Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 39.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Wir Jude» hielten na» damals sehr ängstlich geduckt, und selbst die Lösen unter nn« hüteten stch vor jedem Unrrchj. „Ihr habt mir meinen Statt gekreuzigt," hatte ja der Aras ,u Samuel gesagt und zürnend hinzugefügt; »Wehe Luch, men» ich einen Frevel unter Luch entdecke — ich lasse Euer Nest autbrenne», wie e« einst Euer Gott mit Sodom utzd Gomorrha gethan," — da könnt Ihr denken wie e« un» z, Muthe war. So kam der Frühling jene« Jahre« Hera». Da« Osterfest stand vor der Thür, und e« ging da» Gerücht durch'« Land, die Kaiserin in Wien wolle den Polen alle« Gebiet wegnzhmen und ihr« Beamten darüber setzen. Aber vorläufig war nicht« davon zu spüren. In demselben alten Hause, da« noch heute am Marktplahe steht, im „Rathhause/ wohnte damal« der Borsteher Sqmurl und sein Weib Lea Hie waren beide sehr geachtet in der Gemeinde, der Mann wegen seine« Reichthum«, seiner Klugheit und Frömmigkeit, und sein junge«, schöne« Weib, «egen ihrer Milbt uiid WvÜkkhätigieit. Sie waren gerade zur Osterzeit in schwerer Hetrhbniß, ihr einzig Kind, ein Knädlein von anderthalb Jahrrü, war wenige Tage vorher plötzlich gestorbeiz, und die Eltern konnten den Schmerz kaum üfierwinden. So saßen ne auch eine« Sonntag«, de« Abend« spät, in stummer Trauer neben einander. Am nächsteu Abend sollte da« Osterfest beginnen, «» war den ganzen Tag über i« Haus« gereinigt und gescheuert worden, und die Frau fühlte sich sehr müde. Da schreckte sie plötzlich ein Pochen am Ha»«charr empor Samnel ging zum Fenster, öffnete und blickte hi nag«, Ppr dem Thore stand mit eiuem Bündel ggf dep» Rücken ein alte« vaurrweib, welche« kläglich wimmerte und stöhnt« und um Einlaß bat Sie sei zu schwach, um heute'noch in ihr Dorf heimztstehre», klagte sie und bitte daher um «in Nachtlager. »Hier ist kein Wirth«- haus," erwiderte ihr Saniuel kurz uud schlug da« Fenster zu. — »Da« arme Weib," ineinte Lea, »sollen wir sie von unserer Schwelle ,»eisen,?" — »E« ist eine böse Zeit," erwidette Samuel, »nh'mag keine Fremde in meinein Hause." — »Aber sie ist ja krank und schwach," bat Lea und da da« Weib draußen noch iminer flehte und stöhnte, willfahrte er ihr und^lteß «» «in. Da bereit« die Dtenerineu schliefen, geleitet« Lea selbst den späten Gast in «ine Bodenkammer, brachte auch Speise und Trant herbei und entfernte sich mit freundlichen Nachtgrnß«. Am nächsten Morgen verabschiedete sich da« fremde Weib schon sehr früh unter lausend Dauk- und SeaenSworleg. Lea hatte dea Tag über sehr viel für den Feienhtz Hrüstfy,uj^ erst am späten Nachmittage kam sie dazu, in ftiier B^denkaw- «er uachzusehen, de«, vor Beginn de« FHe«. Iji«, Hausfrau in allen Räumen Umschau halten, cch. sich »Acht »r-, gendwo noch gesäuerte« Brod vorfinde. In der Kammer war Alle« in Ordnung, nur die Luft war von einem sehr w/düsne» Geruch« erfüllt. Er verlor sich rächt, auch al« Lea da« Fenstrr öffnete. Sie konnte e« nicht entdecken» woher der abscheuliche Geruch tu«, sie forschte in allen Ecken und sah endlich unter, der Bettstatt nach. Da gerann ihr da» Blut« ihr He-ar sträubte sich, vor Emsetzen. Unter der Bettstatt lag der nackte, furchtbar abgezehrte Leichnam eine» Kindes, «ft breite« Wunden an Hal» und Brust. Mit Blitzschuelle durchschaute da« Weib den Frevel und kämpfte mit allen Seelenkräften gegen die Odumacht. Die alte Fremde hatte den Leichnam in« Hau« geschleppt, daihil man da« alte furchtbare Märchen, dir Juden schlachteten Ebrifienkindtzr zu d«n. Osterfeste, wieder einmal glaubwürdig ma^n, «nß"g«u^ so» rächen könne. Mit vlitzjchneki« erkannte sie auch die furchtbaren Folge», sie gedachte der Wmte, die der Gras zu ihm« Mann« gefprocheir. Da« arwi? Weib brach fast zusammen gznt« der Wucht dieser entsetzlichen Gedanken. Ach! sie, sie fttber, sie allein hatte de« JaWM, die Berfolguug und den Tod ftte ihr Haus, über, die ganze Gemeind« herausbesch»o»»n, de«, fip' Witz war st, dieUHäM^Mst jenes Weib' eingelaffen worden. Und während ste duvchschauert von Fieberkrämpfen, in Todesängsten dafaß, narM dex Straß« wilde« Rufen und Streikst'm»d Jammerst" zu tü fistpÄ. Dazwischen kliang da« Klirren' von Waffen " ' »Sie komme« schon," flüstert sie, ugd in dirszm Augenblicke durchzuckte^ sie ein Gedanke, so seltsam und guößlich, wie er noch nie in eine« Weibe» Hirn entstanden, und doch wieder edel und opfermüthig, wie ihn nur ei« Weih zu faff«, vermag. »Ich habe die Schuld," rief t« h, ihr, »ich muß sie büße«." Sie richtet sich hoch auf und preßte die Lippen aufetnaadrr und überwand ihr Grauen. Dann griff sie »ach de« Leichname de« Kinde«, hüllte ihn in ein Annen, und mchmihuguf den Schooß. Sie horchte... furchtbar langsam '«rrannen die Minuten. Dan» hörte sie. wie draußen der jung» Gras mit ihrem Gatten und dem zweiten Vorsteher heftig sprach, sie hörte, wie der Graf sagte: »Da« Weib hat da« Todeärvchein ganz deutlich gehört. Keinen Stein laff« ich auf dem andern, wenn ich dru Leichnam finde." Sie hört«, wie die Männer alle Gemächer durchsuchten. Al« st« sich der Kammer näherte», erhob sie sich und trat an» offene Fenster. Da« Dach fiel jäh und steil ab, drunten in der Tief« dehnt« sich der, Steinhof de« Hause«. '' Die Thüre ward ausgeriffen, der Srak trat mit den beiden Borstehern rin. hinter ihm seine Trabanten. Mit gellendenl Lache» stürzte ihnen Lea entgegen, wie« ihnen den Leichnam und schleudert« thst dann gewaltigen Wurfs dprch da« Fenster, daß er drunten auf den Steinen de« Höfe« zerschellte... »Ich bin eine Mörderin," rief str dem Grafen entgegen »ja, ich bin'«, ja! ja! Nehmt mich, bindet mich, tödtet mich! Ich Hab' heute Nacht mein eigen Kind grtvdtet, ich leugnet« nicht. Ihr kommt, mich zu holen. Hier bin ich;" Die Männer standen starr. Daun wildes Rufen, Schreien und Fragen. Samuel. der stark«, kluge Mann verlor die Besinnung. Die anderen Juden durchschauten schnell den Sachverhalt und unterstützten Lea in ihrer Rothlüg«; so allein ersahen sie stch Rettung au« sicheren» Untergang«. Lea blieb fest bei ihrer Au«sage. Der 'Graf'sah st« durchdringend an. sie hielt seinen vlicf ruhig gut. »Höre, Weib," sagte er, »ist es war, wa»'Du sahst, so tollst Du den furchtbarsten Marlertod rrleiheu, den je «in Mensch gestorben. Habe, aber Andere da« Kiitd g«/Mchtff um sein Blut bet«. Feste zu trinken, so sollst Du und Dein Mann straflo» au«, gehen, nur dib Andern sollen'« büßen. Da» schwöre ich mit heiligem Eide! Und nun entscheid« Dich!" — Lea sch wankt« keinen Augenblick. »E« war mein Kind I" erwiderte, sie. da« Weib alle« in den Kerber führen, er sah wqhl ein. wie unwahrscheinlich di« Angabe sei. Aber V) Seele»größe bei dem Volke. »Wenn «s. wär«H> -dachte er, »wie käme da« Weid dazu, sich ' zu opfern?» Di« Untersuchung brachte nicht die Wahrheft an den Tag. Alle jüdischen Zeugen belasteten Lea. Die einzige christlich« Zeugii, war jene« alte W ib — di« Hauthälterin de» »Schwarzen H«-rn," Sch Hab« in jeuer Nacht da« Kind röche!» gehört. — Da« allein brachte sie vor und da« paßt« zu Lea'« Erzählung. Der »schwarz« Herr" selbst schien Ach UM di« Untersuchung gar nicht zu kümmern. Er dachte wohl, da« «ine Opfer sei vorläufig genügend, oder er fürchtete di« zufällige Entdeckung seine« Frevel«. Des Grafen Richter sprachen da« Urtheil stber Lea. Sie Wt« auf den Marktplatz« gerädert. daKi „nfifteryt" »der Lea starb nicht auf der Richtstätte, sie starb, eine hochbetagte Greisin, umgeben von Kinder» uud Enkel,, vierzig Jahre später friedlich in ihre«' Hause. Da» kaiserlich« Militärwar ftn Sommer eingerückl, ein Soldatenrichter übernahm da« Gericht. Lea gestand ihm di« Wahrheft, und er entließ sie. '; Jk-. . t ■ ... „ i c-- i.. .