Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 17-18.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
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Bürgerschaft mußten wohl oder Übel ihnen zeitweilige» Mrfent- , halt in der Stadt, außerhalb »er Thorr der Gaffe, gewähren. Rach und rach wurde diese mietet aufgebaut, die Anden aber, welche in ixt Stadt Wohnung und GeschästSloktt« bezogen hatte», machten noch keine Anstalt, diese wieder zu räumen. ES gefiel ilmen offenbar draußen nicht Übel; sie machten Ausflüchte, zögerten, querulirten. Brutale Gewalt war nicht mehr zeitgemäß, rer Rath wandte fich an den Reichshofrath in Wien, die Juden chaten dasselbe. Indessen lag di« Sache für dies« zu ungünstig, fic mußten unterliegen, die Fristen liefen ab, eS kam gemeffener Befehl vom Kaiser, daß sie in ihre Gaff« zurückzukrhren hätten. Großer Jubel auf der «inen, Trübsal aus de,- andern Sette. Eben war der kaiserliche Edikt ergangen und publicirt worden, alS ein Jude über den SamStagberg (Römerberg) schritt, „$« Mauschel, rief ihm ein Bürger zu, etzt müßt ihr wieder in eure Gaffe!" — Der Jude zuckte die Achseln : „So geschwind geht da« noch nicht." — „WaS? weißt du richt, daß jetzt die Sache entschieden ist?" —Abermalige» Achselzücken: ^Zst immer noch nicht abgemacht."— „Berfl.— Mauschel; ihr wollt euch dem Kaiser widersetzen, wir werden euch-.* „Thut sacht, es ist noch nicht auSgc« macht, wir bleiben doch noch hier." - - Jetzt aber sag ich gar nichts mehr, was soll denn daS heißen?" — „Eben sind unsre Baumeister (Borstehn) zuammen und berathen, cb wer un» »icht alle taufen laffeu, und dann können wir bleiben". — Mtt offenem Munde, sprachlos, stand der ehrsame Borjer da, „wa? wa?" stotterte er, und dann platzte er heraus: „wa«? de» leide mer awwer ach net!" Dies« Anekdote, die in Frankfurt als wahr überliefert wird, fiel unS beim Riederfchreibe« des Schluffe» des Leitartikels, „Phiraoredivivua" ein. Die Adeenverbindung ergiebt sich wohl lhne Eommentar. Ctttiberang Der Mainzer „Israelit" fängt nachgrade an, fich al« Obertribunal für alle jüv. Angelegenhetten anSzageben. Ein gewiffer H.»rr Hoffman? von hier schickte einen Artikel betreff» einer Handluugsweijc der Kempeuer Mohelim an H. Lehmann, welcher sein Kind nicht beschneiven wollte, wett ich alS Rabbiner der hies. Gemeinde da» haben sollte. (ES sei mir bei dieser Gelegenheit die Bemerkung gestattet, das ich nicht, wie in: „JSr " angegeben, ilos von einer Partei, sondern vom Borstande und dem Repräsentanlen- Eollegium zum Rabb. gewählt worden bin und alS solcher von der ilönigl. Regierung die Bestätigung erhalten habe) ES wird nun zwar von Herrn Dr. Lehmann de» Mohelim Unrecht gegebrn, aber ihr Benehmen, da» sich ja von selbst verurthettt, damii entschuldiat.daß sie «S llv ^(oder vielleicht NP^Nv r!)»rthan haben. Ich frage ihn aber: *]01P 'S BB1271 "Nv. WaS hat H. Lehmann iu meiner Gemeinde für Entscheiduugeu zu treffen? ist er denn darum angegangen toorden? Will sich H. Lehmann BundeSgenoffen an den Kempeuer Orthodoxen erwerben? Run di« gönn' ich ihm von Herzer al» einstiger Breslauer Seminarist, wie er mich selbst nennt und worauf ich einen gewiffen Stolz setz«. Ich gehöre nämlich zu denjenigen Schülern Frankels die nicht blo» bei ihm gewesen, sondern bei ihm ge lerut haben. Aber im Vertrauen möchte ich H. Lehmann sagen: der hier lebend« R. Eimcha Rehfisch wurde fich schönsten» für sein Protectoral bedanken, denn der Mann verabscheut einen Jeden, der Dr. ist und in deutscher Bildung macht. Also auch da» dürfte wohl mtt dem Artikel au» K. in Rr. IS de» „JSr." nicht erreicht sein. Schlü ßlich noch ei« Paar Worte an H. Lehmann! Weuv er künftig wieder von seinem orthodoxen Etandpnnkle aut etwa» gegen mich vorbringt, so diene ihm zur Nachricht, daß ich »ährend uieiner ganzen Eludienzett in BrtSla» tut Hause nuittcS hochgeschätzten Later», der zu de« strengste« Orthodoxe» und der zu den wenige» in BreSlau noch vocha tdrne» grhll rt, gelebt habe, der mir wirklich orthodoxe st-chrung — nicht die fchettihettige, sich bld» so nennende, parieisüchtige — mit auf den Lebensweg gego» den hat. Lein Rame ist in Posen und Schlesien zu seh» bekannt, al« daß ich ihn «och zu neunen brauche. Bon meinen sonstigen Beziehungen zur Orthodoxie, «amente lich zu einer ganze» Reche polnischer Rabbiner schweig« ich, da ich mir vorgenommen, nicht von meinem OUT zu leben» sondern von dem, wa< ich bet meinem Bater und im Breslauer Seminar gelernt habe. Ich bin also gegen all« An» griffe gewappnet Dr. R. Rawtrz. Gemeinde-Rabbiner von Kempen. Geistige Volksküche. Hunger, grausamster DeSpot! Weltbezwinger ohn' Erbarmen! Endlos ist dein Reich — bi« Roth, Endlos wie di« Quai der Armen. Gräßlich! wie so fahl und kalt, Wankend mit gebroch'nen Schritte«, Raht die schlotternd« Gestatt, Einen Visse« zu erbitten. Einen Biffen fleht fi« mild. Fleht da« Angesicht, da» bleiche; Bride Gotte» Ebenbild, So der Arme wie der Reiche. Beide gleich vom Licht umweht, Bou de» Lebens Ideale, Bon de» Geistes Majestät, Bon de» Herzen« weichen: Strahle. Beide gleich der Schöpfung Zier, Und zur Herrschermacht geboren; Halb ein Gott und halb ei« Thier, Aber Alle auserkoren. Wohl fehlt reiner Menschlichkeit Ri« der Mild« Offenbarung, Und wen» Rold und Hilf« schrett. Reicht ihr Hochsinu Trank und Rahruug. Aber für den Magen nur. Für der Stunde flüchl'ge Welle; Man verstopft »«» Riunhal» Spur, Nicht de» Unheil» ew'ge Quelle. Sorgt nicht für de» Leib allein, Eint für Leib und Geist die Gabe; An de» Elend» FelSgeftein Schlagt mit einem Mofisstabe. Schlagt! und eine Fluth so hell Wird sich wunderbar ergießen, Ein befruchtend geist'ger Quell Reiche Keime zu «rschlteßrn. Schulen bauet! nährt und tthrt In de» Leben» Niederungen, Dann erst wird der Rost zerstört. Der der Menschheit Mart durchdrungen. Schule« bauet! wenn e» tagt. Kann da» Schwerste auch gelingen. Was dem finster« Sinn versagt, Kann der Helle leicht erringen. Hellt de» Geist und lehrt die Hand, Daß die Arbett sie ernähr«, Atter Irrwahn sei oerbonnt. Stählt die Kraft und «eckt di« Ehre. Rust di« Menschenwürde wach, Sprengt de» Bettel» ekle Baude, Uebet Mild« ohne Schmach Und Erbarmen ohne Schande. Dann verschwindea mit dem Rost Langen Jammer» bittren Flüche; Da» ist echte Lebewökoft Für de» Volke» geist'ge Küche. Lemberg. Dr. Mvritz XaPpekpsrt.