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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 47. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 47.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton Gfterka Regina. ' (Fortsetzung.) Aber — noch sehe idi’4 deutlich wie damals, wie sie langsam, ani Arni einer Freundin, den Gang unter den Linde» emporgeschrilten fonmit. Selbst unttf Mt jüdischen Jünglinge kommt Bewegung, und Mancher schiebt sich heimlich um flaftau zurecht ober ringelt sich die zierlichen Schmachtlöckleiu noch zierlicher. Und vollenddie drei Gruppen machen sich bereit zum Gefecht. In erster Linie stehen die blauen Husaren, wie sich'» mulhige» Kämpfern geziemt, und alle» voran der kleine Zilahy, wie sich'« sür den Frechsten geziemt. Sie konimt langiam heran nnb steht nun dicht vor ihm, der sich ihr just in de» Weg gestellt. Sie hält die Auge» nicht niedergeschlagen, wie dies die anderen Mädchen lhnn, so oft sie an den Gesährlichen vorübcrwandeln, sie blickt ruhig und srei um sich, als wäre rings stall der blauen Krngcr die blaue Lust. Aber als sie nun notbgcdrnngen vor dem frechen Kleinen stehen bleibt, da zeigt ihr Blick eine» anderen Ausdruck. Es ist dies ans seinem Benehmen ersichtlich: der kleine Mensch wird rotb und tritt zurück und — cS klingt unglanblich, aber eS ist so — er salutirt verlegen. Und dann sagt er zu Herrn von Szcmray, der ihn anslach!: „Ich habe Math, ich Hab'« bewiesen, aber den Blick möchte ich nicht noch einmal aushalten ". . . Dje zweite Gruppe, welche das Unglaubliche niil angesehen, weicht bei Zeiten zurück, und der langhaarige Dichter starrt wie verzückt mit weitgeöffuelen Augen der schöne» Erscheinung entgegen. Und in jenem Momente ist in diesem arnien kleinen Gehirne, welches sonst nur Verse zum Hausgebräuche und sür die Krakauer Damenzeitnug erzeugt, der Name ausgeblitzl, den ich über diese Zeileu geschrieben. . . Und die dritte Gruppe?! Die jungen Schüler sind weder unwidersichlich, noch wollen sie dafür gelten; sie wagen es kaum, den „Sternen" in die schwarzen, blitzende» Auge» zu schauen, und als nun erst die Sonne gezogen kommt, schaaren sie sich eng zusammen, wie die Schafe vor dem Gewitter. Aber just aus ihrer Mitte ersteht Einer — ich weiß noch beute nicht, wie ich den Muth dazu "fand — der dcui schöuen Mädchen in den Weg tritt und es sogar — freilich schon viel weniger dreist — anspricht . . . „Mein Fräulein," sag' ich stotternd und ziehe den Hut, „verzeihen Sie — vielleicht erinnern Sie sich meiner nicht mehr — der kleine Aaron . . ." „Ei freilich," erwidert sie freundlich, „Ihr seid ja immer gut Freund mit ihm gewesen. Und wißt Ihr nichts Neue» von chiu?" „Kein Sterbenswort, seil er fortgegangen ist." „Oh, da weiß ich schon mehr. Der Jtzig Lürkischgelb, der „Marschallck" — Ihr kennt doch de» närrischen Menschen? — nun der ist neulich in Lemberg gewesen und hat dort zufällig den Aaron gesprochen. Freilich hält' er ihn kaun, erkannt, denn rathct nur einmal, war aus unserem armen kleinen Aaron gewolden ist?! Ein Herr ist au» ihm geworden, rin junger Herr, der sich deutsch kleidet und nur deutsch spricht. Ja - und mit den lateinischen Schulen ist er schon vor drei Jahrn fertig geworden, ist seitdem fast ivimer in Wien, Doctor zu werden! Wer hätte da» geglaubt?! — Und", fügte sie zögernd h.nzu, „der „Marschallck" erzählt auch, daß er jetzt sehr stolz und — und gar nicht mehr mit Juden sprechen will. Denkt Euch nur, er soll jetzt Adolph heißen und Ehrist «erden wollen. Aber baS glaub' ich nun einmal nicht — lyin! nein! und Ihr?" Nicht uni eine Welt möchte ich etwa» glauben, wa» diesem Mädchen widerwärtig ist. „Rein!" erwidere ich also, „ich glaub'» auch nicht. klebrigen» «erde ich bald Gelegenheit haben. Gewisse« darüber >gn erfahr«,. Ich geh« ja auch in einigen Wochen nach Me« j»r Universität. Da will ich den Aaron oder Adolph ge» «iß anfsucheu." I „Ja, thut da»," erwidert sie eifrig. „E» wird ihn sicherlich sehr freuen. Und," setzt sie hinzu, indeß Purpnrröthe da» holde Antlitz jäh überflammte, „wenn er sich etioa nieiner noch erinnert, so grüßt ihn auch recht herzlich von mir. Aber — hört Ihr — nur wenn er selbst sich meiner »och erinnert . . . „Ob!" rufe ich begeistert und kühn, „wer könnte je Ihrer vergessen!" Aber über diese begeisterte Kühnheit bi» ich selbst so entsetzt, daß ich gleich daraus den Hut lüste und mich stotternd verabschiede. Ader bis ich zv meinen Commilitonen zurückkomme, habe ich wieder sv viel Sammlung, nm all' die A»!»- brüche der Neugier, de» Neide» und der Bewunderung mit imponirender Ruhe stumm entgegennehmen zu können . . . „Und »och ei» anderes Barnower Menschenkind gedenkt Deiner!" „So—o? ist mir eigeutlich sehr gleichgiltig!" „O, Du würbest anders sprechen, wenn Du ahnen könntest, wie wuuderholb dieses Menschenkind ist. Aber ahnst Du's wirklich nicht?" „Nein!" Er blies den Rauch seiner Cigarren nachlässig in die Luft. „Mein lieber Junge — Du glaubst gar nicht, wie viel Mühe ich mir gegeben habe, die Leute vo» Barnow gründlich, recht gründlich zu vergessen." „Auch Deii.n Schutzgeist, die kleine Sarah?" „Also die ist'»?!" ries er ledhast. Aber sehr gleichgiltig setzte er hinzu: „Was macht die Kleine? Sie wird jetzt w»hl recht groß sein — etwa sechszehnjährig?" „Und wunderschön dazu!" Und ich gab eine so begeisterte, weitläufige Schilderung ihrer Schönheit und Klugheit, daß der blaffe junge Mensch neben mir ironisch zu lächeln begann Aber als ich zu Ende war, da sagte er sehr ernst: „Da« lhui mir leid, das thul mir aufrichtig leid!" „Wie? — warunl?" „Weil ich meinem kleinen Schutzgcist in der That arfrichlige Dankbarkeit bewahre und ihn gerne glücklich sehen möcht.. Dazu ist aber, wenn da» Mädchen wirklich so wrnderbar schön und dabei klug ist, verdammt wenig Aussicht. Entweder läßt sie sich durch all' die Versuchungen deihüren und fällt trotz ihrer Klugheit einen dieser polnischen oderrngarischen Herrn zuin Opfer —" „Ustmöglich," rief ich entrüstet. — „oder sie bleibt die brave gehorsame Dvchscr ihre« Vater», und dieser verschachert sie dann eines Tage», ohne sie zu frage», an irgend einen rohen chassidischen Bengel. Und da sie klug ist, so wird sie den Jammer und die Niedrigkeit eine» solchen Dasein» über kurz oder lang begreijen und schließlich al» arme» geknickte» Jitdenweib in irgend eir er Ecke eine» podoltschen Ghetto verkümmern." „Du sichst zu schwarz" „Ich sehe die Dinge, wie sie sind. Ich bitte Dich, letre Du mich nicht die Ehajsidim kenne». Doch — sprechen mir nicht weiter darüber und nun — leb' wohl!" Wir sprachen noch einige gleichgültige Worte und gingen dann auseinander . . . Ich hatte den Aaron oder Adolph Leiblinger nicht anfgesuchk, nachdem ich nach Wien gekomoren war, obwohl ich e» mir fest oorgenommen hatte Aber — mein Gott! — wenn so ein armer, schüchterner, achtzehnjähriger Mensch mit ein:m schüchternen Herze», da» auch so recht achtzehnjährig ist «ab einem karg gefüllten Beutelchen dazu au» einem kleinen Laildstädlchen hingeschleudert wird auf das Master der Weltstadt — mein Gott! — der hat genug zu thun, sich vorerst sellrer durchzubringen durch da» Gewirre der himmelhohen fremlea Häuser und der Hunderttausende vo» sremden Menschen, >»er darf nicht viel nach recht» und link» blicken, sondern imnier fest vor sich hin und muß dabei noch sein arme», schüchterne» Herz fest in beide Hände saffeu, daß e« nicht verzagt wird. Und dann — wie sollt' ich ihn finden ntttrr den viertausend Studenten? So überließ ich'« de« Anfall. (Forts, folgt.) . '•Jsv-.XSV .. ,-t.

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