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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 46. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 46.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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— 381 — Aeußern — er war sehr klein, unansehnlich — sein Antlitz fast häßlich. Aber in diesem häßlichen Antlitz standen zwei Augen, schön durch deu Feuergeist, der daraus blitzte. Unter dieser »ievrigen Stirne, in die sich das schwarze krause Hagr drängte, wohnten Gedanke», von denen schwer begreiflich war, wie sie diesen, Knaben hatten konimen können, dem Sohne der blutarmen, unwissende» Hocken,, in der düsteren engen Dachstube Rasch im Erfassen, zäh im Behalten, rücksichtslos energisch, so ging — nein! — so drängte sich der Knabe durch da- Leben. Für eine gewisse Zeit kann man von ihn, sagen: er erreichte, was er wollte. Seine Mutter hall« ihn, kau», daß er das Lesen der Gebete erlernt, zum Geh'lsen für ihren Handel bestimmt. Aber Aaron wollte eine Thoraschule besuchen, und cs gelang ihn,. Er wollte Talmud lerneu und darin alle seine Mitschüler übertreffen, und eS gelang ihm. Und bann wollte er die Christenschule besuchen, und obwohl derlei bis dahin unerhört war im Städtchen, so gelang ihm auch dies. Freilich auf keine gewöhnliche Art. Er sagte zuerst der Mutter seinen Entschluß. Die fromnie, beschränkte Frau verfluchte und verwünschte ihn und lief heulend und klagend zu den Vorstehern der Gemeinde: ihr Sohn wolle Christ werden Denn was lönne sonst ein jüdisch Kind in der Christenschule wollen? Der Doctor lasse seinen Knaben hingehe», aber der Doctor sei ja auch nur ei» halber Jude und trage sogar „deutsches" Gewand. Die Vorsteher lobte» den frommen Eifer der Frau und ließen den Knaben zu sich rufen. Er kam. Aber che sie noch mit ihren Vorstellungen und Drohungen beginnen konnten, sagte er schon: „Ich weiß, waS Ihr mir sagen wollt; ich brauch's also nicht zu hören. Aber wa» ich Euch jagen will, wißt Ihr schwerlich, hört Ihr also mich an. Ich will die Christenschule besuchen, weil ich Alles lernen null, was man lernen kann. Es kommt also nicht darauf an, ob ich sie überhaupt besuchen werde, denn waS ich will, da» u«rd' ich. Rur darum handelt eS sich, ob ich'S als Christ thue oder als Jud'. Meine Mutter kann mich nicht länger ernähren — sie wird alt Wollt Ihr nur also Freitisch geben, Kleider und Bücher, so bleib' ich Jude und will die Kinder dafür unterrichten. Wollt Jhr'S nicht, jo werd' ich Christ — der dicke Dechant thut um eine Seele Alles." Diese seltsaine unerhörte Rebe wirkte. Die Männer beugten sich oor dem eisernen Willen des Knaben und gaben ihm da» Wenige, wa» er brauchte. Er besuchte die Klosterschule alS Jude, mit Kaftan und Schmachtlöcklein. -- ES ist entsetzlich, was er um dieser Tracht willen litt. Lielleichl hat Gott di» Thränen und Schläge gezählt; er selbst ward müde, sie zu zählen, müde zu weinen. Düster und trotzig iieß er Alle» über sich ergehen, Unrecht und Schläge, Hunger und Kälte, oder, wa» spärlich genug an ihn herantral, Wohllhal und Wohlwollen. Ungeheure Sehnsucht nach dem Wissen — ungeheurer Rachedurst erfüllten ihit. Selbst sei» Gesicht hatte nicht« Kindliche« inehr. Er war et» armer, sehr armer Junge, mein Mitschüler Aaron Leiblinger. Aber selbst da« ärmste Herz hat noch irgend ein Kleinod, an dem r« hängt. Und so liebte der düstere Knabe die kleine Sarah. Fremd und rührend, so ganz ander» wie sonst, ivard sein Antlitz, wenn er mit ihr sprach. E» war etwa» eigenthümlich Ergreifende» — ich habe c» damal« noch nicht recht verstanden — ich «ntpfand e» nur so, daß r» ihm sehr wohl thue, wenn man mit ihm von der Kleinen spreche. Ich glaub«, er hätte sich, ohne zn zucken, für sie tödten lassen. Und einmal geschah sogar etwa» Unerhörte» — er weinte «irder: Die Sarah lag an den Blattern darnieder. Aber al« seine Mutter starb, da weinte er nicht. Da» riß keine Lücke in sein Leben, da» rührte wcht an sein Herz mindesten« nicht so, daß man e» ihn» ansah. Er wohnte nun allein im Dachstübchen — da» war Alle». Der alte dicke Hrrsch Goldbaum gab ihm sogar von da ab auch di« RahtUNg. Er nahm aber di« Güte nicht lange in Anspruch. Ettvnai früh Marge»» ist» Sommer kam er zu mir. „Leb' mohi", sagte er, „Du Hatz «ich »te geschtagen, darum sag' ich Dir Lebewohl. Ich gehe heute fort von Barnow, ein reicher Mann z>' werden." „Aber Du wirst ja am Wege verhungern?" „O — ich habe Erbtheil von nleiner Mutter — drei Gulden — nach Lemberg geh' ich — leb' wohl . ." Und fort war er, und ich hörte lange, lange nicht» m> hr von ihm . . . _ Esterka Regina! . . . Ein Tag im Sommer, ein schöner, leuchtender Juli- Nachmittag. Die Sonne liegt über der Haide, auf der e» blüht und duftet und sumnit — so öde sie sonst sein mag, im Sommer ist auch ihr Farbe, Duft und Leben beschick!». In der „Gaffe" ist'S still, ganz still. Der Handel und W> ndel ruht. In den dämmerigen Stuben nicken die Greise ül-et den mächtigen Folianten und die Frauen über den kleinen Büchern, welche in sonderbarcul Jüdisch-Deutsch vom König Papid berichten und von der Königin von Saba und von den Verfolgungen, die da« L,lk Gölte» intztzs»»» erduldet, in Frankreich, in Deutschland, in Italien, überall, wo Menschen wohnen. Vor den Hauslhoren aber, oder wo sonst rin kühler Schalten ist, sitzen die jüngeren Männer und Weiter beisammen und spreche» über die Mitgift, welche der reiche Moses Freudenthal seiner Tochter giebl, und daß cs ihin bereits gelungen, einen jungen, sehr berühmten R..bbiner ol» Galten für sie zu kaufen, oder über die Schlechtigkeit des Herrn Bezirksrichters, oder über die Aushebung der Wuch.rgesetze. . . Und draußen ani Flusse, wo die Linden stehen, wandelt da» junge Volk geputzt auf und ab, — die Mädchr» in grellfarbigen Kleidern, den üppigen Leib mit schwerem Goldschmuck behängen, da» dichte, schwarz« Haar in überaus kunstvollen Geflechten um den Kops geschlungen — die Jünglinge in schwarzen langen Kaftanen aus Seide, an beidm Wangen die zierlichen Schmachtlöcklein, auf dem Kopfe tie sonderbare Pelzmütze der allpolnischen Adeligen, die nun, im Wechsel der launenhasten Mode, zur Sabbathmütze der verachtete» Juden geworden ... Sie sehe» blaß und frützriH aus, diese Jünglinge, und auch ihre Reden entsprechennicht ihrem Aller — sie unterhalten sich von ihren Talniudstudicn und von ihren Geldgeschäften, und nur selten flüstert Einer dem Freunde zu, das Mädchen, da» eben vorüberwandle, gefalle ihm ausnehmend, und er gäbe etwa» drum, wenn sein Vater ihm just die zur Braut bestimmte. Aber wovon tie Mädchen sprechen, ist schwer zu sagen: wer weiß, an wa« Alle« so «in geputzt jüdisch Mädchen denkt und worüber sie sichert beim Spaziergang au einem schönen Sabbalhnachmittrgc? Worüber?! Vielleicht über die jungen Herren, die kcimn Kaftan, keine Hangelöcklein tragen, und die dennoch eifcig't, al» mühte e» so sein, aus und ab wandeln auf der „jüdisch, n Promenade" an, Flusse. Da« ist die elegante Herrenwelt von Barnow, und sie bewegt sich sonst nicht gerade leideiu schajtlich gern? in diesen Kreisen. Aber — der Anblick d, r Esterka Regina wird gerne selbst durch rin größere» Opßw erkauft, al« durch da» Verweilen unter den Juden. Und die drei Gruppen der besagten Herrenwelt harren geduldig ar» und belorgnettireu einstweilen die Sterne, die Rebecca'», Miriam'» und Dora'«, bi» endlich die Sonne aufgeht: die schöne Tochter de» Fleischhauer«. Drei Gruppen sag' ich. Da sirch die himmelblauen Cadetteu und Lieutenant» von den Liechtenstein-Husaren unter Führung de« kleinen, blonden, geschwätzigen Zilahy; da sind die jungen polnischen Adelige, und Schöngeister, und an ihrer Spitze der hoffnuna«volle, lawzhaarige Dichter, Herr Ahaddän» «ili»zew»kf; «r sind endlich die eben zu den Ferte» heimgekommene» Herren Gymnasiast«» und Abiturienten, und unter ihnen «in Jüngling, der heute kein Jüngling mehr, und dem'« sicher wehmüthig um'« H« , wird, gedenkt er all' de« Glanze» jene» Eommerlag». Den» dieser Glanz ist längst verweht, und da» arme schön« Mädchen ist läitgst ei» bleiche«, geknickte» Weib, zur frühe» Gruft gesunken. (Fons, folgt.)

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