Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 40.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 333 — Feuilleton. Hast Du die Nacht vorigen Jahre, wenigstens der Ich uns uns Wilde Zeiten und milde Herzen. (Wir recapituliren der neueingelretenen Abonnenten wegen den in Sir. 37 gegebenen Anfang der Erzählung in aller Kürze: Es war im Herbst 1633, im Elsaß wüthete der Krieg; auch die jüd. Gemeinden waren der Plünderung und Lebensgefahr ausgesetzt. An einen Gottesdienst an» Rosch-Haschana und selbst Jom Krppur war nicht zu denken. Die kleine in Rcichshofen, Ober- und Niederbronn wohnhafte Gemeinde hatte sich nach allen Richtungen zerstreut. Da nahte das Suckothfest, ein Esrog war nicht zu beschaffen. In Reichshofen waren etwa 15 jüd. Familien, sie versammelten sich am Morgen des ersten Suckothfesttages beim Rabbi Jacob Aron, (der zwei Söhne, Moses und Selig, von 16 und 12 Jahren, und eine einzige, auch im Hebräischen wohlunterrichtete, seit einem Jahre an den wohlhabenden R. Samuel Joseph verheirathete Tochter, Namens Beracha hatte); dieser sprach ihnen Muth zu, und empfahl ihnen, einzeln und durch verschiedene Rebengäßchen und Hinterpforten nach der Synagoge zu gehen und, wenn auch ohne Esrog, die Festgebete gekürzt, aber in erhöhter Andacht zu verrichten.) (Fortsetzung.) In diesem Augenblicke trat Frau Beracha, welche sich am Abend etwas unwohl gefühlt hatte, ein. Sie trug einen kleinen Gegenstand in der Hand. „Guten Morgen, thrurer 4tat«v!" „Gott segne Dich meine Tochter! gut geschlafen?" „Stecht gut, lieber Vater!" „Süas hast Du denn da, Beracha?' „Das ist der Paradiesapfel vom möchte mich während des Hallelgebetes fehlend«» vier Pflanzen erinnern." Der Vater sagte lächelnd: „DaS ist unnütz, kann nicht» l»elf«n. Weibereinfälle! nicht wahr, mein Kind? Im Bethause wendete sich Rabbi Jakob Aron an mich, da ich gewöhnlich als Vorbeter fungirte, und sagte: „Mein lieber Rabbi Ascher, ich bitte euch heute nichts zu singen, sondern «Fes nur ganz einfach vorzutragen." So verrichteten wir da» Frühgebet in Andacht und möglichster Sammlung. Kaum hatten wir Halles beendet, als man von der Straße her Lärm und Rusen hörte: Rettet euch, fliehetk Sie kommen von Hagenau her. Man sieht sie von Wette»: zu Fuß »nb zu Pferde. In ein paar Minuten sind sie an den ersten Häusern" ... „Geht denselben Weg, den ihr gekommen seid, rief R. Jakob Aron, Eilt dem Walde zu, dort ist die Gefahr geringer. Fort! fliehet." Sin einem Augenblick war die Synagoge leer. Nur B eracha, die von einer Stunde zur andern Mutter werden konnte, mußte nothgedrungen bleiben. Ohne außer Faffung zu kommen, und immer mit ihrem Esrog in der Hand, fing sie an Hallel zu beten, weil sie, noch erschöpft von dem Unwohlsein der vorigen Nacht, nicht hatte mitkommen können. Sie w ußte nicht» davon, daß 150 Reiter und an 250 Mann Fußvolk sich auf Relchshofen stürzten, sie dacht« in dem Augenblick an keine Gefahr, sie betete; sie vertiefte sich von Vertu Vers mehr in die herrlichen Worte, sie betete und sang laut in der gewohnten Weise: „Der Ewige ist mit mir, ich fürchte nicht», wa» kann der Mensch mir thun?" --- «Sie dacht« nicht daran, daß ihr« Stimme draußen gehört, -daß fl« plötzlich unterbrochen werden und übler Behandlung «»»gesetzt sein könnte; sie war ja ganz allein in dem großen Hause de« Vorsteher», sie war verlaffen, da fast alle Bewohner de» Orte», bi» auf einige Greise oder Greisinnen, welche sich zitternd in Schauernwinkeln oder im Keller hinter Fäffer« versteckt hielten, entflohen waren. 'Die ziemlich enge Straße, in der da» vorsteherhau» lag, «trd von sech» jüdischen FamAen bewohnt, eingerechnet den am Ende der Straße wohnenden Rabbi. Von der Syriagoge aus, die vornheraus liegt, kann man den größten Theil der an der rechten Straßenseite liegenden Häuser leicht übersehen. Plötzlich hörte Beracha, welche ihr Hallel noch nicht b:- endet hatte, Lärmgeschrei, ein schreckliches Geräusch, raul>e und entsetzliche Stimmen, da» Stampfen der Pferde, welche man am Eingang der Straße angebunden hatte. Ermuthigt durch ihren Glauben, ihre reine und aufrichtixe Frömmigkeit, und durch ihr demüthiges und inbrünstiges Geb, t gestärkt, sowie durch da» Andenken an ein gutes Werk*), welches sie vor Jom Kippur verrichtet, unterstützt, verlor sie d.e Faffung nicht. Tie Hände gegen den Himmel gerichtet, vor dem Taberr.akel stehend, erhob sie flehend und klagend ihre Summe, jammerte und rief: „O, Ewiger beschütze mich! O, Ewiger, komm zu meiner Hülfe!" Der Ausruf dieses Gebets drang zu den Ohren ein«» Cavallerie Capitains, der vor der Straße hielt und nicht wen^ erstaunt war, in einer Straße, die er vollkommen öde glaubte, eine Frauenstimme, Schmerzensgeschrei, Gestöhne zu hören. Durch die Neugierde angefpornt, zu wiffen, welches der Beweggrund dieser Angst, dieser wiederholten Seufzer sein könne, überschritt er die wenigen Stufen vor der Schwelle des Hauses des Parneß, kam dann in den Hausflur, horchte cm d:r ersten Thür, die den Männern als Eingang diente, öffnete und fand dort, vor dem Tabernakel, eine Frau in Thränen gebadet, in der Hand eine runzlige Frucht haltend. Mit einer großen Einfachheit gekleidet, da» Gesicht halb mit einer, mit breiten Spitzen besetzten Haube verschleieR, wandte sie sich erschrocken und verdutzt um, verneigte sich htflich, und mit einer, vor Thränen erstickten Stimme, sagte sie: „Was wollen Sie, mein Herr, hier an diesem heilige» Ort? Ich bitte Sie flehentlich, laffen Sie da» Herz einer tiefbetrübten Frau vor dem Allerhöchsten ausschütten; stören Sie m.ch nicht in meiner Erbauung." „Gehen Sie hinaus, junge Frau, kommen Sie mit mir. In Ihrem Alter betet man nicht so lange. Wenn man jung ist. Wie Sie, ist man nicht so fromm." „Gnädiger Herr, versetzte Beracha, wir sind hier in ein>nn Gebethause, in dem Gott gegenwärttg ist, und gewiß wird er nicht erlauben, daß man sein Heiligthum ungestraft durch rmgeziemende Worte entweihe. In dem Zustande, in dem Sie mich sehen, werden Sie leicht begreifen, daß ich hier mit meinem Gotte allein sein will. Ihr plötzliche» Erscheinen an diesem Orte hat dermaßen meinen Geist erschüttert, 'daß ich (Sie flehentlich bitte, einer armen Frau und der Frucht, die sie unter ihrem Herzen trägt, eine zweite Gemüthsbewegung zu ersparen, welch« betrübende Folgen haben könnte. Im klebrigen wiffen Eie, gnädiger Herr, daß ich mich bi» auf den letzten Tropfen meiner Blutes verthridigen, und daß ich zu sterben wiffen werde, um meine Ehre zu retten, wie ich mein Leben für meine Religion opfern werde." Der Capitain, der bisher sich in der Entfernung gehali en, versuchte die junge Frau mit allen möglichen Schmeicheliieu zu belästigen, und schon war er im Begriff, sich ihr zu nähern, als Beracha, mit ihrem Esrog eine ausdrucksvolle Bewegung machend, wie inspirirt, folgende Worte auSstieß: „Ich beschwüre Eie, im Namen de» Gotte» Israel», mich nicht anzurühren, mir kein Leid zuzusügen, und diesen heiligen Ort schnell zu verlaffen. — Bleiben Sie jetzt, wenn Sie e» vagen!" Der Eapitain erbleichte, wich zurück, und ohne ein Wort zu sagen, ging er hinaus. Kaum war er draußen, alt die Trompete zum Rückzug blte». „Schnell! schnell!" riefe« einige Reiter. Begebe» wir un» nach Niederburn. Auf Befehl de» Commandanten macht, daß Ihr fortkommt! Bettlet Euch! fliehet!" (Fortsetzung folgt.) arm« wait« au« OWrttm» neu «c(Mb«t; fl« b«. gttswg »ereilte •) 6t« tzatt« nxt arm« wais« au« Oktfam zahtt» «tnti Witt»« Wt«th« unb 5*6ung. J«d«» m bol Mrftta« (ttmfaU au» PrirtOT») Bcab — ~ -ck>, NM,mN»»NM lfCM|IIUI|Mn WU» ffPHfWVHMf füt b«n «attach