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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 28. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 28.
Article
Beilage zu Nᵒ 28.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Mögt M Israelitischen Wochenschrift. -kr. 88. Magdeburg, den S. Juli 1874. ». IahrgeMA. Wie Schmu« so hinausttef in seiner Herzensangst und berechnete, war noch ü» der letzten Stund« Aller zu taufen sei, überhörte er «», daß Hüftlang immer näher scholl, dt» er sich endlich nur noch knapp durch einen Sprung vor dem Reiter retten tonnt«, der tm Salopp den steilen Weg heruntergesprengt kam. L« war ein blasser Jüngling mit einer Jagdbüchse auf der Schulter — der junge Baron Wladirlau« Polanrti, der eben zu den Ferien nach dem väterlichen Schloss« heimgetehrt war. Sr lachte laut auf, al« er den häßlichen Judenjungen gewahrte, der vor Schreck zitterte und in seiner Angst vergessen hatte, die Rapp« zu ziehen. Dann wandte er sein Roß und ritt langsam auf «Schmule »u, bi« er dicht vor ihm hielt. Dieser drückte sich zitternd an die Bergwand. „Warum hast Du nicht gegrüßt, Du Judenhund?" fragte der junge Baron und schwang die Reitpeitsche. „Well ich.. so er .. schrocken.. war/ stammelte Schmule. Der juime Mensch ließ dt« Reitpeitsche finken und dachte einm Augenblick nach Dann lachte er hell auf. „Also Du fürchtest Dich sehr vor dem Pferde?" fragte er. „Nun — so höre. Du stellst Dich hierher," er wie» auf die Mitte de» Wege», hierher" , wickerholte er zornig und der Junge stellte sich zitternd auf den angewiesenen Platz. „Und von dieser Stelle rührst Du Dich nicht, bi« ich e« Dir erlaube — hörst Du? Weh' Dir, wenn Du einen Schritt tbust" — er griff an seine Büchse — „bei allen Heiligen ich schieße Dich nieder, wie einen tollen Hurckl" Damtt sprengte er wieder den Berg empor, wandte dort sein Pferd und kam blitzschnell wieder den Weg herabgesprengt und grade auf den Jungen zu. Zitternd, in Todesangst, sah dieser da» Pferd herankommen — ein Nebel legte sich vor seine Augen — im nächsten Augenblick sprang er bet Seite und — die Hufe de« Pferde» trafm nur den Korb, den er umgehängt trug und zertrümmerten ihn, daß die Süßigkeiten i« Staube umherrollten. Auch der Knabe fiel nieder, aber nur von der Erschütterung. „Hundsblut — Du hast Dich dort gerührt!" rief der Baron und riß die Büchse von der Schulter. Dann aber besann er sich doch, und begnügte sich, mit der ReitpeUsche rasend ans den Jungen einzuhauen, der sich zu seinen Füßen wand. Bald schlug er mtt der' Gerte drein und bald mtt dem Knopfe. Da schrie Schmule entsetzlich auf, griff nach seinem rechten Auge und sank bewußt«» zusammen. Der junge Baron sprengte davon. Line Stunde später brachte ein barmherziger Bauer aus seinem Heuwagen den noch immer bewußtlosen Knaben mit dem blutigen furchtbar entstellten Antlitz in die Judenstadt und der Mutter in» Hau«. E» soll nicht gesagt werden, was diese dabei litt und wie sie sich geberdete — dergleichen läßt sich gar nicht erzählen. Der Arft wurde geholt und brachte Schmule wieder zum Bewußtsein und wusch and verband seine Wunden. Auch gab er gute Hoffnung auf seine baldige Genesung. Aber das rechte Auge war verlpren; es war au«geronnen und unheimlich starrte Einem die leere Augerhöhle entgegen. Am Tage, al» Schmule zuerst wieder außer Bette war, kam ein unerwarteter Besuch! Der dicke Gregor, der Leiblakai der jungen Barons. Er brachte zwei Dukaten und erklärte, sein junger Herr sei bereit, au« Erbarmen auch den Arzt und den Apotheker zu bezahlen, wenn Schmule von jeder lag« abstehen wolle. Aber dieser sprang wlld auf. „Gch't!" schrie er und sein einzige« Äuge funkelte dabei so unheimlich, daß der dicke Mann schnellsten» gehorch« und daheim rapporttrte: „Halten zu Gnaden, Herr Baron, aber ich glaub«. Sie haben diese« Juden nicht blo« da» Auge hera«»geprügelt, sondern anch de» Lerstand — der Kerl war wie ein Thier." Al» Schmule ausgehen durfte, war sein erster Sang »um Gerichte. Der Gemeindevorsteher erbot sich mtt ihm zu gehen, aber \ ,W. ' .i. o. - •' Schmule lehnte e« ab. „Ich danke Such," sag« er, „ata ich bin kein Kind mehr — der Schlag hat mich plötzlich um zehn Jahr äuer gemacht. Such will ich ja nur metn Recht suchen." Ec ging zum Richter und brach« seine Klage an. Die wurde ausgenommen und der Prozeß begann und wurt« geführt, wie — wie der Prozeß eine» armen Judenjungm gegen einen polnischen Baron in Podoliea geführt zu werden pflegt. Aber da» Urthell kam wenigsten» rasch, schon nach einem Monate. Da wurde Schmule zum Gericht gerufen, un) der Herr Mandatar schr« ihn hart an: „Du hast gelogen Jud! Du bist dem gnädigsten Herrn Baron nicht ausgewtchen, und hast Dich dicht an da» Pferd gedrängt, und da bat Dich die Peitsche unversehen» getroffen. Sei froh, daß Dich der gwidigft« junge Herr nicht wegen Berläumdung klagt, sei chm daickbar! Und jetzt — trolle Dich!" Schmule ging heim. Al« er zu seiner Mutter in die - Stube trat, schrie diese entsetzt aus: „Kind, xoit siehst Du au»? Ist Dir roleber ein Unglück geschehen?" „Ja," erwtder« er, „ein noch größere» Unglück — ich habe mein Recht nicht bekommen können." Dann murmelte er allerlei vor sich hin und sagte tarnt wieder laut: „Ich will thun, wie der Herr Richter von mir verlangt hat — ich will ihm dankbar sein . ." „Sohn," schr« die alt« Frau in Todesangst, „ich sehe e» an Deinem Gesichte — Du wirst Dich in da» iSchloß stehlen und wirst ihn im Schlaf« ermorden." „Nein," erwider« Schmu« und lächelt«. „Da» wäre freilich auch ganz gut. aber dann werden sie mich aushöngen, und wer soll Dich ernähren? Nein — ich muß e» auf andere Art versuchen — ich muß ein reicher Mann werden." „Gott hat Deinen Verstand verwirrt," klagte d« Stattet, und noch heftiger weinte sie, al« Schmu« ihr seinen Entschluß sagte, nach Ezernowitz auszuwandern. Aber er blieb fest dabei. Er verkaufte dak Einzige, wa» sein war und durch seimo^Abgang in der Wirthschaft entbehrlich wurde — fein Bett und sein Bettzeug Dafür bekam er fünf Gulden, weil er noch einige Gebetbücher darauf gab. „3$ werde meinen Gewinnst ehrlich mit Dir theilen," versprach er seiner Mutter beim Abschied«. Mt den fünf Gulden ging er nach Ezernowitz und kaufte sich dort einen kleinen Kram von Zündhütchen, «Seifen, Pomaden und Federn und haufirte damtt in den Gasthäusern und auf dm Gaffen herum. Und weil er unermüdlich war und für sich selbst fast gar nicht» brauch«, so konnte er nicht nur seine Mutter unterstützen, sondern auch etwa« zurücklegen. Nach zwei Jahrm war er so wett, daß er diesendandck aufgedcn und einen anderm einträglicheren beginnm konnte. Er wurde nämlich ein „Dorfgeher", was ein furchtbar mühsames Gewerbe ist. So ein Mensch wandert mtt einem großen Pack auf dem Rückm, in dem sich Alles findet, wa» Bauer» brauchm könnm, von Dorf zu Dorf und von Jahrmarft ja Jahrmarkt. Er wird meist nicht in Geld bezahlt, sontern in Früchten und Fellen. Aber eben dadurch wird da» Gewerbe einträglich. Nachdem er drei Jahre Dorfgeher gewesm, kehrt« er zur Stadt zurück und eröffnet« in einer Risch« am Marktplatze einen Laden von tausmd Kleinigkeiten. Auch die» üleschäst gedieh, und er konnte bald ein ordentliches Gewölbe mieche» und seine Mutter reichttcher unterstützen. Aber er selbst «bte nach w« vor fast nur von trockenem Brode und gönn« sich höchstmS am Sabbath ein Stücklein Fleisch. Als er 23 Jahre alt war, zehn Jahre nachdem er von Z. gegangm, starb seine Mutter. S« starb in seinen Arme». Als er sie begrab« hatte und d« achttägige Trauerzeit vorüber war, kehr« er »ach Ezernowitz zurück. Der Zufall füg« e«, daß bei der Ansfahrt nach dem Städtchm der Baron Wladtstan» PoltttM in Aänzendem Phaeton bei ihm vorüber- ♦v

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