Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 48.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-5935028-5935822--2417-5371902- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
HÜltzchen. Und da der Regen länger dauerte, als mein Gefallen am Durchstöbern all' der Blatter Und Blättchen, so sah Ich '-MtUh in mein Schickfckk r^-ß-tt, dem Spiele zu. Vor mir vergnügten sich drei junge Leute am grünen Brette. Der Marqueur sägte „Herr Doctor" zu ihnen, es waren also Studenten der Medtcin. Einer von ihnen fiel mir auf, ein mittelgroßer, schlank, sa'l zierlich gebauter junger Mensch mit feinem, scharfgezeichnetem Gesicht, welches an sich bleich sein mochte, aber durch das tiefschwar»e, leicht gekräuselte Haupt- und Barthaar fast schreckhaft bleich erschien. Hübsch war das Gesicht nicht zu nennen, dazu waren die Lippen zu dünn, die Stirn zu niedrig Aber ich mußte es doch immer wieder ansehen, denn auf diesem Gesichte stand etwas geschrieben, w>e ein« Geschichte. Daß ich es jchoa früher einmal gesehen habe» könnte, fiel mir übrigens nicht entfernt ein. Aber plötzlich, als sich, — aus geringfügigem Anlaß über das Reckwort eines Mitspielers — die dünnen Lippen fest auseinanderpreßlen und die niedrige Stirn sich faltete, blitzte es in mir auf: „Da ist ja der schwarze Aaron." Run — er war es also wirklich. Und was wir da miteinander gesprochen, habe ich schon berichtet, (s Ende vor. Ar.) Ob wir un» freuten, einander zu begegnen, vermag ich kaum zu sagen — jedenfalls war es keine ungetrübte Freude. Wenn junge Leute nllr zwei Jahre auseinander gewesen find, so müsien sie sich beim Wiedersehen erst ordentlich wieder kennen nnd in einander fügen ltniru. Und nun erst »ach so langer Zeit. Man ringt qualvoll nach dem rechten Tone gnd findet ihn nicht. Wir Weden bald, und eS klang recht kühl, als wir jagten: „Auf Wiedersehen!" Gleichwohl soll!« nnS der Zusall, einige Monate später, wieder einander nahe, sogar recht nahe bringen, freilich Anfang» nur körperlich, aber dann auch geistig. In den ersten Frühlingstagen bezog ich eine neue Stube, und als ich zum ersten Male aus dem Fenster sah, blickte mir aus dem Fenster gegenüber neben einem stattlichen Todtenkopfe das Antlitz meiite» Schulkameraden aus Barnow entgegen. Er wohnte in demselben Hause, in demselben Hofe. So sprachen wir denn wieder mit einander, kamen so unvermerkt einander näher und wurden schließlich, so weit e» eben die studentische Rangordordnung, er stand im vierten, ich im ersten Jahrgang, und noch mehr: so weil e« eben ‘»er ungeheure Unterschied unserer Raturm erlaubte, sogar gute Frennde. Was aber fein« Ratur anbelangt, so erwies sich auch an diesem Men.chen wieder einmal die ganze Wahrheit des alten Satze»: „Die Eindrücke der Kindheit wurzeln am tiefsten" — der Student der Medizin, Adolf Leiblinger, war im Grund« ganz der alte Aaron. Di« Metamorphose aus dem verschlossenen, häßlichen Knaben in den gewandten, weltfreudigen, intereLantei: iungen Mann hatte den Kern seines Wesen» unberWmgelasseu; fit ihm lebte WeWefte Tkotz, dasselbe Selbstbewsßksein, wie einst, und im Gnmde auch der alte Hast. Aber daneben war er, wie einst, voll echter Dankbarkeit für jede IhrilnahmSvoll« Gesinnung und ebemo noch immer toti der altrn, rührenden Sehnsucht nach dem Wssen erfüllt. Er hatte sich. Anfangs entsetzlich schwer aufgerungen, und dennoch gleichzeitig in unglaublich kurzer Zeit die Gymnasial-Prüfungen gemacht, aber später und nun auch in Wien brachte er sich ganz gut durch. Und so war auch heute sein Spruch: „Man kann, was man will." Rur das Berhältniß zu seinem Gott und seinem'Stauden hatte sich gründlich geändert. Früher war ihm, eben weil er sehr stolz war, sein Glauben um so lieber geworden, je mehr er um seinetwillen lüt und sein Gott war ihm so recht der Gott seiner eigenen Rache, den er nicht müde würde, um Blitzstrahlen gegen die Ehristenjungen und ««seren dummen rohen Lehrer anzufleh'n. Aber nun war er gegen Gott sehr kühl und haßte seinen Glauben glühend. Er geritth ordentlich in Wuch, wenn er auf Juden und Judenthum zu sprechen kam. Herr, Thpddäu« Wiliszew-ks. der doch eine eigene „Hymne gegen di« Juden" gedichtet hatte — nicht für die Krakauer.Da^ menzeitung, sonder« zu« eigene» Hausgebrauch« — war bä-' gegen ein harmloses Kind. Aber dabet blieb er doch formell in diesem Glauben „Mein Hemd ist schmutzig", pflegte er zu sagen, „aber ich sehe aus dem Erdenruiü» kein reinetrt, welche» ich statt dessen anziehen ni»chse." Ich gewann Adolf lieb, wie ich einst Aaron liebgewonnen, und als die Ferienzcil kan» und ich zur Reise in die östUrj« .Heimat rüstete, lud ich ihn ein, mit mir zu kommet» und freute mich herzlich, als er es annahm. Auf dieser Reise, Nacht» im Eijenbahnwaggon, kamen wir wieder einmal auf da» schöne Mädchen zu sprechen, von dem seltsamer Weise seit jener ersten Begegnung nicht wieder die Rede unter uns gewes-r. „Nimm Dich in Acht", sagte ich neckend, „alte Liel« rostet nicht!" Aber er lachte: „Ich und — lieben?! Du weißt, Liel« ist ein weiches Gefühl, ich aber — ich bm ein harter Mensch." Er lachte wieder, fügte dann aber ernst, fast weich hinzu: „Sieh' — ich werde sogar vermeiden, die Kleinzü sehen Die Erinnerung an sie ist der einzige Lichtpunkt aus meiner trostlosen dunklen Knabenzeit. Soll ich mir die Erinnerung selbst trüben indem ich sie aufsuche und von dem schmutzig-«, schüchternen Mädel einige Begrüßungsworte im bekannten. lirtlichen Jüdisch-Deutsch erpresse?!" Er riß das Waggonsester auf und starrte lange in die dunkle Rächt hinaus. „Und wird die Esterka Regina mit auf der Hochzeit sein?" „Wer?" srägt das kleine Männchen erstaunt und leg'« die Hand an'S Ohr. „Nun — ich meine die Sarah Goldbaum, die Tochter des dicken Fleischhauers!" „Ob die dabei sein wird?" ruft da» Männchen palhetish „.Heißt eine Frage! Soll man zusammeistaden alle häßlich« n Mädchen von Barnow und nur gerade die Schönste nicht?! Verlajjen Sie sich darauf, junger Herr, ich und Sprinze Klei r, wir wiffeu, was sich schickt, und wenn man einladet schölle junge Herren, so muß man auch einladen schone junge Mädchen. Und dann wissen wir, daß, wen» wir die Sarah in Zimmer haben, wo getanzt wird, so körnen wir uns erspare», Blumen hinzustellen in dieses Zimmer, denn die Sarah ist di« schönste Blume, so wahr mir Gott einen guten Erwerb geben soll!" So ruft das Männchen .mit der glührothen Rase unb tänzelt dabei um mich her, daß es mir fast schwindelt. Dc.» ist Herr Isaak Türkischgelb, der „Marschallik" von Branmo, was zu deutsch einen LUstigiNacher oder Ho-chzei-märschall bedeutet. Er hat neben tausend auderen kleinen Pflichten auch die, die Gäste zur Hochzeit zu laden, und in dieser Eigenschaft hat er mich an diesenr glübheitzm. S-MNRachimtttz« im August — dem zweite, den 'wir seil 7tn*ewt Heimkehr au» Wien im Städtchen verleben — mit seinem Besuch berhi't, um für mich und Adolf di« dringlichste Einladung der Fr«iu Soffinze Klein zu Lberdringen, am nächsten Dienstag in ihrem Hasse da« Hochzeitsfest ihrer Tochter, Esther Klein, mit Hern» Isidor Spitz (vulgo „Roth-Jtzigel") mit unserer Gegewart zu verherrlichen. „Also — Sie werden kommen," ruft da» Männchm schließlich, hebt dabei die Hände empor und macht zugleich b rei wundersame Verbeugungen, „Sie Und Ihr Freund Aaronleben — verzeihen Sie, daß ich ihn so heißen thuh', aber wie laitn ich ihn Addis nennen, da ich ihm doch selbst auf den Händen getragen habe und seine Mutter Ehane mein leidlich^ ldeschwisterkind war?! Sie werden kommen.,a,p .nicht duldm, daß die Leut' in Barnow vom alten Marschallik sagen: „lstemeine Juden kann er etnlädefi, der grdbe Klotz, 'aber ftine junge Herren nicht!" Ich mußte lachen. „Run — für mein Theil könnt Ihr ruhig sein. Ob aber Adolf kommt, uröchte ich bezweifeln — nun, holt euch morgen seine Anttvort selbst." Wieder hebt da» Männchen di« Hände empor und d»ekt dabei zusammen. Uzrd, dann, trippelt e». endlich , grinsend.zur. TWe hdiau». (Forts, folgt.)