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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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von, lassen wir nicht unausgesprochen, daß eS uicher ben Äuhängern dieser Lehren auch eine große Zahl Mä«mk giebt, vor deren geistig« Begebung, lies sittIichui»Griiste Änd stOenger Moral wir alle HochechtunW habe». Neben dies> beten gtschildMen Klaffe» religiös Indifferenter, welche eigentlich den Namen Religionsfeinde verdienen, giebt cs noch eine große Menge solcher, die überhaupt au otftÄ filariUM A«cheil . nttzKien, üt iäiü ik Materiellen Jnlereffen — sei eS, daß es stch um Erwerb, sei es, daß es sich um Vergnügen handle — versumpft sind. Selten werden ne, und dann auch nur durch persönliche Einflüsse, zu einer Beteiligung bei Gemeindewablen etwa aufgestachelt, wo ne dann unheilslos einer ausgegebenen Parole folge». Jai politischen Leben hat man die etwas drastische Bezeichnung „Stimmvieh" hierfür erfunden. Alle diese Elemente gehören nicht nur jüdischen Gemeindeverbänden an, meistentheils auch dort selbst, wo kein Zwang besteht, sondern sie betheiligen sich auch einmal in irgend einer Weise an religiösen Obliegenheiten, freilich in sehr verschiedenem Maße. Während Einige die Gotteshäuser an den „Jomim nauroim“, mindestens Jom Kippur, noch besuchen — sog. Jcmkippurjnden, von denen ein geistreicher Kanzelredner einst sagte, sie geben einmal jährlich ihre Bisitenkarte beim lieben Herrgott ab — thun es Andere nur an ben Tagen der Todtenfeier, oder an den Sterbetagen der Ihrigen. Noch Andere erinnern sich ihrer Zugehörigkeit zum Judenthum nur bei freudigen oder traurigen Familienereignissen, d. i. bei Berheirathungen, Geburten oder Sterbefällen; Einige endlich gehen noch einen Schritt weiter, indem sie die Religion nur auf Trauer beschränken, d. h daß sie nur das rituelle Begräbniß in Anspruch nehmen. Nicht wegen dieses losen Bandes, sondern deinselben zum Trotze ist Keiner berechtigt, solche ai» „außerhalb des Judenthums stehend" zu betrachten, weil unser Gesetz jeden von jüdischen Eltern Geborenen als Juden behandelt, ohne nach Glaubensbekenntnissen rc. zu fragen; und obschon Heißsporne der Partei obiges Wort ausgesprochen, so ist eS doch Nienlandem eingefallen, eS in der That zu übertragen, und etwa irgend einen» Juden rituelles Begräbniß zu versagen, Dinge, welche gerade bei andern Confessionea so ost böses Blut machen; weil eben unsere so oft geschmähten Gesetze Derartiges nicht zulaffe». Wegen der Feindseligkeit oder Gleichgültigkeit dieser Elemente gegen alleS Religiöse, sind sie uieistens geneigt, die Partei zu verstärken, welche mehr oder weniger die religiösen Bande zu lockern geneigt ist. Somit sind wir nun zu den eigentlich kämpfenden Parteien gelangt, welche wir in zwei große Gruppen (mit verschiedenen Unterabthrilungen) zusammenfaffen, die innerhalb der Gemeinden um die Herrschaft streiten. Die eine Partei erklärt Thora und Tradition nicht mehr für bindend, oder doch nur so weit, al» es i h n e n paßt, wa» dasselbe sagen will. Sie verwirft im Prinzip« da« ganze Eeremonialgesetz, von welchem sie die Heranbildung im Laufe der Jahrtausende behauptet, sie glaubt die unserer heiligen Religion zu Grunde liegenden Ideen erkannt zu haben und solche ohue bestimmte Religionsgesetz« bewahren zu können; sie verwirft alle» Besondere im Judenthum und strebt schließlich inhaltslosen philosophischen Phrasen nach, bei denen sich Jeder deuten kann, wa» er will. Dieser Partei gegenüber steht die andere, welch« die Gesetze und Seremomen, sowie sie unS durch Thora und Tradition überliefert sind, unbedingt als bindend anerkennt. welche ab« de» ßyO Hergebrachte, wie e*. {ich ü» Sauft der Jahrhundttt« «eSWjbildet hat, m.'hr od« Geniger mit de» Forderungen, di» unPtr Zeit in Brzutz Wf allMmettie Bildung, äußer« Etichtnung rc. rc. stellen. zu vermitteln sucht. Innerhalb dieser großen Parteigruppen giebt eS wieder Unterabtheilluigen. Bezeichnen wir die zuerst gesthilde rte Pattei als dir Nike, und die Mifctrc dl! die rechte Seile, um uns der landläufigen AuSbruckSweise anzuschließen, so finden wir auf der äußersten Linken Diejenige», welche die oben beschriebe»»«» Grundsätze ihrer Partei ohne Rücksicht ausführen. Stc haben sich vom ganzen Eeremonialgesetz« loSgesagt und von ihrem Gottesdienste so viel als »nöglich alles specifisch Jüdische abgestreifl, selbst die Sprache, welche sie durch die Landessprache ersetzen. Einen so starken Anlaus dies« Partei vor etwa drei Jahrzehnten auch nahm, so blieben ihre Fortschritte weit hinter jeder Erwartung (oder Befürchtung) zurück; auf diesen Grundlagen organisirte sog. Resormgenieinden giebt es blutwenig. Der Einfluß, »velchen somit dir äußerste Linke nicht erlangt hat, ist der ihr verwandte« Partei, welch« »oic die Linke bezeichnen »vollen, zugesallen. Die Führer der L inken stehen im Prinzip« auf demselben Standpunkte, aber sie fürchten, daß viele ihrer Anhänger für deraniges Brechen mit allem Hergebrachten noch nicht reis sind, oder wenn einer der hervorragendsten Führer fast wörtlich anssprach: man muß das Borurtheil der großen Menge schonen, welche noch an gewohnten Eeremonieu im Gottesdienst (es handelt sich um solche, welche sich auf direkte Vorschriften der Thora stützen!) hängt. Da wir daS Privatlebeir hier nicht e»ner öffentlichen Besprechung unterziehen wollen, beschränken wir uns auf die Betrachtung d«S nach diesen Grundsätzen eingerichteten Gottesdienstes. Aeußerlich ist an Stelle der charakteristisch-jüdischen persönlichen Theilnahme jedes Einzelnen ein Exerzierreglement, abwechselnd in Aufstehen und Niedersitzen, getreten. Aus den hebräischen Gebeten, welch« von deutschen Gebeten durchbrochen »verden, ist möglich Alle» entfernt, was an Zion und das einstige Reich Israel» erinnert. Da es aber fast über da» Maß de» Möglichen gerade so viele Ansichten al» Rabbiner dieser Richtung giebt, und da sich jeder berufen fühlt, seiner Gemeinde ein nach seine« Sinne umgestaltete» Gebetbuch zu octrohiren, io hat eben für diese Gemeinden die sonst ganz Israel umschließende Grdetordnuug — Tefillalh Israel — ausgehört, und an deren Stell: ist eine Tefillath Berlin, BreSlau, Nürnberg rc. re. getreten. Nicht nur die», die Mode wechselt, die Rabbinm wechseln, der Nachfolger kaun doch nicht bestehen laffen, wa» der Vorgänger begründet hat, also erneuert oder verändett man die Gebete, wie man etwa einen neuen Rock anschasst, wovcn mehrere Großgemeinden Beispiel« bieten. ^Trotzte« und alledem hätten diese Bestrebungen ohne da» Hinzutreten menschlicher Herrschsucht nicht zum Bruche geführt. In kleine» und mittleren Geu»einden hatten die Rituell-Gesinnten alle Ursache, Frieden zu halt«,», und deshalb in Kleinigkeiten nachzugeben, u« aber die nothwe ndigen Institutionen al» Schechita, Mikwah rc. in der rechten Weise zu erhalten, während die Extrem« der andere» Seite sich entweder von der Verwaltung ganz fern hielte» oder um de» lieben Frieden» halber sich mit den in rituelle- Fragen nach „Borurtheitroolleu" oder «ehr »ach „Sachver-

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