Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 49. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 49.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5369809-5935028-5935823--2426-5371910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilletoq. (Pfterta -kegina. (Fortsetzung.) . . . Zu der That, ich hatte starke Zweifel, ob Adolf dem Marschallik den Gefallen thun werde. Seit ich selbst zugesehep, wie ihn seine orthodoxen Glaubensgenossen empfangen, fand auch ich seine Abneigung gegen den Perkehr mit ihnen begründet. Es war halb komisch, halb betrüblich, wie sich die Leute von Bariton, in den Tagen seit unserer Ankunft gegen ihn betragen hatten. Er, Aaron, Aaron Leiblinger, der Sohn der Chane Leiblinger aus dem Hüttlein am Flusse, wagte es, „christliche" «leider zu tragen, „christliche" .voft zu essen und aut Sabbath zu rauchen, ja noch mehr, er wagte sogar, zu studiren! Tas waren in den Augen dieser Menschen «bensovicle Todsünden, die bitter gerächt werden mußten. Und sie rächten sich an ihm, so gilt sie'S eben konnten, '«jemand sprach ihn an, und wen er ansprach, der fertigte ihn höhnisch ab; die kleinen Jungen liefen aus der Gasie hinter ihm her und schrieen ihm nach: „Meschumed!" Darüber lach e Adolf, und die Verachtung und der Hohn der Erwachsenen vergalt er eben in gleicher Münze. Er war ja auch auf ihren Vertehr nicht angewiesen. Wir gingen beide viel in der Landschaft uvther oder besuchten die chris.lichen Honoratioren des Orts. Selbst Herr Thaddäus WiliszewSki begnadete uns mit der Borlesung seiner Poesien — ja, sogar die drei grünlichen Töchter des Herrn SieueramtsvorßeherS erlaubten den „Herren Studenten," ihnen die Eour zu inachei:. Adolf war in jenen Tagen ausgelassen lustig, ich allein tonnte ahnen wie sehr ihm IW Bittrtkttl am Herzen fraß?' Darinsi wußte ich, als ich ihm am Abend die Einladung mittheiltc, seine Antwort im Voraus. Und in der That — „lieber Junge", sagte er, „in die Hölle will ich Dich begleiten, wenn Du willst, aber uitter dies Geschmeiß nicht." „Schade!" sagte ich, „Du hättest da eine interessante Eharakterstudie machen können — an unserer Mithin. Frau Sprinze «lein. Du kennst sie nicht, sie ist aus Brzezan gebürtig, jetzt verwittwek, sehr reich, hat einen Schnittwaaren- Laden . . ." „Sei.r interesiant!" höhnte Adolf. „Mehr, als Du glaubü. Bei dieser Frau zeigt sich ein sonst sehr ernster seelischer Prozeß: das Ausringen aus den drückenden Fesseln des orthodoxen Glaubens zu einer freieren Ledensanschauung, in einer merkwürdigen, geradezu komischen Forni. Frau «lein lebt ganz wie die Andern, wagt nicht, ihr eigenes Haar zu tragen und könnte den leisesten Verstoß gegen das Speisegejetz nicht übers Herz bringen. Aber weil sie einmal als Mädchen ein halbes Jahr lang in Lemberg gelebt hat, so hat sie eine gewisse platonische Liebe für die „Ausgeklärtheit" und „feine" Formen. „Als ich in Lemberg war" — jo beginnt jede ihrer Reden. Um nun diese platonische Neigung zur Aufgeklärtheit stellenweile auch durch die That zu beweisen, verfällt diese Frau auf die seltsamsten Mittel. Ei« spricht z. B. mit wahrer Auch Hochdeutsch, und kann sie gar irgendwo ein Fremdwort aufjchnapprn, so läßt sie es gewiß eine Woche lang nicht wieder loS. Welchen Mißhandlungen das arme Fremdwort dabei ausgesetzt ist, kannst Du Dir denken, oder vielmehr: das kann man sich gar nicht denken, da wird die ausschweifendste Pl-antasie von der grausen Wirüichkrit' überboten. Oder ein anderer Pröbchen. Frau Spinze kann nicht deutsch lesen. Gleichwohl hat sie bei irgend einer Auktion drei abgegriffene Bände erstanden: Schille?» „Räutet“, eine Erzählung von Caroline Pichler und einen Band Casanova. Und einer von diesen drei Büchern hat sie denn auch immer aufgeschlagen in ihrem Laden liegen und starrt, wenn sie sich beobachtet weiß, aufmerksam die fremden, räthselhasten Zeichen an. Sagt ihr ein Frommer, das Lesen deutscher Bücher sei ja eine Todsünde, so erwidert sie: „Als ich in Lemberg war, so habe ich selbst gesehen, wie sogar die Tochter de» Oberrabbiners deutsche Bücher gelesen hat," insgeheim jedoch denkt sie: „Wenn da» Lese« wirklich eine Sünde ist, so begehe ich sie ja nicht!" . . . Und der allerletzten Probe ihrer Liebe für den Fortschritt haben wir eben unsere Nriladung zu verdanken. Sie hat eS nämlich durchgefetzk, daß bei der Hochzeit chrer Tochter nicht nach „jüdischer Art" getcnzt werden soll — die Männer mit den Männern, die Weiber mit den Weibern — sondern nach der „christlichen Mode", — di« Herren mit den Damen. Und der traurigen Thatsache, mß es dabei an geschulten Tänzern fehlt, verdanken wir wahrscheinlich die drin, ende Einladung. —" „Sehr schmeichelhaft!" „Pah! — gleichviel! — es kann ein köstlicher Spaß werden. Und blieb'S auch eiue langweilige Tanzrobot, die Aussicht, mit einem so schönen Mädchen, wie die „Esterka Regina" tanzen zu können, wiegt ein Opfer auf. So denke mindestens ich! Und Du? „Ich nicht", erwiderte Adolf kurz. Aber nachdenklich mar er bei der Nennung ihres Namens doch geworden. Und aks der Marschallik am nächsten Tage kam, da erhielt er eilen günstigen Bescheid. An: Dienstag Abend gingen wir nach dem festlich geschmückten Hause der reichen Wittwe. Die Ceremonie war bereits vollzogen, und die Unterhaltung sollte eben beginnen. Voll überquellender Freundlichkeit kan: uns an der Thüre des Tanzsaals die Hausfrau entgegen, gehüllt in ein Kleid wn schwerster gelber Seide und darüber eine hellgrüne Sammtmantille, bei jeder Bewegung klirrend und raffelnd von dem wohl affortirten Juwelen-Laden, mit dem sie behängen war. „Sie werden Alles finden, wie in Lemberg," sagte sie uns strahlend, „denn wie ich in Lemberg uxck, habe ich gelernt,-wie nian macht den Horreilr als Mithin." Wir traten in den Tanzsaal. Die Männer machten sauersüße Gesichter, aber den Mädchen schien unsere Ankunft nicht ungelegen. Und so erfüllten wir denn, was man von uns erwartete, wir tanzten. Da trat ein alter Mann in das Zimmer und an fei tet Seite ein junges Mädchen. Das war Hirsch Goldbaum t.nd seine Tochter. Wir sahen sie da zum ersten Male seit unserer Ankunft und sagten wie aus einem Munde: „Wie schön sie ist!" Aber wie schön sie war, versuche ich auch hier mit I!einer Silbe anzudeuten. (Forts, folgt.) Au Ehauukka! Kommt, lieb« Kinder, schnell herbei, tlo naht da« Fest der Weih«; Laßt ans der Zegenisprüche drei Jehl sprechen nach der Aerhel Laßt sie mit Sanuni zünden an Die Dank- und Zreudenkerzen, Ein jede« fing' s« liMtj Und bete aus dem Herzeii! Laßt unt recht sroh und sröhlich sein Aach unser'm Schaistraworte Und beim Ehanukkahlichtei-Echein Lob spenden unserm Hort«! Der Ew'ge war un< Burg und Hort In jenen schweren Tage»; Sr schirmt« uni ja fort und fort Und bannte unser Zagen. — So kommt herbei zum Kerzenschein, StSrkt Euch im BSterglauden I Ihn halte» fest, ihn haltet rein. Und laßt ihn Euch nicht raube»! Bekennt e« laut, bekennt e« frei Beim Kerzenschrin de« Ehanukkah, Daß (Statt gebenederet sei Auf immerdar — Hallelujah! — Liegnitz:' " Ahrenfeldt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.