Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 26.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Me vermöge ihrer glänpnben Gaben ju nicht «wHnfichpm C' "schaftlicheu Eianuffe gelangen. Annette spielt jn dem kreise der Waldfriebscheu Faytjlie eine ähnliche Rolle, wie sie zu Anfang diese» Jahrhundert» den jüMschen Damen der glänzenden berliner Salon» zu Theil wurde. Besonder» witzige und auffallende Bemerkungen sind ihr in dpn 4Huyd gelegt, und obwohl man ihr im Ganze« mit viel Achtung und Liebe begegnet, dauert e» lange, bi» sich z. B. Waldfried an da» ihm Fremdartige in ihrem unruhigen, lebhaften Wesen gewöhnt. Obwohl längst getauft, wird sie von den weniger gebildeten Hausgenossen immer noch al» Jüdin angesehen. Er ähnlich ist die Art, wie sie die» an einem Gespräche mtt dem oetben Rochfttß, Waldsrieds Knechte, erfährt. (I -21 ff.) Nicht» EoufejstonelleS im Sinne habend, bat sie den Letztere» und Martella (die im Walde ausgewachsene Pflegetochter) sie al» Ihresgleichen zu betrachteil. Da sagte Rothfuß: „Ich bi» mit M» Jllden ganz gut; ich mache keinen Unterschied. Da wo ich her bin, da wohnen auch mele Juden, und sch bin ganz gut Kamerad ich) ,Hyep aay-feu. Zwei, de» schlappeden Mendöl's Elje und de» rochen Her^s Jokes, haben mit mir im selben R^iment gebient, und in meinem Dorf war ein Prachtmöble, «an hat'» da» Schönte geheißen, stark und gesund und luftig, e» hat gern mit mir getanzt, und wenn ich hätt' heirajchW Zöimen, die hätt' ich haben »affen, und sie hält' mich auch genommen. Sie können mir'» glauben. — Sie sind eine gescheidte Frau, mit Ihnen kann man Alles bereden Ja so ffft, mein erster Schatz ist eine Jüdin gewesen. — Und der Pferdehändler Meyerle, der kommt auch oft zu uns. Er sieht Ihnen gleich. Ist er verwandt mit Ihnen? Ich dutze mich »rit ihm. — Die Juden sind in allen Dingen gerade so wie wir. Nur eins können sie nicht, sie können nicht trinken, und sie thun'« auch nicht; aber sonst sind sie gerade wie wir. Raffer gl» naß kann kein Mensch werden." „Und du, WzuMa, frag'e Annette, wie denkst du denn von den Juden? — Ich? Ich denke gar nicht von ihnen, ich will nichts von ihnen. Im Walde haben sie immer gesagt, meine Mutter muß eine Jüdin fei«. E» ist aber nicht wahr — E» erregte bei den Andern viel Erstaunen, als Annette die» Alles selbst erzählte »nd hinzufügte: „Man macht doch immer neue, intereffante Wahrnehmungen. Rothfuß und Martella betrachten sich al» Religion»adlige und laffen mir ihre Gunst angedeihen. Ich nehme sie dankbar an." — Mit Elchen und vielen ähnlichen Zügen läßt Auerbach diese seineLiedlingsheldin als einen trotz manch« Eigenhetten lpbenSwerthen und Hnmuthjgen Ehayrkt« erscheinen. Ja, sie ist vielleicht die Einzige unter den Personen in „Waldfried", welche vor den Äugen des Leser» und zur Freude der übrigen Personen sich entwickelt und läutert. Hören wir noch einige Aeußerungen über sie, in denen manche jüdische Leserin gern oder zögernd sich selbst « kennen wird. „Anfangs hatte Annette durch Uebnbieten an Putz und Aufwand die Gesellschaft bezwingen wollen. Sie lieh sich aber von Bertha — ihrer Freundin — dazu bewegen, durch Einfachheit und Selbsthaltung, ohne Umschau und Hetzjagd nach besonderer Beachtung die gerechte Würdigung zu gewftmen." (I, 84) — Eie hatte viel gelernt, hatte auch ein gebildete» Urtheil, aber sie hielt da» für ein Genie, für ein Hervorragen über das allgemeine in der Bildungswelt vorhandene, und Schmeichler uiä> Spötter bestärkten sie darin (id.) — „Am stillen unbemerkten Besitz, an lautlo« gehegter Empfindung schien sie sich nicht erfreuen und genügen zu können. Eie wollte immer, daß Andere mitgenießen, an ihren Talenten und Betrachtungen sich erfreuen, wie sie auch immer wollte, dckß man bei ihr speisen sollte; und that man'», so ließ sie keine Ruhe, bi» man die Speisen, die sie trefflich zu bereiten verstand, laut lobte." — (95) Sie konnte bö» werden, wenn man sich nicht von ihr beschenken ließ. E» giebt Formen, unter denen selbst eine Tugend abstoßend erscheint. Annette lttt — ich kann'« nicht ander» sqaen — an der Helfsucht (97). — „Da» lebbafte, energische Wesen der schön««, hohen, Mauken Frau wirfte ermunternd, «nd ich muß sagen, Hgewann von damals eine andere Anschauung von Amwtte. «s i ist etwa» von jener Kraft der ^lbkrLilft in ihr, die eine besondere Eigflcheft der Juden ist. tUech«« «chH durch ihr Herkommen und müssen Alle» au» sich machen" (177). — Gustave, Waldfrieds Frau, sagte ihr einmal: „Kind, Sie ha, den keine rechte Distanz zu dem Menschen. Sie rücken Jeoem, ses «»- ein Mensch wie Rchbsuß, in>ie Duznäbe (ILim — And Ludwig, her äueste Sohn, sagte, al» Annette etrmal mit viel Wärme die verstorbene Gustave geschildert hatte: „So äußerlich, wie innerlich. Diese Frau erscheint Anfang» ticht au-nehmend schön; aber von Tag zu Tag findet man sie schön«" (id 112). — Mehr als Staffage erscheinen in Waldfried noch einzelne jüdische Persönlichkeiten. So der Eisenhändler Eduard Leot (ein Kamerad von Ernst, Waldfrieds Sohn, dem er zur'Flucht half), welcher mit wenigen Strichen gefemyeichnet wird: „Gr benahm sich verständig und zurückhaltend (es ist die» scher ein abwehrender Seitenhieb auf die >wn allen Romanschreioern so gern MLsgemalte und ausgebeutete jüdische Aufdringlich!!eit). Er suchte nichi zu erklären und nicht zu trösten, sondern erzählte einfach den Vorgang" (von Ernstes Flucht) (!, 244). — Offeuheimer läßt seinen Sohn auf dem jüdischen Friedhof eine» elsässischen Dorfe« begraben und meint: „ES ist vielleicht gut, wenn hier ein pichen ist, daß auch wir redlich und freidig mitgekämpst. Vielleicht wirkt e» besänftigend auf unsere w ueu LamSleute jüdischen Glaubens, die ,penstig sind* (UI, 82). Rach dem Begräbniß kam der Radom« de» Orte» und dankte für die milde Stiftung, die zum Andenken degefallenen gemacht war. Ein Wort, das der Geistliche dann roch sprach, traf mich — Waldfried erzählt, — tief in’» Herz; « sagte: der trällernde Bat« w«de Trost finden; denn der ikalmud erkläre, d« Erzqat« Jakob konnte sein Leid und seine Thränen um den v«lorenen Sohn Josef nicht füllen, wei!. « jf ftp daß d« Sohn noch lebe. Um ein Todtes oerwest auch der Schmerz, wenn der Todte zu Erde gewoüxn: um ein lebende» Bttlorene» lebt d« Schm«z ständig fcrt." (III, 86). Auch sonst muß hje GesjWfe Josefzu ^Ungleichen herhalten. So bei Ludwig'», de» amenkamschen Sohpe», Ankunft. „E» war ein Samstag, und die Juden des Städtchens pflegten sich an d« Station herumzulreiben. Al» wir endlich weggingen, kam der jüdische Lehr« auf mich zu und sagte: Herr Waldfried! Auf Sie paßt bex Ver» in d« Bibel, wir Jakob seinen Sohn Josef mied« ficht; da heißt e»: Dein Antlitz zu sehen Hab ich nicht mehr gedacht, und nun zeigt mir Gott da» Antlitz dein« Kind«. Sie sollen Alle mit einand« gesegnet sein! Die Anrede de» alten kleine« Männchen» that mir tief wohl" (II, 39). Schließlich sei noch «in Zug erwähnt, deffen Träg« zwar kein Jtlloe ist, in dem aber b« Reserent wenigsten» etwa» echt Jüdische» zu erkennen glaubte, die jüdische Heiligung de» Almosen», de» Wohlchun». „Pater — sagte der eben «wähnte Ludwig — ich habe dir nicht» milgebracht; ab« ich weiß, deine größe Freude ist, Wohlthaten zu üben, und so erlaube mir, daß ich diese' Summe in deine Hand lege, damit du sie nach Gutdünken verwendest. E» geschieht mir ein Gute», wenn ich e» durch dich thun kann. Da die Mutt« nicht lebt, muß.jch AchHtÄl/'.A, iß)- Daß unter allen diesen Stellen sich feine Aeußerung Iber Judenthum findet, kann bei Auerbach nicht Wund« nehmen. Ta» Judenthum al» pofiüve Religion findet ebensozvenig wie die andern Religionen eine Stelle in der Weltanschauung unsere» Autor» und d« Personen, denen n seine Ansichten in den Mund legt. Darüber an dies« Stelle mn ihm zu reckNen, wäre unpaffend und üb«yaupt nicht von Nutzen. ßx<»en wir un», daß d« Jude, welchem e» gelungen ist, da» erste und vielleicht auch beste Bist» d« letzten großen Entwickelung Deutschland'» zu liefern, mit kundig« Hand und ünverknmbarer Sympathie auch au» dem Leben sein« Stammergenoffen einige Striche und Töne zu seinem iSilde geholt hat. En ist ein schöne« Zeichen d« Zeit, daß ein jüdisch« Schriftstell« sich nicht zu scheuen braucht, den Juden gerecht zu wert»«.