Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 21.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 21.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mage M Israelitischen Wochenschrift. 9tt. 21, Magdeburg, den 21. Mai 1874. S. Jabrga»,,. Feuilleton. DaS Mädchen von Tanger. (Fortsetzung.) Steh« aus, o Unreiner, und höre auf die Worte des Herrn. Der Ulte richtete sich mühsam in die Hohe. Du weißt, Hachuel, sagte der Kalo, daß vie Reisekosten Deiner Tochter Dir zur Last fallen. Du wirst mir morgen fünfzig Mttzakel dringen. Der Jude starrte ihn entsetzt an. Erbarmen, gnädiger Herr, stainmelte er endlich. Ich schwüre es Dir. bei den Gebeinen meiner Mutter, sie ruhe in Frieden, daß ich kein Geld habe — ich habe selbst Schulden machen muffen um — Er hielt verwirrt inne. Wir kennen das, versetzte der Kaid vcrächllich. Du versicherst, daß Du kein Geld habest? Gut, ich glaube Dir. Hör aber auch meine Versicherung: Wen» Du innerhalb zweier Stunde» nicht fünfzig vollwichtige Mitzakel zur Stelle schaffst, so bekommst Du fünfhundert Hiebe auf di: Fußsohlen. Und nun fort mit Dir! Rur noch ei» Wo«, gnädiger Herr, rief der Alte, die Hände auSftrrckend. Wen»' es mir wider Erwarten gelingen sollte, diese große Summ« auszutreiden, so gestatt« nur doch, me,n Herr, ich flehe bei Seinem Barle, mein Kind auf der Reise zu begleiten. Psß-tM>Ü<HOMe Maure- und Tod «me» jeden Jude«, der sich ihr unter Wegs nur auf zehn Meilen zu nähern wagt I , $i«fc Botschaft brachte Hachuel seine,» christlichen Gönner. Nachdem er Wo« für Wort seine Unlertedung mit deni Gouverneur berichtet, sank er, nicht mehr int Stande, sich ans den Füß«f>zif'hüM> auf dät Boden nieder,-setzte sich und legte fein greises Haupt auf di« Knie. Don Jose ging zornig im Zimmer.auf und nieder. Endlich blieb er vor dem Allen stehen, betrachtete ihn lange und legte chm die Hand auf die Schulter. hachuel, sagte er, was gedenkst Du' zu chun, mein Freund? Der Jude blickte stumpfsinnig auf. Richls, ermcheA er MrloS. Wo soll sch in zwei Stunden eine jolcsst Sumuir hernehmen? Sie werden kommen und mir das Haus ausplündern, sie werden mein bischen Armuth aus dir Straße werfen, und ist doch Alles keine zwanzig Mtzakel werth. Dann wird uian mich nehmen und so lange schlügen, bis meine Seele sich losreißen wird von diesem Leibe und aufsteigen zu dem, ber sie geschaffen. Und das wird gut sei». Mäg Alles zu Grunde gehen, wenn ich doch mein Lind zum Opfer hergebeu muß. * Gorutzig». Dich, mein Freund, entgegnet« der Spaaier »uh«, bi« Sache steht sc schlimm nicht, wie Du glaubst, ßr «errälherisch« Rau« muß ohne «ein Wissen an den hjer appegirt Häsen, aber dadurch gerade har er uns ge- Mulei Ldderrahman ist nach allen Nachrichten ein lmülhiger und aufgeklärter Man», von dem wir da» Veste so düsten. ^Schcht baß er das>Mädchen selbst sehen will, «es ÄicKt?l M um R« fünfzig Mitzakel sei uumelde den Deinen die gute Nachricht; dann komm zurück und bring dem alten Raudlhier seine Beute. Erlaß es mir zu schildern, wie nian am folgenden Morgen noch vor Sonnenaufgang daS Opfer des Fanatismus aus seinen, Kerker zog. wie die Diener des Gesetze» di, Gefeffelte auf Vas Maulthier banden, wie die unglückliche sZamilie nur aus eineui Versteck die Abreise ihrer Geliebten mit ansahen und mit Thränen und Segenswünschen begleiten tnrfte. Jsachar hatte beschloffe», ihr heimlich zu folgen. Ab,r er mußte den Bitten der Müller nachgeben. So übernahin es ein Freund ber Familie, sich den Reisenden unter Weg,- wie zufällig anzuschließen, um daS Loos der Gefangenen zu erleichtern und den Ihre,, wenigstens Nachricht von chrem «Schicksal zu geben. Sechs Tage dauerte die beschwerliche Reise über Berg und Thal, in dem Gluthstrahl der afrikanischen Sonne Die Nächte brachten sie in den am Wege liegenden DuarS zu, de, Zeltdörfern der Beduinen, vor deren Wulh die Jüdin nicht selten durch die Wache geschützt werden mußte. Der gut: Gerschon, der sich scheinbar aus Furcht vor Räuber» den Schutz der Soldaten erkauft Halle, konnte wenig helfen. Er bekam selbst mehr Prügel, als ihin lieb war. Daran war <r als Marokkanischer Jude gewöhnt und achtete dessen »ich:. Er war glücklich, wen» auf seine Benlühungeu «in dankbares Lächeln das Antlitz der Gefangenen erhellte, deren Keblud und Sanflmuth selbst den rohen Soldaten Achtung abnöthizte. Au, Thore der Hauptstadt trenate sich Gerschou von seinem Schützling. Sie fühlte sich ganz verlassen. Dafür schloß sich ihnen ein fanatischer Pöbelhaufe an, der ui»ter wildem Gebrüll den Tod ber Jüdin, die den Islam oerrathen, forderte. Äengstlich blickte sie über die Köpfe der Rasenden nach den stattlichen Kaufleute», die mit der Pfeif« in der Hand in ihren offenen Läden saßen »nd neugierig hinaurküheu. Mancher warf ihr «inen »litleivigen Blick zu. Manch« zog bedeutungsvoll den Finger um die Kehle Da» jchnierztr sie. Was wa«. die Qual des Kerkers gegen den unverdienten Haß? Gut, daß sie auf dem Thiere angebunden war. Als die Soldaten vor dem Hause des Kadi ihre Fesseln lösten, tag sie bewußtlos am Boden. Der Kadi von Fez. ein wahrhaft frommer und humaner Mann, empfand Mitleid mit der Unglücklichen; er ncchm sie in seine Familie auf statt sie in» Gefängnis zu schicken nab führte sie, nachden, sie sich erholt, auf kaiserlichen Befehl »ach dem Palast, denn brr Sultan wollte sie selbst sprechen. Sie ritten durch die anmuthig mit Wein üderrankle» Straßen der Altstadt nach Reu-Fez, der Residenz d«S llaljers Al« sie in dir Leidenhändlerstrahe kamen, wo das Auge oo» der Pracht und Mannigfaltigkeit der goldgestickten iüaare» geblendet wird, sagte der Kadi: Du hast zwar, o Tochter, auch heute ein schwarzes Kleid zu Deiner Tracht gewählt, aber ich weiß, daß Du im Herze, nach jenen golddurchwirkten Stoffen Verlangen trägst, den» Du bist ein Weib. Die» ist die Tracht, entgegnete sie ruhig, zn der Ihr un» verurtheilt habt. In jenen Pruickgewändern wäre ich ein Dorn in den Augen meiner Eltern. Der Kadi schwieg. Wie sie sich den hohen Portalen näherte», unter denen Soldaten aller Waffengattungen um plätschernde ßpringbrunnen läge««», nahm er wieder das Wort. Du wirst nun vor da» Angesicht des Beh««sch:rs der 'Gläubige» treten, sagte ervor de» mächtigen Mollarchen, der im Schatte« des majestätische» Sonnenschirms fitzt, ■tefelM ff*-