Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 50.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 50.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 416 nicht berichten — es war uns eben das unscheinbarste Ding nichtig genug, um lange dabei zu verweilen. War uns so täglich trieb, einander auszusuchen, war uns wohl Beiden nicht klar. Uno dieses sachte Hinleben in der Dämmerung schöner Gefühle — das will mir nun fast als das Lichteste erscheinen au jenen lichten Tagen. . . ." „Tu hast Recht," sagte ich. „Das ist das Seligste an der seligen Zeit der ersten Liebe, daß diese Liebe sogar nicht klügelt, daß ihr das Wunderbarste einfach erscheint und das Einfachste als ein Wunder. Erst ein äußerer Einfluß zeigt den Liebenden in der Regel, wie tief ihr Gefühl geworden ist. Adolf lachte. „Tu sprichst, wie ein Damen-Alnianach. Aber — so ift's. Auch bei uns sollte der „äußere Einfluß" nicht ausbleiben." Dann fuhr er fort: „Eines Morgens war ich allein oben in der Ruine. Ungeduldig schritt ich mehrere Stunden unter dem verfallenen Mauerwerk auf und ab; von Minute zu Minute blickte ich auf den Pfad zum Städtchen. Es war vergeblich — Sarah kam nicht. Und an meiner Ungeduld fühlte ich erst, wie lieb mir das Mädchen geworden. Sie kam auch am zweiten, dritten Tage nicht. Und so eine Woche lang. Ich war iu Verzweiflung. Da fand ich sie eines AiorgenS wieder am gewohnten Play«. Ich eilte freudig auf sie zu und faßte ihre Hand. „Gottlob! Ta bist Tu wieder!" rief ich fröhüch „Mädchen, Mädchen! Wie viel Trauer und Angst Haft Du mir bereitet!" Sie lächelte trüb, ihr Antlitz war bleich, Die Augen geröthet „Ich kmmte nicht kommen," sagte sie leise, „ich war krank!" Girant?!" rief ich besorgt. „Und ich konnte nicht bei Tir sein? So hatte ich doch recht, als ich mich um Deinetwillen so ängstigte!" „ES war nicht bedeutend," erwiderte sie. „Und Ihr wäret oft hier?" „Tätlich — und harrt« und harrte!" „Ich danke Euch," sagte sie leise und reichte mir nochmal» ihre Hand. Und wie wir so stumm dasteben und einander ins Auge blickten und keine Worte fanden, da durchzuckte une zuerst das klare Bewußtsein unserer Liebe. Wir haben wohl Beide in jenem Augenblicke ge ittert. „Ich muß gehen" sagte sie endlich und löste ihr« Hand aus der neinen. „Die Mutter wird Angst um nach haben. Lebt woh!!" „Bis morgen," sagte ich. „Du kommst?" „Ich komnie," versprach Ke leise. . . . Ich hatte am nächsten Tage nicht lange oben zu warten. Sie kam pünktlich. Sie war auch heute noch sehr bleich, ihr Schritt schwankend. „Dr. bist kränker, als Tu mich glauben machen willst," empfing ich sie besorgt. „Rein!" erwiderte sie, „ich bin nicht mehr krank und" — sie stockte und fuhr dann mit fester Stimme fort — „ich war er auch nicht. Ich habe Euch gestern belogen!" Ich sah sie erstaunt an. „Ja!" wiederholte sie, „ich log, well ich nicht den Muth hatte. Euch die Wahrheit zu sagen. Ich bin blaß und meine Augen find geröthet, well ich sehr viel geweim und getrauert habe in Ken letzten Tagen. Ich Hab« Euch heute viel zu sagen, ich bitte, — hört mich ruhig an." Wir setzten uns auf den großen Stein, der zu Füßen de» rothen Kreuzes liegt. „Wer meinen Eltern davon erzählt hat," begann sie klar und fest, „daß ich täglich hier mit Euch spräche, weiß ich nicht — es ist auch gleichgiltig. Ich hätte eS ilmcn selbst bei irgend einer Gelegenheit gesagt, d«m ich sah nicht» Arge» darin. Der Vater aber empfing mich, al» ich jüngst nach Hanse bim, mit heftigen Borwürfen und mll 'Worten — — mit Worten — ich will sie nicht wiederholen. Er beschwor mich, von Such, dem Ungläubigen, dem Verführer, zu lassen. Ich erschraf sehr, al« er so sprach, doch nicht vor seinem Zorn. Ich erschrak über die Erkenntniß, die mir da aufging. Ich hatte nicht daran gedacht, warum ich immer hierher kommen nmßte, nicht daran, warum mich Euer Wort und Euer Blick so glücklich machten. Run — nun wußte ich es. Und als mein Vater mich beschwor, nicht Schande auf sein Haupt zu häufen, als er mir einen heiligen Eid absorderte, Euch nie wieder zu sprechen und zu sehen, da konnte ich nicht schwören. Und wenn mir Gott und alle Engel de« Himmels es befohlen hätten, ich hätte es nicht gethan, es wäre mir al» eine gar zu gräßliche Lüge erschienen gegen das, wa» in mir war. ,'ch ertrug den Zorn des Vaters und die Thränen der MMter, denn ich wußte, daß ich ... daß ich Euch lieb habe. . . ." Mir tönte eS durch das Herz, wie uneMicher Jubel. „Mädchen," rief ich, „Du liebst mich, dann ist Alles, Alles gut!" Aber sie sah mich ernst und traurig an. „Rein!" sprach sie, „dann ist Alle» verloren! . . . Ihr fühlt nur das Glück — ich fühle eS mit Euch, aber ich blicke auch in die Zukunft. Und da ist kein Trost für mich und kein Licht! Eure Gattin werden kann ich nicht, dazwischen steht mein Leben, wie es bisher war, meine Herkunft und wie sie mich erzogen haben. O Gott! ich bin ja nichts, ich weiß ja nichts, ich kann ja nichts. Weh' mir. ich kann ja nicht einmal „Deutsch" sprechen! Wa» wollt Ihr, der einst ein Doctor sein wird, mit einer Frau, die gar nichts von der Welt versteht, in der Ihr leben werdet. O — ich fürchte mich so sehr vor dieser Welt. Und hätie ich daim oft gegen den Brauch gefehlt und Euch vor Anderen beschämt, da müßtet Ihr ja sagen: diese Liebe war mein Unglück . . ." „Sarah", ries ich, „sprich nicht so. Du quälst Dich und mich mit leerer Furcht!" „Und doch ist eS so," erwiderte sie mit zuckenden Lippen. „Und dann — soll ich mein Glück mit dem Schmerz und, wie unsere Leut« denken, mit der Schande meiner Eltern erkaufen, die sie tödten würde?! O, mir war e» in meinem Leide oft, als müßte ich Euch anflehen, abzureisen — schnell gleich. Vergessen — da« wäre nicht Glück, aber Rettung!" „Und glaubst Du, ich könnte Deiner vergessen?!" fragte ich ernst — „glaubst Du ein Gleiches von Dir!" „Rein" erwiderte sie, „ich könnte es nicht. Aber sagt — wo seht Ihr eine Rettung?" „Ich sehe sie", sagte ich entschlossen. Der trotzige Muth von Einst war wieder über mich gekommen — „man kann, was man will", klang e» durch meine Seele. „Mtt Deinem Vater will ich sprechen, ich will ihm Nachweisen, wie thörtcht sein Vorurthell gegen mich ist, ich will ihn anflehen, sein einziges Kind nicht unglücklich zu machen; ich will Dich von ihm fordern, als mein Eigenthum. Gelingt e« mir nicht, dann will ich Dich durch eigene Kraft erkämpfen. Du aber mußt di« Eltern lagen, um des Geliebten willen. Freilich — ein Jahr werden wir noch harren und kämpfen müffen. Aber Du wirft nicht ermatten, wie ich nicht ermatten werde. Und dann wirst Du mein geliebte« Weib und lächelst über Deine Sorgen von heute. Ich schwöre Dir — Dich will ich heimführen oder keine!" „Ich bleib« Dir tteu", sagte sie nur einfach und leise. Aber es klang wie ein heiliger Schwur. So schieden wir . . ." Mein Gefährte verstummte. Wir starrten schweigend in die Dämmerung hinein, welche sich allmähsig über die weite, westgalizische Ebene breitete. Erst nach langer Pause fragte ich: „Warst Du bei Hirsch Goldbaum?" „Ja." „Und welchen Erfolg —" „Er hat mir die Thüre gewiesen", sagt« Adolf ruhig. Was liegt daran? Da« Mädchen wird de« halb doch mein Weib. Man kann, wa« man will. ..." (Schluß folgt.) . V r