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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 32. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 32.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Vermischte und neueste Nachrichten. Berli». Der CulluSminifter hat zur weiteren Hebung de« Schulwesen« auch sein Augenmerk auf die Verbesserung de» Ledrbuche« gerichtet und unter Anderem bestimmt, daß dasselbe keinen confessionellen Eharacter tragen darf. Münster, 27. Juli. Gegen den heimlich von hier nach Amerika entwichenen geistlichen Akademie-Professor vr. Au- Kst Rohling, Verfasser der «Stigmatisirten in Boi« d'Haine uise Lateau", de« «Talniud-Juden" und ähnlicher «wissenschaftlicher" Werke, ist durch Verfügung de« Herrn Minister« der geistlichen. Unterricht«- und Medicinal-Angelegenheiten «egen unerlaubter Entfernung au« dein Amte die auf Dienstentlassung gerichtete DiSziplinar-Untersuchung eingeleitet. Zuw llntersuchungS-Kommiffar ist der Herr RegierungSralh Miru« dahier ernannt, welcher bereit« den zeitigen Rector der Akademie und den Drcan der theologischen Facultät al« Zeugen vernommen hat. (Wefr. Prov.-Ztg.) Laoeibnrg in Ponimern, 29. Juli. An Stelle de« nach Gnesrn überstedelnden Herrn Rabd. vr. Horovicz ist Herr Rabb. vr. W. Landsberg au« Pafewalk heute einstimmig erwählt worden. Wien, 28. Juli. Rach den, Reichs-Volksfchulgefetze sollen die ReligionSlebrer an den öffentlichen Schulen von den betreffenden Religions-Genossenschaften besoldet werden. Da aber die katholischen ReligionSsonds passiv sind, so hat man die Gehalte der betreffenden ReligioaSlehrer an« dem Staatsfonds anibezahlt. Die iSr. EultuSgemeinde in Wien, welche nach ß 4 des Gesetzes vom 20. Juni 1872 zur Activirnng der Religionslehrer vrrpflichttt ist, verlangte die Besoldung der israelitischen ReligionSlehrer aus dem Staatsfonds; der »iederösterretchische LanteSschnlralh lehnte jedoch in seiner letzten Sitzung diese» Ausnchen ab und referirte in diesem Sinne an da» Ministerium. An« Ungarn. (Etublrichtereien.) Dem Bäckermeister Herrn M. Rosenthal zu Homona wurde vom Stuhlrichter der Auftrag, auch an Sabbnth- und Feiertagen frische« Vackwerk vorräthig haben zu müssen. Hr. R. recurrirte ob solchen Zwange«, durch den er genöthigt wäre, die ReligionSgesrtze zu übertreten, an da« Ministerium. Dasselbe entschied zu seinen Gunsten, wie folgt: In dem betr. Gesetzesartikel » heiße eS nur, daß Bäcker, Fleischer und Rauchfangkehrer ihr Gewerbe nicht nach Willkühr einstellen dürsten. Daß aber die beiden elfteren täglich frische Waare auf Lager haben müßten, dazu seien sie auf Grund dieses Gesetzes nicht verpflichtel; diesem sei vielmehr genügt, wenn die Betreffenden mit genügender und genießbarer Waare versehen seien. — In Tcarnocza ließ der Garamer Bezirksstuhlrichter einen zu einer Geldstrafe von 3 Gulden und obendrein zu 4 Tagen Arrest verurrheilten Juden trotz sofort angemeldeter Appellation in einen — Hübnerfteig einsperren. Dieser neuerfundene Kerker ist übrigens so gemacht, daß der Gefangene in demselben auf drei spitzigen Latten liegen muß, da das Aufrcchtsteben nicht möglich ist. Während dieser viertägigen Hast mußte der Gepeinigte täglich zwei Stunden sogar «barfuß und in bloßem Hemd" in diesem Latteugesängniß zubringen. Die Frau de« Unglücklichen, dessen Körper voll blutiger Einschnitte und schmerzhafter Wunden «bar, hatte gleich am ersten Tage an den Bicegespan telegraphiren lassen, aber umsonst. Der Stuhlrichter rühmte sich überall de« «Spaße«", den er sich mit dem Juden gemacht. Letzterer hat sich nun mi: eine»» Gesuche an den Justizminister gewandt, und dir Untersuchung gegen den rohen Stuhlrichter ist bereit« eingeleitet. Feuilleton. Baron Anfelm Rothschild'» Leiche«, begängniß. Mittwoch, den 29. Juli, Nachmittags, fand in schlichte,: und prunkloser Weise, und bei dem Umstande, daß die Stunde geheim gehalten worden war, auch ohne alle Theilnahme de« großen Publikum« da» Leichenbegängniß des vorgestern verstorbenen Baron Anselm Rothschild statt. Um 3 Uhr versam melten sich im Sterbehause, der Hartung'schen Villa in bei' Hirschengasse in Döbling, die Kinder des Verstorbenen, welche Wien noch nicht verlassen hatten, ferner etwa zehn persönliche Freunde der Familie, zumeist hiesige Bankier». Einige Minuten sptter erschien Ober-Cantor Sulzer, begleitet von dem Rabbiner vr. Güdemann und dem Prediger vr. Jellinek, und sprach am Sarge das übliche hebräische Gebet. Der Sarg stand auf!iem stachen Boden eines großen Parterrezimmers, dessen ganzes Ameublement au» drei Sesseln bestand. Vom eigentlichen Sarge war nicht« zu sehen. Derselbe, aus ungehobelten Brettern gezimmert, war nämlich wegen des Transportes uorschrisismäßig in einem Zinkjarge und dieser wieder in einer großen gewöhnlichen Holzkiste ver chlossen. Aus der Kiste lagen drei Kränze, von den Beamten des Hauses gespendet. Nachdem das ri.uelle Gebet gesprochen war, wurde die Sargkiste von den Dienern in einen ganz geschlossenen, mit zwei Pferden bespannten einfachen Leichenwagen gehoben, der sich in scharfem Trab« über Währing und Ottakring nach t«m Westbahnhof in Bewegung fetzte. In drei Fiakerwagen fclgler einige Bedienstete des Hauses Rothschild, wäbrend die sfamilie in der Villa zurückgeblieben war. Auf dem Bahnhofe fuhr der Leichenwagen direkt zu dem auf einem Geleise bernlstehenden Lastenwaggon. Gepäckspacker der Westbahn nähr reu die Sargkrste vom Leichenwagen und schoben sie in den Wrggon, worauf dessen Thüren zugemacht und die Schlösser mit Plomben versehen wurden. Damit war die Leichenfeier, wen« überhaupt von einer Feier in diesem Falle die Rede sein tarn, beendet. Der Waggon, der die irdische Hülle des hundertfaäzeu Millionärs enthielt, trug die Kreide-Aufschrift: «Mft einer Leiche belastet" und ging mit einem Zuge, der Wien um 5 Uhr verließ, direct nach Frankfurt, woselbst in aller Stille die Beisetzung der Leiche im Familiengrab« erfolgt.- Zu der in dieser Rr. unter «Wien" gegebenen Lebensstizze des Verstorbenen tragen wir hier noch Folgendes nach: Wir haben bereits her, orgehoben, daß Baron Rothschild eine umfassende Bildung sein eigen nannte, die auch in einem regen künstlerischen Sinne Ausdruck fand. Auf dem Todt-mbette noch las er das neueste Werk von Gregorovius über Lucrezia Borgia und ein histonscheS Buch über Lorenzo di Medici. Kunsthändler gingen fortwährend bei ihm ein und au«. In den letzten Tagen machte er noch den Ankauf kostbarer Majoliken, die ihm in das Krankenzimmer gebracht wurtxm. Die Bildergallerie des Verstorbenen repräsenttrt den We>th vieler Millionen; sie enthält werthvolle Stücke fast ausschließlich atter Meister, da ihr Besitzer vor nicht gar langer Znt alle modernen Produkte daraus entfernte. Für die kürzlich in den Räumen des Oesterreichischen Museums veranstaltete Ausstellung von Gemälden aüer Meister hat die Gallerte de« Dahingeschiedenen die werthoollsten und interessantesten Objecte geliefert. Er war ein ständiger Besucher aller Auctionen, oder einer seiner Bevollmächtigten wählte auf denselben die entsprechendsten Gemälde. Der Zug nach dem alten documenttrte sich auch iu den sonstigen Sammlungen des Barons, deren großn: Werth kaum festzustellen sein dürfte. Er war Kenner und Liebhaber für alten Schmuck, - ronce und Armaturen; es wird erzählt, daß Baron Rothschiü» für eine Rüstung, deren Eiselirung von Benvenuto Cellini herrührt, den enormen Kaufpreis von 300,000 fl. nicht scheute. Da« Sttegenhau« seine« sonst so schmucklosen Palais in der Renngaffe birgt werthvolle Mar» morftatueen, und im Veftebule find Ja«pi«vasen au« Rußland aufgestellt.

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