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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 47. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 47.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Di« 3«Im in Algier vor drei Jahrhttnbetten nnb heute. Heinrich ton Maltzan berichtet im „Globus" über «ine« älter« spanischen Schriftsteller Fray Diego Haebo, der vor etwa 800 Jahren über die Bewohner Algier» geschrieben, und berichtigt unter Anderem auch dessen mannigfache, vom katholisch-fpanisch-fanatischen Standpunkte au» nitdergefchriebeae» gehässigen Urtheile über die dortigen Juden. M. zeigt stch hierbei al» einen über die jüd. Verhältnisse jener Zeit gut unterrichtete» Anwalt der Juden, und verdienen seine Widerlegungen Wiedergabe in jüd. Blättern. »Di« dritte Klaffe der Bewohner Algier»," sagt Haedo, »find die Juden. Bon diesen schändlichen Ungläubigen find viele au» Spanien oder den Balearen au»gewand«rt (bei der Zwangkauswanderung unter Jsabella und Ferdinand dem Katholischen), andere find in Afrika gebürtig. Alle leben, wie e» Brauch überall ist, von irgend einer Art de» Handel« oder der Industrie! Die Meisten haben ihre Läden, wo sie Sperereien oder Stoffe feil bieten. Einig« aber hausiren oder verkaufen in den Straßen, die sie mit einem Sack auf der Schiller, worin ihr« Waare ist, durchziehen und dabei den Ruf au»stoßen: »Kauft! wer will kaufen?" Sie machen auch große Handelsreisen, gehen bi« nach Tun>», Tripoli«, Alexandrien, ja bi» nach Eonftantinopel. Fast alle Goldardeiler Algier« sind Juden. Alle algierischen Münzen werden von Juden geschlagen, welche vom Staate dazu autorifirt sind. Die Juden Algier» leben in zwei abgesonderten Quartieren, von denen jede« etwa ISO Häuser zählt. In jedem Quartier befindet stch ein« Synagoge, wo sie sich am Sonnabend versammeln und chre Fest« sehr gewissenhaft beobachten. Di« ganz« Gemetnde zahlt dem Pascha «ine Steuer von 000 Goldthaier, aber sie sind außerdem noch manchen Erpreffungen «»«gesetzt. Sie haben einig« Rabbiner, di« aber sehr unwiffend find und den Knaben kau» etwa» Andere» beibringen können, al» ein wenig hebräisch lesen." Segen dies« Beschuldigung «endet sich Maltzan zunächst, er sagt: »Hier ist Fray Diego ganz aus dem Holzweg« und zeigt, daß er von der Hebrägtogt« auch nicht dt» geringste Ahnung hatte, wa» »ir ihm freilich nicht verübeln können, denn die katholischen Geisttichen jene» Zeitalter« waren Alle ebenso unwiffend wie er. Ader warum denn darüber schreiben und die algierischen Judeu der Unwiffenheit beschuldigen? «ir wiffe« nämlich an» anderen Quellen, daß gerade in jenem Zeitalter di« Synag »ge von Algier mehrere gelehrte Rabbiner besaß, deren et- »tgr Werk« verfaßt fcofa» welche n»ch heute unter den Juda« gelesen und geschätzt «erden. Unter den au» Spanien »ad den Balearen auSgewa aderten Juden befanden sich mehrere »««Haft« Belehne, welch« freilich in Haedo'« Zeit schon »«rslorben sein mochte», dt« aber viel« Schüler au»gebtldtt »ad der algtertfche« Synagoge überhaupt ein« gebildet« Rtchtuug gegeben halten. Schon zur Zeü der ersten Judenverfolgung tu Majorka war der gelehrt« Tatmudkenuer, Rabbi Siinon den Zemach Daran, *) nach Algier «»»gewandert «ad hatte don da» Rabbinat übernomnzen. Er wird al» »er erste ctttn, welcher «tuen regelmäßigen Sehalt dafür belog, wa» sanft unter den Juden nicht üblich war (denn dt« Rabbiner in Spante» waren meist wohlhabend« Leute, die sich «tue Ehr« darau« machte», da» Raddtaat umsonst zu verwalten). aber seine Arpiuth tu Folge der Beraubung durch dt« Etzrtste» zwang ihn hierzu. E, hatte nä«»ich «ine» bedeutenden Theil seine» vermöge»» während de« «emetzel» in Majorka eingebüßt und den Rest ans Bestechungen verwenden raüffea, um »icht al» judaistrender Ehrt- (er war au» Zwang Getauft) de» Motochann« der Dominikaner übergeben zu werde». Fast al» et» Bottler kam er nach Algier, ggjz dt» tcp 1 »üi «esGtchw bw Sn»», m 110. (*) neikund« (beinahe alle gelehrten Inda« jener ZrD Parpl zugleich Aerzte). von der er stch Sabststenzmittel verfproihe» hatte,döecht« ihm nicht» ei>i, da der ärztlich« Stand unter de« Berber» »W geachtet war. Hinterher bewaht» stch Simo» Daran di» Annahme eine» Sehalt«» für rabdtntsch« Funktionen durch einzelne Auösagnr de» Talmud zu rechtfertigen: gewiß edi ft!» tener Grad von Sewiffenhaftigkeit, den wir vei christlich«» Geistlichen gi.nzltch vermiffen. Simon Duran war nicht u»r im Talmud ind (wie erwähnt) in der Arpreiknnd« »«wandert, foaden anch in anderen Fächern, wie Mathemotik, vhilofophi«, Gefhicht« u. f. w. Sein Vorgänger im Kombinat war gietchfall« ein Au»wand«r«r, d» -angesehen« Gelehrt« Isaak den Scheschet, gewesen. Ueberhaupt wimmelt«: e» damal» in Nordafrika von spanischen ^udSt. Di« Eint.ewandertrn überwucherten sogar dergestalt die einheimische« Gemeinden, daß je«: diesen ihre spanisch« Semrtndeorganisatio» «ad ihren sepharllschen Ritu« gewiffermaßen aufdrängte«. Alle diese spanische» Juden besaßen einen hohen Grad von Ptldnng. Die Zeü ihrer Au»wand«rung «ach Afrika war zu Haedo'» Tage« noch um kein Jahrhundert verfloffe«, und «» ist gar nicht denkbar, daß schon die nächsten Abkömmtiuge jener Exillrten in jene eraffe Ignoranz hinabgesunke» waree^ wie sie Haedo schildert. Allerding» nahm di« Selichxjamkttk im siebrnzehnte« und achtzehnten Jahrhundert bedeutend ek, aber nur in den weltlichen Fächern; Talmudgelehrb: und jüdisch-cheologi che Philosophen hat e» bi» in di« neuest« Zeit gegeben. Jih selbst kannte «inen alten Juden, besser Jugend vor die Zeit der Frauzosenherrschaft fiel, «elcher di« Philosophie de» Manimonide» (Schüler de» Averroü») völlig in»» Halle Am meisten blühte jedoch in de» letzten Jahrhnndevten die Kabbala, und «» gab in Algier mehrere Gelehrte, welche sich mit der Deutung de» Buche» Sohar (an^blich von den Jochat \m dritten Jahrhundert, aber in Wirklichkeit von Mose de Lein im Mittelalter verfaßt), diese» Evangelium» der Kabballfien, beschäftigten. Merkwürdig ist jedoch der ti» Umstand, dc ß die Jude» Algerien«, welch« doch ,«n größt» Theil an» Spanien stammten, ihr« spanisch« Soroche i» Laufe der ^tohrhunderie gänzlich verlor«», währeui» die v« Marokko, Livorno, ja selbst di« vom Eonftantinopel, Salouik und Smyrna noch Heu«» in ihre» FamUt» fast au»schUrüttch spanisch reden, vielleicht erkiätt sich die» jedoch dadurch, daß dt« allzterischen Jude» meist au» latalonte» und de» Balearen stammten, wa «an «icht spanisch, d. h. Easttliautsch' sprach, sondrrn die catalonisch« Mundart. Doch kehren wir znrück zu Haedo. Er giebt un» noch , einige weitere Proben seine» Fanattsmu». »Di« Jude»,*", sagt er weil er, »stnd bei dem Mohamedaner «ich: wenige» verachtet, al» bet den Ehristen. Wenn in den Straßen Algieich ein Christ einem Jud» begeguw evk, ,nt o» nl4t' ander» sein kann" (Haeda'» «orte), ihm tausend «ichottwone sagt, so stelle« stch dt« «rabor und Türk», welch« Ge» mit anhören, so strich auf die Seite de» Ehrkstea Solltt der Jude e» wagen, wieder zu schimpfen, oder gar d» Ar» zu Thätiichkeiten zu erheben, so rufe» di« Mo»lem» de« Ehristen zu: »Tödis diese« Hund von «ine« Juden!" Dir», s» zieht der Pater di« Moral au« de« Gesagten, ist dt« geruht« Strafe für ihre große Sünd« (nämlich daß sie «hriftnm grkr»zi-t haben) uni» den gottlosen Etgeastna» mit «elchem fl« bei ihrer schänl'ltchen Reitgioa verharren." Auch hier entstellt Fra, Diego di« Wahrheit »U Gunsten der ehrtstei». Dem Mo»le« find beide Eonfesstom.-n, die jüdisch« mir litt christlich«, völlig gleich verhaßt, »nl> er denkt nicht daran, einen Unterschied zu Gunsten der eine» zu machen. Eher ist ei» vorgekommen, daß er die Juden bm Ehristen vorzog; die» jedoch nicht au» religiöse« Gründe«, sondern an» politischen, «eil eben die Jude» palltijch »agefäizrltch find, «a» man Jon de« in Afrika stch aufhaitenden Ehristen nicht immer sagin konnte, denn viele habe» dir verrätfwr gespielt »ud. msch«.» h^«ttch Berichte über dt» schwach» Punkte arabischer -Gr türAscher «ebttthäthelle PK-»«« laß.» (Schluß s-lgt.)

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