerksamkeit von der Erziehung dieser theuren Unterpfänder m Anspruch genoutmen. Sie hatte genug zu thuu, um wenigftenS die bösen Einflüsse, welche daS Leben in der gräflickeu Burg auf die Herzen der Kinder haben konnte, mögliäist fern zu halten. Sie zog sich deshalb mehr und mehr von der Gesellschaft Dietrich'- zurück, um den Kleinen leben zu können. Er nahm das al» Kälte auf, ward schroffer und wilder, denn zuvor. Mit blinder Hast allen Leidenschaften sich jähling« überlassend, stürzte er sich in eine« Strudel von Unternehmungen und bacchantischem Sinnetaumel, der sein Herz immer mehr den Seinen entfremdete. Mittlerweile war dar Söhnlein zum herrlichen Jüngling und da« Töchterleia zur lieblichen Jungfrau herangewachfen. Den Erjterea wußte sie mll endlicher Zustimmung ihre« Gemahles an den Hof ihre« ältere» Bruder« zu entfernen. Er ward auf Stolberg, da« noch immer den Ruf der Ritterthümlichkeit trug, zum , Ritter ausgebildet und hatte sich «nläugft daselbst die Sporen erworben. So kam e«, daß, her juuge<.Graf Beppo von Wernigerode zwar all, di« ritterlichen Tugenden, aber nicht die Laster seine« Vater« Dietrich'erbte und, obwohl erst neunzehn Jahre zähle nt, bereit« der Stoll der ThüringischHarzländische« Ritterfckast geworden war. Dritte« Kapitel. Ein jüdische« Turnei.. Auf dem mit Menschen bedeckten WiefeNplan« bei WeißenfelS wogt e« von dunkeln Massen. In weitem Kreise sind Zelte und Bretterbuden aufgeschlagen, von deren Dächern Fahnen mit hebräischen Inschriften wehen. Schon brichi die Rächt herein. Im Innern der lustig gebauten Hüllen brennen Lichter, draußen in der Mitte deS Zirkels aber mächtige Pechsakeln und Feuerbecken. Da« Ganze macht auf da« Ge» müth einen unheimlich zauberhaften Eindruck. Beim Scheine der vom Winde hin und her bewegten Flammen gewahren wir kreissörmig gezogene Schranken. Außerhalb derselben erheben sich ringsum amphitheatratisch aufsteigende Reihen von Sitze». In regelmäßigen Zwischen- . räumen werden sie durch Gänge, die vom Mittelpunkte de« " Kreises strahlenförmig ausgehen, unterbrochen. Man sieht, das Ganze dient zugleich als Kampf- und BerathungS-Platz, al« Arena und Synagoge Schwarzbärtige Gestalten in Stahlhaube und Brustharnisch, mit Hellebarde und Wehrgehenk, bewachten die Zugänge. Die zündende Gluth in den schwarzen Augen dieser Kämpen, ihre energiich ausgeprägten Gesichlszüge, verbanden mit der eigenthümlichen Haltung des Kopfes und der Schultern, da« Alles oerräth sie als würdige Söhne der einst so kriegerischen Kinder Israels, als Nachkommen der Maccabäer Zerbrochen« Lanzen und Schwerter, vereinzelte Panzerringe liegm am Boden, hin und wieder läßt sich auch im tiefaufgewühlten Sande ein zertrümmerter Helui mit halbem Bisir erkennen, ein sicheres Zeichen, daß heule der Hauptkampf um den köstlichen Preis stattgesunden. In der Thal war heule da« Turnei zu Ende. E« war dabei heiß hergegangea. Drei Tage lang erklangen die Schilde vom Anprall der eschenen Speere, nnd die Luft erzitterte vom Schalle der Festfanfaren. Staunen ergriff die zuschauenden Ehristen. Eine solche Geschicklichkeit in Führung der Waffen hatten sie den Kindern Israel« nicht zugetraut. Am meisten zeichneten sich die ftemden und unter diese» die Portugiesischen au«. Mit Stolz sahen die verachteten Sprößlinge der Erzväter auf einen jungen Portugiesen, der di« Farben de« tapferen Johann» de« unehelichen Sohne« Pedros de« Strengen von Portugal, im Wappen trug. Niemand außer dem Schutzjuden kannte ihn. Der Alte sagte für ihn gut, und so war er zum Kampfplatze zugelaffen worden. Da« geheimnißoolle Dunkel, in welche« sich der Fremd« zu hüllen wußte, machte seine an und für sich schon fesselnd« Erscheinung noch interessanter. Abenteuerliche Gerüchte über seine wahre Abkunft gingen um. Die Einen hielten ihn für einen der Söhne de« Schutzjuden, die Andern für eineu fahrenden Ritter, wieder Andere für einen verkappten Portugiesischen Edlen, der vom Hofe der vurgundisch EastUischen Königstochter, der schönen Beatrix, verbannt worden. E« gab auch recht kluge Leute, die in ihm einen Nachkommen jenerwrerdittlich vernichteten Ordensritter witterten, deren unermeßlich« Güter man eingezogen und Anderen überwiesen hatte. (Forts, f.) * Berichtig»»«. In vor. Ar. unter „Berlin" ist nicht «., so,, der« 9t. Oppenheim zu lesen. Woche«- Oktober 1876 ChMcfewma. 6638: JUfeafcr. 2«aut«tt| .. 38 39 Kretin» .... 29 30 Bo«di Chodeaeh 1. 30 1 ri3 . r. «Matt» . .. 31 3 Rntti.... 9to». 1 3 XkMUt . . . 3 4 Mtttuech ... 3 6 •) «abdathauSaona (»ich Berlin)» 0.. 11 XL «erlag btt der „Israelitische, «e^euschrist* t» chn^esur^Brn« v»n g>e«tzL,»t« « «vi, ,.