Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 41.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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FeuiUeto». Wttd- 3-tte« und milde Herzen. (Fortsetzung.) Der Eapitän bindet sein Pferd loS und schwingt sich behend« »u den Sattel. Da» sonst so wohl zugerirrene Thier pcheut, läuft zurück, und gerälh bi« in die Mitte der Straße, welche der Reiter so eben verlassen hat. Trotz Sporen und Zügel weicht da« Thier noch weiter zurück, dänmt sich bi« zum Ueberjchlagen, schleudert den Eapitain zu Boden und trifft, itm fv heftig niit einem Husschlage unter die Hüfte, baB er sich nicht mehr erheben kann. .Die« geschah dicht am Hause de« Rabbiner« Jakob Aron, welcher in dcmselben gebtieden war. Al« er den verwundeten, blutenden Krieger erblickte, kam er auf die Straße unv sagte zu einem Unteroffizier „nk> einigen Soldaten, welche trotz der Flucht vor de» Kaiserlichen, zu der sie sich gedrängt fühlten, doch herbeieilten, um dem unglücklichen Kameraden beizustehen: „Tragt diese» Man» in mein Hau«, ich werde unterdessen mein« Frau und meinen Nachbar, den alten Zimmer- «ann, rufen, welche bei den« Lerwunveien bleiben sollen, bi« e« in der Stadt soweit ruhig geworden sein wirb, daß man einen Arzt rufen kann, um ihn zu verbinden und sonst nach feine« Zustande zu sehen und da« Erforderliche anzuordneu " Der Unteroffizier, den e« zur Flucht drängte, sprach zu dem Alabbi: „Dieser Offizier ist von vornehmer Familie. Ich sehe mit Freuden, baß er bei braven Leuten ist, die e« bi« zu seiner vollen Genesung ihm an nicht« fehlen lasten werden. Lebt wohl!" Um elf Uhr waren alle Soldaten fort, und gegen Mittag kehrten di« Bewohner von Reich«hofen einer nach dem ander» in ihre Wohnungen zurück. Rabbi Jacob Aron hatte n«u nicht« Eiligere« zu thun, al« den Sladlarzt rufen zu lasten, welcher altbald eiotraf. Der Verwundere war im oberen Stocke in ein Bett gebracht worden. Der Arzt untersuchte ihn, fand außer der Wunde an der Hüfte noch andere Verletzungen anl Kopfe, verband sie und befahl, daß die ganz« Rächt bei dem Kranken gewacht werde 11 muffe. „Bei der schweren Wunde an der Hüfte, sagte er zu den» Rabbi, muß der Mann von einem guten Krankenwärter verpflegt werden. Die Abwartung muß eine sorgfältig«! fein, e« wird sich wegen der durch den Sturz herbeigcsührten Erschütterung wahrscheinlich Fieber einstellen. Ich werde einen Trank bereiten, den chm der Krankenwärter zur vorgeschriedrocn Zeit sehr regelmäßig geben muß." . -Wollten Sie, mein lieber Doctor, mir wohl eine» Ge- „Wa« meinen Sie, Herr Rabbiner?" „Wollten Sie so freundlich sein und wenigstens bi« Mitternacht selbst bei dem Kranken bleiben, damit er nicht ver- »achlässigt wird, und Sie selbst brurlheilen können, ob der Wärter seinen Menst gut versieht?" „Ihre schöne Tha«. inden« Sie einen Fremden, der Ihnen so viele Umstände macht, so uneigennützig aufgenomuien haben, Ihre edle Menschenfreundlichkeit, Ihre HerzenSgüte, init der Eie alle Menschen chne Unterschied de« Volke« und de« Glltuden» lieben, verpflichten mich, Ihren Wunsch zu erfüllen. Wenn Sie «ollen, bleib« ich sogar die ganze Rächt." Beracha ging, nach dein Abzug der Truppen, nach Hause. Ihr Mann kau» bald und fand fl« auf dem Bette liegend. „Da« fehlt Dir, liebe Beracha?" „Richt«, gar nicht«. Sei nur so gut und rufe mir die Mutter." Der junge Mann eilt« zur Schwiegermutter, welch« ihm, iudei« sie gleich mit chm ging, erzählte, daß rin, vor chrem -Hause schwer verwundet rr Kapitän im .großen Zimmer de« ober« Stocke« lieg«. Al« st« zu ihrer Tochter kam, fand sie bald, wie e« «ü dieser stehe, und ließ die Hebamme rufe«». Um neun Uhr Abend« k,un der Arzt, »». versprochenri:- maßen bei dem Kranken zu wache». Der Wärter sagte ihui, daß der Kranke zuwellen zusamnienfahre und irre rede. Er stoße einzelne Worte au«: Die vertrocknete Frucht . . . de junge Frau hat mich behext ... sie packt mü» an der Kehle ... sie erwülgt mich." Bah, fügte der Arzt, da« sind Phantasie», da« giebt sich, wenn da« Fieber nachläßt. Un> zehn Uhr Nacht« kam R. Samuel ganz athcmlo« und meldete dem Schwiegervater mit stürmischer Umarmunz, daß Beracha so eben einen Erstgeborenen glücklich zur Welt gebracht habe. Der Rabbi ging in da« Krantenzinlmer, ux die frohe Botschaft denl Arzte initzulheileu. Dieser drückt« ihm warm die H, nd und wünschte ihm Glück. Niemand wußte noch ein Wort von dem, wa« i» der Synagoge zwischen der jungen Frau »nd dem Kapitän vocgefallen war; Beracha hatte nicht darüber spreche» möge». Am audern Morgen, al« am zweiten Suckothtage, -ging R. Aron, um seiner Tochter zu gratuliren. Beracha sagte >u ihm: „Lieber Vater, habe ich recht gethan, meinem Man ie vorzujchlage», daß er zehn der ärmsten Leute au« Oberbror u zur Brrith-Milah einladc? Diese Unglücklichen sind ganz besonder« heimgejuchl und auSgeplünvert worden, mögen tc denn die letzten Feiertage friedlich bei und verweilen und sich »ach allen ihren harten Leiden einuial bei un« gütlich lh»»." „Da« ist ein edler Gedanke," erwiderte der würdige Vater, „Min Wunsch soll erfüllt werben, Gott schütze Dich und Deinen Neugeborenen!" I» »er Nacht vor Sintchalh-Thora blieben wir bi« Mitternacht wach, nämlich unser Lehrer, R. Jakob Aron, sei» Schwiegersohn der Baal-Berith (Vater de» Klnbe») und ich, al» Mohel. Wir hielten die übliche „Wachnacht" neben t«r Wochenstube, lernten und beteten. Die Beschneidung ging, Gott sei Dank, sehr glück.ich von statte», man war allseitig mit Ulir zufrieden. Ich werde mich zeitlebens diese» frohen Siolchath-Thora-Tage» erinnern. Un» Mittag setzten wir un» zu Tische. Die ganze Gemeilld« und die zehn Armen von Oberbronn nahmen an dem reichen und köstllchen Mahle Thetl, welche» so gleichzeitig den. F.'ste und der Wohlthätigkeit gewidmet war. Der ebenfalls eingeladene Arzt jaß zwischen vevi Kaddiner und dem Gevatter. Er halte eben den Kapitain besucht und versicherte den« Rabbiner, daß e» dem Krank, » ganz gut geh«, die Wunde un der Hüfte werde ihn jedoch noch einige WlÄ»en ans Bett feffeln „Der Mann," fuhr der Doctor fort, „hat einer. Kammer auf deni Herzen, den Sie vielleicht eher al» jeker Andern verscheuche» können, wenn Sie ihn fleißig besuchen, angenehm unterhalten und ihm Jnterestante» oder Erbauliche« zu leien geben. Soviel ich beulerkt habe, hat der Mcmn viel gelesen und ist ein Freund der Lectürr. Er hat nud) s rgar schon gebeten, ihn« ein paar gute Bücher, Geschichte, Retjzdrschrribungru u. dergl. zu leihen, dalnit er sich die Zeit besser vertreibe! Am andern Morgen ging der würdige Rabbiner zu dem Kapitain hinauf und setzte sich an sein Bett. Der Kranke dankte seinem Wohlthäter für die Aufmerksamkeit, mll der man ihm die besten Stücke von dem gestrigen Festmahle grfe»- det hatte. „ES gehl mll Ihnen ganz gut, hat mir der Arzr gt sagt. In einigen Wochen tvird dir Wuyd« auch ganz gehellt fein." Der Kapitain stieß einen Seufzer au», seine Augen füllten sich mll Thränen, und der KriegSmann verfiel pUtzlich in ein förmliche« Schluchzen. Der gute Rabbi ergriff seine Hand, schloß sie fest in die seinige und sagte: „Ich bemerke schon sell zwei Tagen, daß Sie sich einer großen Betrübniß hingeben, einer RiÄergeschlagenheit, deren Grund ich nicht enträthseln kann. Haben St« sich über etwa» zu beklagen? Haben Sie vielleicht augen bllckllch kehr Geld, und macht Ihne» da« Kummer, oder schn lecken IMü Ä« Felsen nicht, die rmr Ihm« bringe»?" (Forts, folgt.)