Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 50.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 50.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Äage M SsrarNWev Vochenschnst. Wr. S0. Magdeburg, den 10. Dezember 1874. S. Jahrgang. Feuilleton. Gsterka -kegina. Erzählung von L L. Franzo«. (Fortsetzung.) Adolf trat auf Esterka zu und bat sie um einen Tanz. Eie erbleichte, sah ihn starr an und sagte dann leise „Nein". Ihm schob die Röthe in'« Antlitz. „Eie — Sie tanzen überhaupt nicht?" „Ich tanze", sagte sie langsam und blickte ihn noch immer starr an, „aber init Euch nicht". Er zwang sich zu einem Lächeln — e« war mühsam genug. „Und wodurch verdiene ich solche Strafe"? „Weil Ihr un« Alle haßt und verspottet — un«. unsere Art, unsere Sprache. Was nützt e« Euch? Ihr bleibt deshalb doch auch «in jüdisch Kind!" Sein Gesicht verfinsterte sich. „O, wenn Sie wüßten —" begann er jäh und stockte wieter. Dann sagte er lächelnd: „Da irren Sie. Die Leute von Barnow thun mir kein Unrecht und ich ihnen nicht. Wie würde sich das auch unter Landsleuten schicken! Ich bin ja hier geboren und ausgewachsen!" „V, ich weiß!" erwiderte sie lebhaft, in unserem Hause, in der Dachkammer habt Ihr ja g wohnt" . „Also Eie erimiern sich? Ich habe eS kaum erwartet! — eS find ja elf Jahre her!" „O — und wie ich mich erinnere! Wir haben ja so güte Freundschaft gehalten! Und habt Ihr der Sarah vergeffeu?" — „Gewiß nicht!" betheuerle er. Lon da ab begann sie halblaut und eifrig zu plaudern, und ich konnte dem Gespräche nicht mehr folgen. Sie merkten eS wohl nicht, wie auffällig lange sie so vor Aller Augen beisammen standen. Die Leute begannen zu flüstern. Und dicht hinter mir ward eine Stimme laut: „AlS ich noch in Leniberg war, habe ich Manches erlebt, aber daß eine Braut es wagt, so lange mit einem fremden Menschen zu deSparircn, ist uiir wahrhaftig noch nie vorgekommen " Aber nun traten auch schon die beiden auseinander. Ich trat auf ihn zu. „Du hast da dem armen Bräutigam eine schwere Stunde gemacht," nieinte ich lachcnd. „Dein Bräutigam?" fragte er hastig. „Also ist sie verlobt?" „Ich Hab« e« eben gehört" „„Und mit wem?"" „Dat weiß ich nicht. Hat sie Dir nichts davon gesprochen?" „Rein!" erwiderte er kurz, verstimnit, u. drängte zum Gehen. Zwei Monat« später. Müder Herbftsonnenscheiu lag auf dem leisen Sterben und Entfärben der Haide. Wieder saß rit mein aller Reisecumpao im Waggon gegenüber. Aber deSmal ging» vorwärts, fort von der Heimath. Adolf war in den letzten Wochen recht seltsam gewesen. Heute, während der Reise, war er sehr weich gestinimt. Und plötzlich begann er: „Du — ich möchte Dir etwas Hübsche» erzählen." Zch höre." — „Ich liebe sie." — „DaS dacht' ich!" „Und sie liebt mich." — „Ich gratulire." — „Und ich Ml Dir beichten, wie r» gekommen ist." — „Beichte." „Aber Du darfst mich nicht auslachen." Ich drückte ihm die Hand. Und nach diesen Präliminarien begann er: „Du erinnerst Dich jener Hochzeit — ich bin kein Dichter, kein Phraseumensch, ich kann-, Dir einfach nicht sagen, »elchen Eindruck da« Mädchen auf mich gemacht. Aber obm«hl mir die lieblichen Züge immer lockend vorschmebten, «echte ich doch ihre« Anblick nicht durch »tue« Besuch im Hause ihre» BaterS erkaufe«. So überließ ich denn ein Wiedersehn dem Zufall, der mich auch, etwa eine Wo.^e später, da» Mädchen finden ließ.^ Du kennst die alte, zerbröckelte Schlohruine am jenseitigen Ufer de» Sered — Nu» denn — auf einem der Steine i« verfalle,«er. Schloßhose fand ich das Mädchen sitzen. Eie nähte emsig, ein Buch lag im Grase neben ihr. Beim Geräusch uieiner Tritte blickte sie auf und erwiderte ruhig meinen Gruß. „Run — da seid Ihr ja endlich!" sagte sie. Ich sah sie erstaunt an „Wußten Sie, daß ich kommen würde? — ich bin ja nur zufällig hier." „Gesagt hat e» mir Rieniand," erwiderte sie und erröthele heftig, „aber ich wußte e» so sicher und bestimmt, l wie nur etwa« in der Welt! Ja — da» Buch hier habe ich nur daz-i mitgenommen, un, e» Euch zu zeigen " Und sie reichte eS mir. „Kennt Ihr eS noch?" Ich kannte e» freilich, und eS war rin sonderbare» Gefühl, niit dem ich meine Blicke darauf ruhen ließ. E« war ein Gebelbnch für Frauen, im Jüdisch-Deutsch geschrieben, eines der wenigen Erbstücke, welche meine Mutter mir hinlerlaffen. Mich üderschlich lies« Rührung. Die Augen wurden mir feucht; stumm gab ich da» Buch dem Mädchen zurück. „Ihr gabt eS nur zum Abschied," sagte sie, „an einem schönen Somnierniorgen, als Ihr sorlzogl in die weite Welt. Wir haben damals viel »m Euch geweint — ich und der blonde Lhaim, der nun oiein Bräutigam ist ..." „Also der!" sagte ich so ruhig, al« mir möglich. „Sie sagten mir neulich nicht» davon?" „Weil wir nicht davon sprachen," erwiderte sie und setzte dann hiuzu: „Sagtet Ihr mir doch auch nicht» von Eurer Braut und Ihr habt ja eine und eine schön: und stattliche dazu “ Ich mußte lachen. „Nein, Sarah," versicherte ich, „ich habe noch keine Braut!" Sie sah mich forschend a». „Wirklich nicht?" — Dann haben unsere Leute wieder einnial gelogen. Sie sagen bet un», Ihr wäret mit einer schöne» und reichen Christin verlobt. Ader seht" — suhr sie eifrig fort — „daß man von Euch io viel Schlechtes und Falsche» berichtet, daran seid Ihr im Grunde selbst Schuld. Ihr seid stolz, thut gegen Jedermann fremd und verspottet un», wo Ihr könnt. Darum war ich Euch jüngst bei der Hochzeit Anfang« so bös«. Daß Ihr kein schlechter Menich geworden seid, habe ich schon neulich erkannt und Euch gesagt, aber stolz seid Ihr — auch gegen mich * Ich wollte sprechen — aber abwehrend fuhr sie fort: „So ist e». Sagt nicht nein, denn wahr bleibt'S doch Warum nennt Ihr mich denn immer „Sie," narum dutzt Ihr mich nicht mehr, wie einst?" „Weil aus der kleinen Sarah nun ein erwachsene» Fräulein „Da spottet Ihr wieder," fiel fie mir heslig in» Wort. „34 bin kein Fräulein, ich bin ein Judenmädchen. Und darum bitt' ich: sagt „Du" zu mir I Sonst kommt Ihr mir so fremd vor und seid doch eigentlich ein alter Freund * „Ich will'» gerne thun," versprach ich, „ater dann mußt auch Du mich dutzen." „Rein!" sagte sie erröthend, aber sehr entschieden. „Da» geht nicht, da» geht gar nicht. Ihr seid ein gelehrter Student, der bald ein Doctor sein wird und ich — ich bin die Sarah Goldbaum. Da« müßt Ihr nicht von «& verlangen." Wir plauderten noch lange und über Biele» — nicht nur an jenem Morgen, auch in den nächste» Tagen und Stechen. Sarah kam alltäglich mit ihxer Arb« zum Schloßhofe. , Päpstlich, .«sie. daß. Mädchen, fand auch ich «lch>ein. Wo» wir d*Alle*defproche^ tfettt« ich Dir bei» beste» Wille»