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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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— 284 — P Hitfi&tbate Fesseln. Original-Novelle von I. K. Lichtenberg in Kewyork. (Fortsetzung.) Als wir lärmend an den Hafen kamen, sahen wir eine, in einem Mantel gehüllte Männe rgestalt, auf einem Blocke sitzen, und zwar so nahe am Wasser, daß Gefahr des Hinabfallens vorhanden war. Da wir den Mann eingeschlafcn glaubten, schlug ich ihn ziemlich siharf auf die Schulter, der Mann schnellte in die Höhe, und ich erkannte sogleich an seinem Anzuge, daß er nicht zu der geringen Klaffe von Leuten gehöre, die sich gewöhnlich am Dole umhertreiben. Meine Neugierde wurde rege, ich fragte chn erst in englisch, fing aber nach seinen gebrochenen Ausdrücken an, französisch mit ihm zu sprechen, was ihn hoch erfreute. Unterdesien waren meine Freunde schon die Treppe des Dampfers hinaufgestiegen und ich lud den Herrn ein, mü mir an Bord zu kommen, da mir sein Aeußeres — und ohne chm in seiner Gegenwart zu schmeicheln — seine ganzen Manieren sehr wohl gefielen. Nach einigem Zögern seinerseits nahm er mein Anerbieten an; ich erfuhr beim aufgcdrungenen Glase Wein, daß er Arzt sei, und was mehr, daß chm sein kurzer Aufenthalt in diesem Lande wenig Glück gebracht und er sich von New- Aork hinweg sehne. Mein Zureden, das Anerbieten einer angenehmen Stellung in unserem Hau'e, vermochte ihn, mit mir zu ziehen. Nachdem er unter meiner und eines Matrosen Begleitung Morgens in der Frühe seine Sachen zusammengepackt und an Bord gebracht, befanden wir uns bald außer Sehweite Rcw-Aorks, und hier find wir, setzte Herr Normann lackend hinzu: „Ich hoffe, daß meine Damen mich nicht desauviren werden, und besonders meiner lieben Tochter Alles, in ihren Kräften stehenden dazu beitragen, und den Passimisten recht bald in einen lustigen, jungen Mann verwandeln wird, wie wir chn auf unserer einsamen Plantage brauchen können."' Moritz verbeugte sich errölhent, und versicherte galcmt, daß es ihm unmöglich sein würde, in solch liebenswürdiger Gesellschaft traurig zu sein, und erhielt einen dankbaren Blick aus den Augen Bellona's._ Fünfzehntes Kapitel. ' Ich bin der Doetor Eisenbart, Kurir' die Leut' nach meiner Art. Bolktlied Tie Aequinoctial-Stürme tobten und heulten durch Houstonstreel, rothe Fähnchen mit Hyroglyphen hingen an verschiedenen Bäckerläden, die Backtröge und Schüffeln wurden vom Sauerteige gesäubert, die Frauen und Mädchen jener Straße dagegen liefen den ganzen T-rg in schlimmster Toilette umher. Kurz, Houstonstreet befand sich in einer Aufregung, gegen die das Bischen Lärm, das sich jeden Freitag wiederholte, nur sanfte Athcmzüge eines schlafenden Kindes waren, denn Ostern nahte heran. Deermoore's Haus hatte auch seinen Theil an diesem Frühjahrsspektakel abbekommen, jedcch in weit geringerem Maßsiabe, da das ruhige Schalten der lieblichen Bertha jedem Durcheinander die Spitze abbrach. Am Vorabende vor dem Osterfeste waren alle Geschäfte beendigt, und im Parlor saß eine kleine Gesellschaft genrüthlich plaudernd bei einem Kaminfeucr. Hier war Herr Stonehill, welch« r in New-Aork die Rückkehr seiner Wattin von Europa erwarten wollte, Moscheh und Jutta und Bärchen im trauten Kreise versammelt. „Sehen Sie doch zu," sagte Stonehill zu Bärchen, „ob Bertha noch nicht fertig ist. um uns Gesellschaft zu leisten." Ehe Bärchen sich jedoch erheben konnte, trat auch schon Bertha mit freundlichem Gruße ein, löschte di>. Küchenlampe in ihrer Hand und fetzte sich ruhig in den Kreis beim Kamine. Sie sah. noch immer sehr bleich aus, und ein tiefer Zug von. Schwermuth lag auf ihrem Engelsgesichte. Ihre Kleidung war ganz schwarz, einen kleiner weißen Streif um den 7als abgerechnet. So hatte sie das Ansehen einer jungen trauernven Wittwe. „Wirst Du Ostern 'Deine schwarze Kleidung nicht oblegen?" fragte Jutta theilnahmsvoll. „Ich glaube nicht, sagte Bertha traurig, alle Hellen Farben sind mir verhaßt seit meiner Krankhett." „ES ist aber sündig, in Schwarz zu gehen," versetzte Jene, „wenn man nicht um einen Tobten trauert, wie ich Dir schon oft bemerkt, und jetzt, wo der Frühling kommt, sollte auch in Dein Herz etwas mehr Freude einziehrn." „Mir ist genug gestorben, seufzte Bertha, das Glück meiner Jugend ist dahin, und das ist schon einer Trauer wrrlh." „Liebes Kind!" mischte sich Stonehill in das Gespräch, „Sie nehmen alle« wie Ihre Kleidung, nämlich schwarz. Er ist nicht tobt und wird wiederkommen, so wahr ich Stonehill heiße," setzte er ihr ins Ohr flüsternd hinzu. Sie erröthete leicht und schüttelte traurig ein Stein! Eine lange Pause, in der Jeder seinen Gedanken nachhing, trat «in, dann sagte Stonehill t«inahe feierlich: „Meine Lieben! 7ch habe Euch heute Abend hier zusammen bestellt, um eine Verabredung betreffs meine» armen Freundes Teermoore zu treffen, und zwar in Bezug auf seine eingebildete Froschkrankbeit." „Gott gebe," unterbrach Bertha seufzend, „daß er von dieser Idee geheilt würde und es Ihnen, Herr Stonehill, gelingen möchte, einen Arzt zu ihm zu bringen, dem er sich anvertraut." „Wer sagt Ihnen, liebe Bertha, daß ich ihn von einem Aiyte kuriren lasten will? Ich selbst werde der Doctor sei», der chn herstellt." „Aber wie ist das möglich?" fragten M« zu gleicher Zeit. „Mit eurer Beihilfe, beinahe gewiß," versrtztr Jener, und entwickelte darauf seinen Plan und vertheilte die Rollen. Tie Instruction ging zunächst dahin, daß die Hausgenossen recht viel von einem Wundermanne, der jeden Zauber lösen könne und bald nach New-Aork kommen werde, erzählen sollten. Das nun folgende Osterfest wurde in stiller Freude im Hause Deermoore's verbracht. Jeder hoffte, am meisten.Herr Teermoore, denn die von den getreu Verschworenen nach und nach angebrachten Lügeri glaubte er und erwartet mft Sehnsucht den Rabbi aus Jerusalem. Bertha hoffte, denn wessen Herz ist so abgestorben, daß der Eintritt des Frühlings, der die Farbe der Hoffnung der ganzen Erde verlecht, nicht auch ein Wenig davon in dem Innern des Unglücklichen zurücklaste? Bertha hatte zwar nie etwas wieder von ihrem Geliebten gehört, und den Winter traurig und einsam inmitten derer, die sie liebten, verbracht, aber jetzt glaubte sie, müste entweder er, dem ihr treues Herz gehörte, oder doch eine Nachricht von ihm erscheinen, denn der Frühling war ja da, und trieb jedes Herz der neuerwachten Liebe entgegen, und wie ihre Sehnsucht stieg, wußte oder glaubte sie, müste die seine auch erwachen und ihn in ihre Arme treiben. Sie hatte dabei nur eins vrrgeffen, nämlich, daß Doctor Moritz sie verheirathet glaubte. Arme Bertha, er fühlte sich unglücklicher, als Du Dich. An einem schönen Aprilnwrgen, also lurz nach Ostern, ergriff Bärchen seinen noch von Deutschland mitgebrachten Knot-mstock und verließ das Haus. Nicht weit von Williamsburgh, einer damaligen Vorstadt New-Aorks, lag ein Sumpf von ungeheurer Ausdehnung, der jetzt zu den schönsten Straßen umgcwandelt ist. Diesen Platz nannte man den Ewamv, mrd dort tonnte man am selben Tage Bärchen känguruhartige große Sprünge machen, plötzlich niedersitzen, dann wieder einen gewaltigen Sprung machen sehen und so fort, was sich für einen von Feime Stehenden höchst possirlich ausnchmrn mußte. Nachdem dieses Niederbücken und Springen etwa eine halbe Stunde gedauert, wendete er um, und sich auf einen großen Stock stützend, sprang er in großen Bogen bis zu dem der Straße zu gelegenen . Rande des Sumpfe» und ging ruhig weiter nach der Stadt zu. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilaqe. Verlag der .Expedition der JoraUitischen Wochenschrift" in Magdeburg. <Für den Buchhandel: Ködert Friese in Leipzig) Druck von Scharnk« & Cüpperi in Barby.

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