Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 9.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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-1» hilfsbedürftiger Lage befand, sei es durch einmalige Unter- -ützung, oder durch ei« Jahrgeh ilt, die Sorgen zu ^erleichtern, damit er freier feinen wissensckafltichrn Arbeiten leben könnte. Einst ging ich mit ganz besonders frohen Erwartungen zu idm; ich wußte, daß ihm vorzugsweise angenehm sein würde, »eine Bitte zu erfüllen. »Rn« wahaben Sie, lieber Freund?" ries er mir in hellerer Zuvorkommenheit entgegen, da er meine Absicht wohl merken niochte. »Wir haben eine Verpflichtung zu erfüllen, Excellenz, gegen einen allen Algebiaiku», einen jüdischen Mann. Ich habe erf.ihreu, daß Meier Hirsch sich in einer sehr traurigen Lage befinde", autwortete ich dem Minister. »Wie," rief der freundliche Herr, »der Verf-isser der vortrefflichen alg.braischen und geometrischen Ausgaben leidet doch nicht Roth? Eilen Sie zu ihm. Ein Mann, der sich «m den Unterricht aus unseren höheren Lehranstalten solche Verdienste durch s-ine musterh fielt Exereitien erworben hat, verdient ein Jahrgehalt. Ginge Meier Hirsch zu Grunde, <s wäre eine Schande für uns!" Da« hatte ich vorausgeicbe», und nach kurzer geschäftlicher Rücksprache steckte ich ein Päckchen Kassen,inweiiungcn zu mir und ging ohne W-ilerezu dem berühmten Rechner und Mathematiker. Meier Hirich wohnte in der Spandauerstraße auf dem Hose, die Rümmer de« Hause« weiß ich nicht mehr. Ich schritt über den Hof und stieg dir beiden Treppen hinan. Dir obere niündete in am» langen Gang, an desieu einer Seile einige Lildisenster und an lassen anderer Seite die Tdüeen zu den Wohnstuben waren, über denen kleine Fenster weiren. durch die diese Wohnräiime einige» Licht vom Hose erhielten. Die letzte dieier Tvüren war der Eingang zu Meier Hirsch. Mit bangem Vorgefühl klopfte ich an; nach einign> Hüsteln rief eine schwache Stimme: „herein!" Der Menschheit ganzer Jammer packle mich an. Lange Jahre schon batte ich ans ineinen Wanderungen durch die armseligen Wobiistüllen armer Gelehrten manchen traurigen Aufenthalt gesehen Sie ersrenien sich indeß alle noch de« Licht« de« goldnen Tage», aber diese zivei Treppen hohe Grube empfinq die kümmerliche Beleuchtung nur durch die kleinen vor Schmutz »»durchsichtigen Fensterchen über der Tdüre. Auch die Gestalt de« allen Manne«, welcher der Tbür gegenüber ans einem Stuhle saß, g ich mehr einer Mumie, al« einem IrtvnMi Wen». Er war in einen abgetragenen, bis a» den Halt zugeknöpfte» Rock gehüllt, trug eine au« Tuch grob zusamniengenähte duntle Mütze und betrachtete mich mit kal.em, auSdrucksloiem Blick. Es war da« Auge eines Greift», der a » einer stillen Welt, die nicht« mit unserer geräu choollen Wirtlichieii gemein har, gelassen und theilnahmslos schaut. Er erwidcrte meinen freundlichen Gruß nicht eben in üblicher Wci,e. Ohne da« Auge von mir abzuwenden niachte er erst nach Vetlauf einiger Zeit ein halb und halb wo! lwollendes Zeichen mit der Hand, mich auf den in der Kammer noch befindlichen Stuhl nicderzulassen. Das übrige Mo, ilar be„and in einem dürftigen tott und einem kleinen Ti chänn; eitlen Bücher,chrank in der Ecke bemerkte ich erst, als sich mein Auge an die Dänimerung des Orts gewöhnt hatte. Mcier Hirsch sah mich niit unbeschreiblicher Ruhe an, in seinem wir versteincuen (Rsicht lag etwas Monumentales, ohne Spur lebendigen In «reffe». Es wurde mir peinlich, diesem Manne gegenüber, der so wenig zn vertraulicher Mittheilung aufforderte. mein Anliegen vorzubringen. Ich theilte ihm end- Sch mit, daß wir im Ministerium erfahren hätten, seine Lage äre nicht von der An, um ihm zu gestatten, sich sorgenlos seinen «tssenichastlicheu Arbeiten zu widmen. Der Minister silhötz« sei»»« Verdien,ie und ,ei mit Vergnügen berest, durch et» ehrenvolle« Jahrgehalt ihm dt« Sorge» de» Leben» zu «rietchleru. Auf Meier Hirsch schienen meine Wort« innen Eindruck zu machen, er verändere weder Blick noch Miene, und erst nach einer Weile sagte er mit klangloser Stimme: »Ich brauche keine Hilfe, ich sänke für Ihr Geld." »Run ich 'ehe ater doch" — sagte ich erstaunt — „daß Sie nicht in Ueberfluß leben. In Ihren Jahre» würde Ihnen ein gesünderer Aufenthalt und einige nothwendige Bequemlichkeiten gewiß sehe wohl thun." »Ich habe keine Bedürfnisse und brauche keine Hilfe", sprach er tonlos, und als wäre er schon ermüdet von langer Rede. »Sie wollt» aber doch arbeiten. Sie brauchen dazu theure wiffenschisliche Werte, so verwenden Sie das Geld, das Ihnen in besten Ehren geboten wird, wenigstens dazu", erwiderte ich in fast bittendem Tone. Meier Hirsch wie« ohne ein Wort zu sagen ablehnend nach dem Bücherichrank. Ich folgte mit dem Blicke und sah jetzt erst seine vortreffliche Sammlung klassischer Mathematiker. t.eberrascht von diesem Anblick verlor ich den Muth zu weiteren Vorstellungen. Ta zuckte in dem statuarischen Antlitz des Grefes eine schwache Regung aus, und mit einem gewigen Ausdrucke des Tankgefühls und der Resignation sagte er: »ich brauche nichts, nichts von der Welt und den Menschen, ich bin zufrieden." — Und erschöpft, als hätte er nun fein ganze« Herz ausgeschüttet, nickte er langsam mit dem bedeutsam:n Haupte und machte eine kurze Handbewegung, daß er nicht weiter gestört sein möchte. Dann war es, als ob sein offenes Auge nicht mehr die armselige Umgebung sehe, sondern den Eindruck von Innen aussteigender Gebilde und Abstraktionen empfinge. Er schien mich, obwohl ich noch nahe vor ihm stand, ganz aus seinem Sehefelde verloren zu Halen und blickte still in das Reich der Unbekannten x. y. Hiermit endete die Erzählung. Wann dieser Besuch stattgesunden hatte, wußte sich der Besucher nicht mehr genau zu erinnern. Di> Bücher aber, von denen die Rede war, bildeten eine kl, ine Bibliothek, eine Auswahl der vortrefflichsten der mathematischen Literatur. Sie waren die Quellen, aus denen Meier Hirsch in lichten Tagen Nahrung und Leben gezogen, und di: bloßen Namen der Verfaffer geben noch heute eine Vorstellung von seiner geistigen Eigenthümlichkrit und charakterisiren ihren einstigen Besitzer. Diese Bücher waren die einzige materielle Habe, die Mcier Hirsch hinterlaffen. Sie erinnert an Keopler, von dem eS heißt, daß er bei feinem Tode nur einen Rock, zwei Hemden und Exemplare seiner Ephemeriden und rudolphinischen Tafeln zurückgelaffen habe. (Schluß folgt.) Miscellen. RiLmänifche Schulzustände. in Rumänischer Pope hielt neulich folgende Predigt: ,.M ne Brüde:! Wer zwei Kühe hat. soll alle zweie einsp i.i.un, wer nur eine hat. soll sie mit der einen Kuh eine- Anderen zusammen einspannen, und morgen für Se. Gnaden, den Schulinspe:tor, pflügen; er verdient es, denn er kommt nie zu uns, obgleich fein Besitz im Nachbardorf liegt; er zwingt uns nicht, unsere Kinder in die Schulen zu schicken, und Schulen zr bauen, wie deren in vielen anderen Dörfern sind. Wir körnen die Kinder da« ganze Jahr iindurch benützen und düifen ihm daher schon einen Tag widmen. Wer morgm nicht pflügen geht, den zeige ich Sr. Gnaden an. und dann muß er sein Kind in die Schule schicken und nicht allein Schulgeld, sondern auch für di« Hütung de» Vieh'« zahlen."