Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 43.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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wohlhabendsten Juden der Hauptstadt unterzeichnet sein soll, mahnt stark an bestellte Arbeit. Allerdings möge» diejenigen Juden, welche nicht mit de» Leben» Sorgen zu kämpfen haben, ihr Geschick Mil größerer Fassung tragen können, albte vielen Lausende, welche jüngst durch rigorose Maßregeln an den Bettelstab gebracht wurven. Feuilleton. Wild« Zeiten und milde Herzen. (Fortsetzung.) Herr Eapitän, ich bedauere, weder ans Ihre Abstchtcn eingehen, noch Ihrem Anträge, der vielleicht nur einem vorübergehenden Einfalle, einer unbeständigen und flüchtigen Eingebung entspricht. Gehör gebe» zu können." „Warum suchen Eie, theurer Rabbiner, mich von meinem großen Vorsatze abwendig zu machen? Sie sollten ja im Äegtnlheil mich ermulhigen, durch Ueberredung, durch Gründe mich in nieinein Emschtusie erst recht bestärken. Ja, erlauben Sie mir noch ein» zu sagen, warum haben Sie, edler Menschenfreund, mich denn in Ihr Hau» ausgenommen? Warum haben Sie, Ihre Familie, Ihre Gemeindemitglieder in-gesammt mir so viel Wohlivollen, Freundschaft und Anhänglichkeit erwiesen? Wußten Sie denn etwa nicht, ai» man mich in Ihr Hau» brachte, daß ich eine: von der Ihrigen verschiedene» Religion angehörle? Sie hegen so viel Sorgfalt für meine» Leib und so wenig für meine Seele?" „Um Ihre Gründe in einer so schwierzgen und zarten Angelegenheit zu widerlegen, lieber Eapitän. bitte ich Eie vor Allem, e» nicht al» bösen Willen au»zulegen, wenn ich irgend Jemandem, der seinen Glauben vertäfle» und den unsrigen onnehmen will, meine Dienst« versage. Wohl dürfte schon der Umstand meine Weigerung und die jede» Israeliten erklären, daß wir überall nur geduldet sind, daß wir unwohl hüten müffen, so lieb un» unser Leben ist, den« Hafle einen Borwand, oder sagen wir hier: einen Grund zu geben, in dem man un» der BekehrungSlust beschuldige, un» verdächtige, daß wir auSgehen, Christen von ihren» Glauben abtrünnig zu machen. Aber e» ist nicht nur die Furcht vor de» Folgen, und r» genügt keineswegs, daß wir nicht auf Bekehrung«» an»gehen sollen. Rein, da» Judenthum leistet der Proselytenmacherei an sich keinen Vorschub, e» weist sie sö weit von sich, daß e» überhaupt nur höchst selten, mit großer Vorsicht und Bedenklichkeit, Denjenigen aufnimml, der tn den Urei» der Synagoge eintreten will. Wenn sich bei un» Einer vorstrllt, der zu un» übertreten will, so müffen wir von der Aufrichtigkeit seiner Absichten, von der Festigkeit seiner religiösen Ueberzeugung und von annehmbaren Gründen sür^ seinen plötzlichen Abfall von der Religion, der er bisher augehört hat, überzeugt fein. Wir schieden stet» die Bekehrung hinau», weil sie nicht in unfern Sitten liegt und sozusagen nicht unserm Geschmack« entspricht. Wir sind kein« V«le»sänger, und wenden nicht alle möglichen Mittel an, um einen RichtiSraeliten anzulockrn, dantit er unfern Glauben annehmr. Unser« heiligen Schriften, da« heißt wa» Sie da» alte Testament nennen, unsere erhabenen Gebete, di« sich an de» einen einzigen Gott wenden, nicht an Engel, Heilige, Vermittler zwischen der Gottheit und dem Menschen, gute Werte, Liebe gegen den Nächsten und di« Fremden — da» find unser« Missionäre. Die Barmherzigkeit aber, deren erste ältest« Besitzträger wir find, ist unser kostbarste» Erbtheil, unser Schatz; er ist un» vermacht von unserm Stammvater Adraham, ein Erbtheil, welche» man un» nie streitig machen und Anderen zurrkennen kann. „Hier haben Sie unseren Pentateuch. Lese» Sie, denken Sie über die» hellige Buch nach, so werde» Sie ein« Idee von der Einfachheit und Reinheit der Sittenlehr« de» I Lesen der fünf Bücher Mose» nicht, um Sie-anzulocken, elnzunehnle», zu ,.n» herüberzuziehen. Da» liegt mir ganz fein. Rein, bleiben Sie, lieber Eapitän, in dem Glauben, den Ihnen die Geburt zuertheilt hat, bleiben Sie in ihm, ohne Dieser i« gen zu haflen, welche einen andern bekommen. Seien immer ein warmer Bertheidiger der Duldsamkeit, de» Frieden» und der Eintracht unter allen Menschen." „Wundern Sie sich durchaus nicht darüber, daß Sie hier so viel Zärtlichkeit und Freundschaft gefunden haben, d«>« mir haben daniit lediglich unser« Pflicht der Gastfreundschest gegen den Fremdling geübt, welche die sinaitischen Gesetze un» so oft, so stark und eindringlich vorschreiben: Liebet den Fremdling, denn ihr selbst seid Fremdlinge gewesen in Egypten " „Seil SS Jahren bin ich hier t» Reichshosen, und wä rend dieser ganzen Zeit arbeite ich ohne Unterlaß an dem sittlichen Wohlergehen nieiner Brüder, und ich schätze mich glücklich, dahin gelangt zu sein, hier, wie Sie sehen, eiie Mustergemeinde geschaffen zu haben, welche in keiner Beziehung hinter den grüßten und bedeutendsten der Judenheil zarück steht." Der Eapitän hatte diele lange Auseinandersetzung trit wahrer Andacht angehört; er sagte nach einigem Rachsinnen: „Alsbald nach meiner Wiederherstellung werde ich in meine Heimalh zurückkehren, um da» Besitzlhum, welche» mein« Ellern mir hinlerlaffen haben, zu Gelbe zu machen. Ich werde mich dann in einen« Lande niederlaffen, welcher Re igionSsreiheit gewährt, wohl in Holland. Dort werde ich auf keine Widerwärtigkeit, kein Hindermß stoßen, um da» zu thun, wa» mir seil acht Tagen vorschwebt. Leine Abmahnungen und Vorstellungen werden mich in nieineni einmal gefaßtem Entschluffe irre machen. Sie werden sehen, ehrwürdiger Rabbiner, nicht» wird niich zurückhalten." „Gute Nacht, Kapitän, guter Rath kommt über Nackt. Denke» Sie wohl nach; bis morgen ist Ihr EnthusiaSmu» und Ihre Erregung vielleicht verschwunden. (Schluß folgt.) M i s c e l l e n. Aus dem Leben Baron» Aufelm v. Rothschild. vor einigen Jahren brachte der Baron Anselm den Sommer in einem Badeorte .... zu. Au» lauter Langeweile detheiligt er sich eine« schönen Tage» am Roulette- Spiel und setzte ö Franc». Er gewinnt und nian zahlt ihm den Gewinnst nicht au». Der Croupier, mit der Auszahlung sehr hoher Summen beschäftigt, hat den bescheidenen Sotz de» unbekannten Millionärs völlig vergeffen. Der Baron setzt weitere ö Franc», gewinnt und wird abermals übersehen. Er beklagt sich darüber — und <» scheint un», daß er im Rechte war — rn etwa» scharfen Worten. Der Erouptrr schaut ihn von Kopf bi» Fuß an und heißt ihn nicht so viel Lärm machen; unter Anderem läßt er sich auch folgend« Aeußerung entschlüpfen: Lästige Leute! Kommen hierher, um für S Franc» zu spielen, ur.d machen einen Lärm, al« ob e» sich um den Verlust von Tausenden handelte! Der Sprößling de» Hause» Rothschild, beleidigt durch solche Worte, erhebt sich und ruft: Va banpue! Der Spielaufseher schaut ihn an, lächelt und eriviedert triumphirend: Ei, et, va banque? Recht gerne! Doch zuvor, mein Herr, müffen Sie eine eben so hohe Summe depdniren, al» in b«t Kaffe sich befindet. Der Baron wendet sich um und sieht im Saale cintn der reichsten vanquier» au» Frankfurt. „Wollen Sie für mich garautiren?" „Mit Vergnügen." Die Parti« wurde gesptelt, der Baron gewann 3fiO,OCO Fr. »»d ließ fi» dt» ftvmat der Stadt verthrrten.