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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 45. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 45.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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— 373 — vV^- Ü- '. - bie Offizier» der Garnison, die begannen fich pWKh"fÜr iflk' mosaischen Epetsegesetze zu imeressiren und konnten stundenlang zusehen, wie Lirsch Goldbaum mit seinem Mefier streng nach den Gesetzen de» Talmud« hantirte. Und da« Alle«, um einen Blick zu erhaschen au« den leuchtenden blauen Augen der Esterka Regina! . . . Der Raine paßte prächtig und war gar nicht überschwänglich, obwohl ihn ein Poet ersunden hatte. Dieser Poet war der junge Herr Thaddäu« WiliszewSki, welcher in Lemberg Philosophie studirt hatte, aber leider bei den Prüfungen durchgrsallen war, ein sehr hoffnungsvoller Mensch, der immer eine verschoffene Czamara trug und lange Haare und eine Menge Berse machte, theil« zum Hausgebrauch, thrils für die Krakauer Tamen-Zeitung. Dieser Herr Thaddäu» also hatte, al« er die Sarah Goldbaum zum ersten Male sah, wie sie in ihrem ärmlichen Sabbathkleide am bluffe spazieren ging, entzückt auSgerusen: „Jetzt erst verstehe ich die Bibel! So hat die Esther auSgesehen, welche dem Perserkönig den Kopf verdrehte und den Haman an den Galgen brachte, und jene andere Esther, welche unfern guten König Kasimirz, den Bauernfreund, bewog, den Juden in Polen eine Freistatt zu geben, nachdem diese klugen Deutschen sie bei Zeiten fortgejagt hatten. Da« ist Esterka, die Königin!" Und von da ab nannten sie alle gebildeten Menschen in Barnow nur Esterka Regina. Dieser Name war nicht überschwänglich — ich wiederhole et. Vielleicht wäre es am besten, ich begnügte mich mit dieser Versicherung. Tenn wenn ich auch hinzusüge, daß ihre Augen blau waren und tief und leuchtend, wie das Meer an föhnige»»'Tagen, und ihre Haare schwarz und duftig, wie die Rächt des Südens, und das Lächeln ihres Gesichts wie ein FrühlingStraum. — Ihr könnt ja deshalb doch nicht ahnen, wie schön sie war! Ich weiß e« — ich kannte sie! Aber wie tiefe Wehmuth überkommt e« mich bei dem Gedanken an diese Schönheit. Denn sie war kein Segen für oaS arme holde Kind — nein, vielleicht gerade sein Fluch. Die schöne, Üniglich schöne Esterka ist sehr unglücklich gewesen. Jetzt ist sie eS nicht mehr — schon seit langen Jahren. Jetzt ist fie glücklich. Da liegt sie draußen auf'm „guten Orte" und schläft. Denn die Juden jener Gegend nennen ihren Beäbnißplatz den „guten Ort." Bon ihrem Standpunfte haben ganz recht: wer dort liegt, den prügelt kein Edelmann mehr, dem speit kein Bauer mehr in'S Antlitz. Und vielleicht ist diese Bezeichnung sogar auch von nicht so beschränftem Standpunkte begreiflich . . . Run — dort also haben sie an einem Frühlingstage vor langen Jahren da» schöne bleich« Weib zur Ruhe gelegt. E» ist eine freundliche Stätte: im Sommer umhüllt blühende» Gesträuch die Gräber und im Winter der reine, weiße Schnee. Sanft und gut mag fie da ruhen, die schöne Esterka, denn ihr Unglück war noch größer al» ihre Schönheit, und sie hat im Leben viel gelitten. Im Todtenscheine stand, die Sarah Pinku« sei einem Herzleiden erlegen. So war e» auch wirklich, sie ist am gebrochenen Heiden gestorben. Da« ist eine Krankheit, die seltener ist, al» man so hört und liest — viel seltener. E» sterben nur sehr wenige Menschen daran, und die am lautesten Nagen, sie seien unrettbar diesem Tode verfallen, leben gewöhnlich noch sehr lange und sterben schliestlich an Altersschwäche oder UebeAädung der Magen«. Die Sarah hat mit keinem Wort, mit keinem Seufzer 8«klagt. Sie ging im Hause umher und schaffte rüstig, so mae fie e« konnte. Und al« sie es nicht mehr konnte, da schrieb -fie noch zitternd einen langen Brief in hebräischen Schriftzeichen und siegelte ihn zu und wankte damit in'» Posthau». Dort bat sie den Schreiber, in deutschen Lettern die 'Adresse auf den Brief zu setzen: „An den wohlgeborenen Herrn vr. Adolf Leiblinger, holländischer Stabsarzt in Batavia." D r junge.Mensch hatte frivol gelächelt, al« sie ihm das dictirt, aber er wurde ernst, al» er in das Antlitz blickte und darauf die Schatten de« Tode« sah. Und dann ließ sie sich . «tu'Necepiffe geben, wankte heim und sta b. E» ist ein« einfache Geschichte. So einfach, wie die Gealld, lke kein Dichterhirn ersinnt, die da« Leben selbst dichtet, dieser größte und grausamste Poet. Aber wenn ich sie ihm lster nachschretbe, so kann ich nicht ro nchig bleiben, rote er, der un» lächelnd erhebt oder zermalmt, wie e« ihm beliebt. Mein Herz erzittert . . . O! — ich habe sie ja auch gekannt, die schöne unglückliche Esterka Regina! . . . Esterka Regina! . . . Ich weiß nicht — e« ist eigentlich sonderbar . . . Unzählige Male habe ich den Namen gehört, unzählige Male gesprochen, unzählige Male geschrieben — als ich noch ein Jüngling war — auf irgend ein weißes Blatt Papier — thöricht, ohne Ziel und Zweck. . . Und erst heute, wo sie längst tobt ist, heute, wo Herr Thaddäus nicht mehr ein hoffnungsvoller Mensch ist, sondern ein alter verbummelter Schnaps äufer — heute erst überkommt mich der Gedanke, daß es fast ein Hohn ist, wenn man die« arme, armselige Leben mit so stokzetn Namen verknüpft. Oder klingt mir nur^jetzt geraye herFlame so peinlich, weil mir jetzt gerade' ihr ganzes Leven vor Augen tritt, und damit auch die ganze Armuth diese» Lebens?! . . . Ich kannte sie, noch als sie ein kleines siebenjährire« Mädchen war und ich ein wilder Knabe, der in der Schule unter der strengen Zucht knirschte. Da sah ich sie täglich. Wenn ich so in der trüben kalten Dämmerung des WintermorgenS mit dem Ränzlein durch die kleine Gaffe trabte, blieb ich immer vor der Thüre de» Hauses, wo sie wohnte, stehen und ries in den Hausflur: „Aaron! Aaron!" Denn dort, in einem düsteren, engen Dachstübchen, wohnte auch mein Mitschüler, der kleine schwarze Aaron mit seiner Mutter. Hirsch Goldbaum hatte dieser Frau, der Chaim Leiblinger, welch« die Wittwe eines Fleischerknechts war, au» Barmherzigkeit va« Stübchen eingeräumt, denn ihr Obsthandrl schützte sie und ihren Knaben kaum vor dem Verhungern. Wenn ich so gerufen hatte, that sich zuerst leise die Thüre auf, und die kleine Sarah trat heraus, die Händchen immer unter der Schürze. Und dann stieg der arme Junge in. feint« leichten SUÄrin die morsche Holztreppe herab, und die Sarah steckte ihm rasch da» Brot und die Leckerbiffen zu, welche sie unter der Schür z« »erborgen gehalten. Er nahm», oft erst zögernd und dürfte nie. Aber er blickte da» Kind so sonderbar an und lächelte, Man hätte ei kaum für möglich gehalten, daß dieser finstere, xrfchloffene Knabe überhaupt lächeln könne. Und nun gar so lächeln! . . . „Aaron, willst Du nicht mitkommen — auf dem Ase schleifen?" „Nein!" „Warum nicht? Du bist immer so still und machst so zornige Augen!" „Warum soll ich fröhliche machen? Etwa über unsere Noth? Die Kälte thut nicht wohl und der Hunger auch nicht. Oder darüber, daß ich soviel Schläge ertragen muß? Der Lehrer schlägt mich und auch di« Christenjungen Alle. Tlarnm? Weil wir ihn gekreuzigt haben? Ich Hab' ihn nicht gekreuzigt. Warum schlägt man mich?" „Da» wird schm anders werden, wenn wir groß sind — Advocaten . . . „Ich «ertz« kein Advocat. Ich werde ein, sehr greßer, sehr reicher Arzt. Dann komme ich wieder nach Barnow und sage zum alten Hirsch: Hier ist der rückständige Miethzin« für die Stube — hundert Ducatrn Und dann kommen die Polen und wollen, daß ich sie kurire und ihnen Geld leihe. Aber dann sage ich: Weg! Ihr Hunde." „Und die Sarah?" „Was geht daZ Dich an? Uebrigens — wenn Du so neugierig bist — die Sarah heiraihe ich, und nur goldene Kleider wird sie tragen — noch tausendmal schönere, wie die Gräfin .; ." (Forts, folgt.)

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