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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1875-01-01 · 6. Jahrgang Nᵒ 15. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
6 (1875)
Issue
6. Jahrgang Nᵒ 15.
Date
1875-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Der Aauberer. Line Skizze au» dem jüdischen Volksleben, von Earl Emil Franz«».*) 2» war an einem schönen, milden Sabbath-Nachmittag Oktober, da erzählte die alte Thana Grün die Wittwe de« Gemeindevorsteher» von varnow, den Leuten, welche umher auf den Stufen der Synagoge saßen nnd behaglich spät« So»' nenwärme genossen, nachfolgende Geschichte: ... 9* sind nur noch Wenige, welche sich seiner erinnern, und die Wenigen scheue« sich ängstlich, seinen Namen äuszusprechen und — daß ich'» ehrlich herauösage, ich thu'» eigentlich auch nicht gern. Denn ob nun die Geschichten von seüleni Bunde mit den bösen Geistern und von seinem fürchterlichen Ende wahr sind oder nicht. — so viel ist gewiß: er war kein heimlicher Mensch und sein Herz dunkel und sein Sinn wüst und sonderbar. Eine» solchen Menschen oft zu gedenken, thut auf keinen Fall gut; da« eigene Herz wird nicht besser dabei, und man kommt so in Gedanken herein und stellt sich Fragen, u.ib e« gibt keine Antwort darauf Aber heule, an dem stillen sonnigtn Nachmittage, heute am Sabbath, wo dt« gut« Macht stärker ist auf Erden, al» an den andern Tagen der Woche, heute kann man auch vom schwarzen Nathan erzählen und hören, ohne an der Seel« Schaden zu nehmen. And dann grad' heut bin ich so an ihn erinnert worden. Da Hab', ich nämlich heut meine Jugendfreundin, die Rosel Stern, au» der Schul' ein Stück Wege« begleitet. — Ihr «isst, sie wohnt draußen im Maulhhause — und da sind wir auch durch da« klein« Gäßlein gekommen, wo einst sein Hau« gestanden hat. Der Bauplatz steht noch immer leer und öd« — vierzig Jahre sind e« her, aber noch hat Niemand gewagt, sein Hau« hier aufzubauen — und die Trümmer liegen noch immer so schwarz und unheimlich umher, wie am Morgen nach jener Nacht, wo die« Hau» theil« in die Luft flog, theil« aber zusammenbrannte und mit chm alle Bücher und Instrumente de« „schwarzen Nathan" nnd wähl anch der — schwarze Nachan selbst. ES ist eine dunkle Geschichte, und sie wird nie aufgeklärt werden. Bor siebzig Jahren — ich selbst war damal« noch nicht auf der Welt, und nur unser uralter Rabbi weiß sich de« Tage« genau zn erinnern — da fand an einem kalten, nebeligen Wintermorgen der „Schulklopfer", al« er an da» Thor de« Gemeindevorsteher« klopfte, um ihn zum Gange in da« Bethau« zu wecken, auf der Bank vor dem Hause einen Korb stehen, au« dem leise« Wimmern klang. Al« er entsetzt den Deckel hob, fand er drinnen ein kleine«, halberfrorene« Kind, sorglich in weiße Linnen gehüllt. Der Schulklopfer polterte den Borfteher heran« — man brachte da« Kind in'« Hau« und sah, daß e« ein jüdisch Knäblein war, vielleicht einen Monat alt. Im Linncnzeug, welche« reich und prächtig w.r, fand sich ein Säckchen mit Goldmünzen — fünftausend polnische Gulden — und daneben lag ein Zettelchen, aus dem in unsrer Schrift geschrieben stand: „Dieser Knabe heißt Nathan, und Ihr seid im Namen Gotte«, de« Einzigen, de« Herrn der Heerschaaren, gebeten, ihn zu pflegen und zu einem rechtschaffenen Menschen zu erziehen. Da« Geld soll die Kosten der Erziehung decken, vielleicht verbleibt noch ein Rest, von dem er sich dann im Leben fortbringen kann. Auch bitten wir Euch, den Knaben, sobald er stehen und sprechen kann, dazu anzuhallen, daß er alljährlich am dritten Tage de« Adar da» Gebet für da« Seelenheil seiner verstorbenen Mutter verrichte, denn diese« ist ihr TodeStag. Forschet nicht nach seiner Herkunft — e« wäre vergeblich." *)«*>« „vchles. Press«.» Ihr könnt euch denken, welche« Staunen, welch« ungeheure Verwirrung der Fund im Städtchen erweckte. E» ist unerhört, daß man ein jüdisch Kind aussetzt vor fremder Leut« Thür. Bei uns kommt dergleichen sonst nie vor, weil e» nach unserem Gesetze da« größte verbrechen m, ärger al« Mord. Wa« waren nnn hier die Gründe? Woher war der Knabe gebracht worden? Und dann — e» war gerade am Morgen de» vierten Adar — die Mutter mußte also gerade den Tag vorher gestorben sein. Lag hier ein verbrechen vor? Ich will nur gleich hier sagen: man hat nie Sewiffe» darüber erfahren, soviel unsere Glaubensgenoffen in Polen und Rußland — denn der Fall erregte, ungeheure» Aufsehen — forschten und suchten. Nur etwa zehn Jahre später er» zählte ein alter Mann, der al« Schnorrer durch da» Land zog, al« man ihm den kleinen Knaben wie», ein« Begebenheit, die vielleicht mit diesem Ereigntffe zusammenhängt. Bei Posen lebt« nämlich einmal ein Jude auf einem Dorfe, der eine wunderschöne Tochter hatte. Der Gutsherr verliebte sich in sie, ließ sie laufen und nahm sie zu seinem Weibe. Der alt« Mann verlor vor Schmerz fast den verstand darüber, zog nach Posen und lag dort Tag und Nacht vor der Schul« und flehte alle Beter an, den Frevel zu rächen, der an ihm und an Gott geschehen. Aber eine« Tage« verschwand er spurlos, und zwei Tage darauf hörte man von einer großen Gewaltthat. vernlummte hatten da« Hau« de« Gutsherrn in dessen Abwesenheit überfallen und sein Weib und den Knaben. den sie jüngst geboren, entführt. Himmel und Erd« bot man auf, um ihre Spur zu finden; die Juden in Posen hatten ein Jahr lang die härtesten Qualen zu erdulden, aber entweder sie wußten nicht« oder sie wollten nicht» sagen — Weib und Kind blieben spurlo» verschollen. So hat der alte Schnorrer erzählt. Aber wer weiß, ob die Geschichte wahr war, oder ob er nur gehört halle, daß einst in unserer Gcnieinde eine ähnliche Geschichte geschehen mit der „schönen Jütta", und darum meinte, wir würden ihm auch diese Geschichte glauben — und sie erzählte, um länger in der Gemeinde bleiben zu können oder um besser ausgenommen zu werden. Denn nun lud ihr. wirklich Jeder zu Gaste, da Jeder die merkwürdige Geschichte von der Herkunft de« kleinen Nathan ausführlich hören wollte. Damals war der Knabe zehn Jahr alt und wuch« kräftig heran. Die Gemeind« hatte ihn« nämlich gegen gering« Vergütung Pflege-Eltern bestellt, wacker« Leute, die er natürlich für seine leiblichen Eltern hielt. Erst al« er dreizehn Jahre alt geworden, entdeckte ihm der Vorsteher da« Geheimniß und legte ihm die Rechnung über sein Vermögen. ®» war noch fast ganz unberührt. Ob diese Enthüllung auf ihn einen großen Eindruck machte, konnte man nicht erkennen. Sein Wesen wandelte sich gar nicht, und eben so wenig sein Benehmen gegen seine Pflegeeltern. Er blieb, wa« er bisher gewesen; au« dem finsteren, verschlossenen Knahen ward ein finsterer, verschlossener Jüngling. Und wie bisher, so saß er auch fortab Tag und Nacht über den Büchern. Bald kannte er sich in Thora und Talmud au«, wie kaum ein Anderer seine» Alter«, und obwohl Niemand dem oüstern Jungen gut war, da« heißt von Herzen gut, so achteten ihn doch Alle fast wie einen Erwachsenen und hielten große Stücke aus ihn. Da machte der Rabbi, ein freundlicher,' milder Mann, der sich der Verwaisten besonder« warm angenommen hatte, eines Tage« eine Endeckung, die ihn nicht sonderlich erfreute. Wohl studirte Nathan so eifrig, wie bisher, aber nicht Talmud und Thora, sondern die Kabbala. Da« ist eine dunkle, mächtige Wissenschaft; der Himmel und die Hölle liegt darin, und wer sie beherrscht, der weiß alle Geheimnisse der Vergangenheit und der Zukunft. Aber, wiederhole ich, auch die Hölle liegt darin, und besser und fröhlicher und menschenfreundlicher ist noch Niemand geworden, dem sich die Geheimnisse de« Buche« „Eohar" erschlossen. (Schluß folgt.)

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