Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 51.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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f, Herr Doctor! Ihr mü-t"i»ir verptthrtL' daßeich erst jetzt schreib«, daß ich mich getäuscht habe. Ich habe Euch nicht fr’ lieb, ti war nur Freundschaft. Ich habe r» bald bemerkt, iV aber ich habe nicht den Muth gehabt, e» Euch früher zu schrei- '' den. Darum schreibe ich erst jetzt, daß ich nächste Woche den!$ Chaim heimthe. Ihr könntet vielleichtglauben-, < daß ich das gqwungen thue, aber es wäre nicht richtig, ich thue es freiwillig. Verzeihet mir also, Herr Doctor — ei war ein Irrthum. Säruh- „G« mar ein Jrrthum!" schrie Adolf verzweiflungsvoll auf »md sank dann bewußtlos zusammen. Mehr als vier Jahre waren seit jenem düsteren Winter- * morgen vergangen. Wieder grünte und blühte der Frühling, iy Da trat der Diener in die Stube und aberbrachte mir «ine Karte: Dr. Adolf Latblinger, der Herr warte draußen« - fr Ich stürzte selbst zur Thüre und riß ste ans. Ich hatte meinen Freund seit zwei Fahren nicht mehr gesehen, seitjenem Tage, wo er zu mir kam und mir kurz und kühl sagte: „Ich bin al» Arzt in holländische Dienste getreten und geh« nach Batavia — leb' wohl!" Aber er hatte sich in der Zwischenzeit wenig verändert: d.iSselbe blasse Antlitz mit dem unveränderlichen AuSvruck finsterer, trotziger Ruhe. Rur trauner war er geworden von der tropischen Lonnes „chlso wieder in Europa!" ries ich freudig. „Da» ist recht von Dirk Du wetßt ja, wie heftig ich inich gemüht Hab«, Dir Dein Projekt auSzureden. In diese» mörderische Klima zu gehen-— dar war ja eine-Arl anständigen Selbstmordes." j,Ja", erwiderte er ruhig, „das war's." „Aber nun bleibst Du hier?" „Ja! — Ich habe auch jetzt keine Freude am Leben, aber es macht mir auch keinen Schmerz mehr. Der Tod wird mir wohl immer als etwas sehr Glrichgiltiges erscheinen. Aber d»-tchnun einmal lebe, so habe ich wohl auih di« Pflicht, mich so Nützliche als möglich, zu machen. Ich weroe mich hier oder auderwäet» alS-Doeent habtlitiren —". „Das freut mich^, sagte ich, „ich habe übrigens nie die Hoffnung verloren, daß Dich die Zeit > dich endlich heilen wird —". r „ES war, wenn Du das, was mit mir vorgegangen, eine Heilung nennen willst, nicht die Zeit, die c» bewirkt hat, sondern — ein Brief!" „Ein Brief?" „Ja — aus Barnow — von ihr. Nachdem ich ihn erhaUen, reiste ich sogleich nach Europa — direkt nach Bar- «ow. So wahnsinnig rasch hat bisher noch kein Mensch die ungeheure Reise zurückgelegt. Aber ich bin dennoch zu spät gekommen —". „Sie ist todt?" fragte ich leise, und mein Herz zuckte schmerzlich zusammen. „Ja — vier Wochen find'S her, daß st; starb." „Und ste rief Dich durch jenen Brief an ihr. Sterbelager?" Er reichte mir statt einer Antwort da» Schreibm hiu. In zitternden, kaum lesbaren Zügen stand darin geschrieben: * „ES wird bald Frühling, aber ich fühle, daß ich ihn «tchl mehr erleben werde, so will ich Euch denn schreiben, so lange ich e» noch vermag. Ich thue es wohl auch um meinetwNe«, aber doch mehr um Euretwillen. Um meinetwillen nur, damit Ihr mich nicht auch noch bi» über den Tod hinan» verachte», aber um Euretwillen, um Euch wenigstens jetzt de» Schmerz zu nehmen, daß Ihr ein Mädchen geliebt habt, welche» schlecht war und Eurer Liebe nicht werth. Ich habe gelogen, wo» ich Euch zuletzt vor vier Jahren - schrieb. Ich hatte Euch damals lieb und liebe Euch jetzt und ich werde Euch lieb haben, bi» ich sterbe. Und wenn un» GM.nach dem Tod« diese Gnade gestattet, so werde ich Euch auch dann noch lieben. Aber eben wegen meiner Lieb« mußte Ich! Euchtibutd» so schreiben, eben wegen meiner Liebe Hab« ' tch wich so «us immer mm-Euch geschüdm. - Schüttelt nicht da» Haupt und wunrert Euch nicht über die seltsamen Worte. E« wäre mir kein reine» Glück geworden, welch«« ich erkauft hätte mit dem Fluch« de» Pater» Und mst dev Verzweiflung der Mutter. Aber das hätte ich überwunden. Eine» jedoch hätlh -sich, niemal» autzHchschtzut — Itzt habt darüber gelächelt, und e» war doch richtig: Eure Struung und wie sie mich erzogen «habe». Sie haben mich zu lange hier gehalten, so in der Traurigkeit und in der Unwissenheit: ich hätte dir Welt und da» Licht nicht ertragen können. Ich hätte Euch nicht so rech« verstehen können, nicht Euer Weh, nicht Eure Lust, und da» wäre mir und vielleicht noch mehr Euch ein großer, furchtbarer Schmerz gewesen. Ich wäre so unter Euren Freunden und ihren Frauen innner fremd und ungeschickt geblieben, st« hätten gelacht über mein Thun und über mein Sprechen, und das hätte mir f.rchtbar weh gelha» und Euch nicht minder. Ihr hättet mich vielleicht dann von. dir Welt abgeschlöffiü gehalten, aber dann hätte ich^ nichk-fklsgen ttnstsn« ^Dein Manu inuß sich Deiner schämen" und auch Euch wäre es sehr schmerzlich gewesen. Und eine» Tage» wäre e» so gekommen, wie ich Euch damals gesagt: Ihr hättet die Stunden verwünscht, wo ich Eure Gattin geworden. Ihr hättet mich nicht verstoßen — das weiß ich Aber unglücklich wären wst gewordeu und Ihr vielleicht noch unglücklicher, als ich. Da» babe ich Alle» genau gekehen und erkannt Und well ich Euch so sehr liebe, ivollte ich nicht, daß Ihr durch niich unglücklich werdet. Darum habe ich beschlossen, e» allri». zu wer»«» uud-!?7be meinen Eltern gesagt, daß ich Shat» heiratbew-«olle r nd habe Euch jenen Brief geschrieben. Aber wenn ich auch Such gegenüber log, meinem-vrän» ligam habe ich di« Wahrheit getagt. Ich habe ihm gesagt, >vie r» um mich^ stand, und daß ich ihm nur eine treue Dienerin se-.n kann. Sr hat darauf erwidert: mit der Zeit Wirtes schon ander« werden. Ich wußte, daß eS nicht animrO werden wird, aber ich habe mein Leid auf mich gekommen Da« war gut. Ich klage auch jetzt nicht darüber. Ader jagenmuß ich, daß ich zu schwach war für dieses- Leid. Ich bin bleich und krank geworden, mein Herz klopft: so stark, daß ich oft davon ohnmächtig werde — ich ’ wert» immer schwächer und ich fühl«, daß ich bald sterben werde. Abev ich habe kein Bangen vor dem Tod« und danke Gatt, daß er mich nur so kurz hat leiden lasten und nicht ein ganze« lange» Leben hindurch. Wa» hätte ich auch noch- »alle» auf dieser Erde? ES war mir immer ei« Glück, und ich habe darauf gehofft seit jener Stund«, wo ich meinen Entschluß gefaßt habe. Euch Aller die« einmal, bevor ich sterbe, zu schreiben. Ich habe nicht geahnt, daß ich schon so bald dies Glück habe» werde, daß ich schon so bald gereinigt dastehen werde, voz Euren Augen. Ru» Fi es mir bejchieden — unser Gott ist doch ein barmherziger Gott. UnD so dank« ich Euch »och einmal für alle Eure Lieb«. Ihr seid mir det Trost nnv vaS Licht gewesen in meinem armen dunklen Leben. Ihr habt mich nur selig geüiacht und seid unschuldig gewesen an meinem Leibe. Berzeihl darum da« Weh, da» ich Euch bereuet habe. Es -st meine letzte Bitte, und ich werde ja balv sterben. Da» Gebetbuch Eurer Mutter, welche» Ihr mir einma. geschenkt habt, werde ich mit in» Grab nehme». Lebt wohl und lebt so lang' und so glücklich, al« ich Euch wünsch«. Ich aber werde todt sein, wenn Ihr dieses leset. Sarah " Stumm gab ich den Brief meinem Freund« znrück. Er erhob sich.und sagte ruhig, wie früher: „Nun weißt Du, warum ich wieder in Europa bleibe. Ans Wiedersehen " Aber wie wir so schweigend einander gegenüderstnnben und die Hände drückten, verließ den stolzen düstere» Menschen plötzlich sein« Kraft Ec sank mir iu die Arine und schluchzte leise/ herzzerbrechenv: „Warum mußt« r» so kommen - warum?"-