Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 29.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 29.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Beilage zur Israelitischen Wochenschrift. -kr. 29. Feuilleton. Uufiehtbare Fesseln. (Fortsetzung.) Der Arzt eilte an daS Bett und ergriff die abgemagerte kleine Hand Bertha'S, während er ihr beobachtend in» Auge schaute, die völlig klar und leuchtend, aber einen sich immer steigernden Ausdruck von Verwunderung annahmen. „Bin ich denn krank?" fragt« Bertba endlich, so leise, daß nur da« geübte Ohr deS Arztes diese Worte verstand, und sie versuchte sich aufzurichten, brachte aber kaum den Arm auS seiner Lage. „Ja, mein liebe« Lind," sagte der Arzt, „Sie waren trank und zwar recht trank, und heute haben. Sie erst wieder den ersten Schritt in daschön« Leben gethan, darum wünschte ich. Sie würden sich soviel wie möglich schonen, sprechen Sie kein übriges Wort, am besten gar teins, und versuchen Sie weiter zu schlafen." „Aber Herr Doktor!" lispelte Bertha, „sagen Sie mir doch."- „Alle Fragen werden Ihnen beantwortet werden zur Zeit; verderben Sie sich aber ja nicht dawieder, waun« so viel Müh« gekostet, herzustellen, und verhalten Sie sich rulng. Sie sind auch mein liebes, liebe- Mädchen," sagte der freundliche alte Arzt, der Bertha schon von Lind auf kannte und noch mit ihr wie ehemals sprach. Bertha lächelte leicht, versuchte dem Arzte als Zeichen ihre» Gehorsam» die Hände zu drücken und schloß die Augen. Die beiden Frauen hatten mit dankbar erhobenen Blicken dem Vorgänge gelauscht und drückten sich jetzt gegenseitig die Hände, und beide trockneten wie auf Eommando mit dem Schürzenzipfel die Freudenthränen auibren Augen. Sie hatten während der Lrankhett Berthasich beständig des Nachtabgelüset, so traf es sich, daß Belah am heutigen Abend die Wache im Krankenzimmer anzutreten hatte. Sie drehte die Lampe nieder ui»d setzte sich an da- Lager Bertha'S, die Arme gekreuzt. So kam die zehnte Stunde herbei, als Bertha sich leicht bewegte und mit einem tiefen Athemzuge die Augen öffnete. „Belah!" sagte sie dann halblaut, „gute Belah, ich bin hungrig." Wie von einer Feder geschnellt, sprang Belah freudig empor, diese Töne hatte sie lange nicht gehört. Sie drückte einen kräftigen Kuß auf die Lippen Berthas und sagte: „Gott sei Dank, daß Du wieder einmal etwa» zu effen verlangst, gleich mein lAoldlind, gleich werde ich Dir es holen." Sie verschwand und kam in einer Minute tnit einer Taffe kräftiger Fleischbrühe zurück, die Bertha leerte, und dann einen Seufzer der Befriedigung ausstieß. Dann lag sie einen Augenblick ruhig, ehe sie fragte: „Belah! Meine gute Belah!" „Was willst Du mein Gold?" „Wie lange bin ich schon krank?" „Drei schwere lange Wochen," entgegnet« Belah seufzend; und während dieser Zeit hast Du Niemanden gekannt und Dich selbst am wenigsten." „Drei Wochen," murmelte Bertha, und sie fragte wieder: „Ist es Sommer oder Winter?" „Es ist Winter, meine Tochter, gestern fiel der erste Schnee," versetzte Belah. Bertha lag eine lange Weile ruhig, die Augen weit geöffnet. Daß sie nachdachte und sich zu orientlren fudit«, ward Belah klar, denn da» sah sie am Znsammenztehen der Augenbraunen Bertha», aber sie hütete sich, Bertha auf die Spur zu helfen. - '. 4. Jahrgang. „War ti Sommer oder Winter, als ich krank wurde? fragte Bertha wieder. „Wenn Du drei Wochen krank bist, und gestern der erste Schnee siel, so kann eS weder Sommer noch Winter gewesen sein, sondern eS war Herbst," sagte Belah geduldig. „Dann war auch wohl Snlkolh schon vorüber und Rasch- Haschonah?" Bei dem Ausspruche diese- Feiertagehielt Bertha plötzlich inne, ein leichte» glückliche- Lächeln flog über ihr bleiches Gesicht, ihre Liebe war die erste Erinnerung, die in da! schwache Ge )ächt»iß zurückkehrte, und jetzt fragte sie nicht mehr; Faden an Faden, Ereigniß an Ercigniß reihte sich an, bi» Alle«, Allett, wa» sie in den paar Monaten erlebt, wieder in vollster Klarheit vor ihrer Seele stand. Da schloß sie die Augen und schauerte leicht. Nach einigen Minuten ,ragte sie ganz leise: „Was ist aus ihm geworden?* „Aus wem? mein Gold," fragte Belah schüchtern. „Ich mag den Namen nicht nennen." lisprlte Bertha, — „der an dem schrecklichsten Tage meines Lebens neben mir stand." „Er ist heut zu zwanzig Jahren Zuchthru» verurtheilt worden," antwortete Belah unüberlegt. Da- Mädchen fing an, heftig zu zittern, und Belah bereute daschnell ausgesprochene Wort. Sie wandte Alles aus, die Kranke zu beruhigen, gab ihr nervenstärkende Tropfen mck alles Mögliche, und es gelang auch insoweit, daß die Kranke sich wieder bedeutend wohler fühlte. Beinahe z a spät erinnerte sich Belah der Warnung des Doktor», die Kranke so wenig wie möglich, besonder» aber nichts Aufregenlres sprechen zu lasten. Sie sagt« deshalb: „Jetzt, mein Kind, versuche wieder zu schlafen, damit Du Dich stärkst, ich werde Dir nicht mehr antworten." Berthr lag wieder eine Viertelstunde ruhig, dann begann sie wieder: „Nur noch eine Frage, liebe Bläh, dann will ich gewiß 'whig sein," und als die Wärterin nicht antwortete, f» hr sie fort: „Was hat er aber denn gethan, um solch schreckliche Strafe zu verdienen?" Konnte man eine alte Frau sein und ei re so intreffante Nachricht, Me von ihr verlangt wird, nicht zum Besten geben?" „Neir! das war nicht möglich, und alle Borsicht wieder vergessend," sagte Belah. „Es war ja der rechte Stonehill nicht, der hat er beraubt, niedergeschlagen und sich dann für S onehill ousgegeben. Dieser lag lange Zeit im Spiral schwer verwundet, und während der Zeit spielte der Räuber hier seine Stolle, und. Dein Vater ließ sich von ihm hinter's Licht führen." „Wie Dein Vater so blind sein konnte," fuhr sie geschwätzig fort, „kann ich nicht verstehen, da ich den rechten Stonehill äh, der wenig oder gar keine Aehrlichkeit mit Jenem hat. Doch Du wirst auch den rechten sehen, und die Kurzsichtig!eit Deine» Vater» ebenso unbegreiflich finden." „Ist der rechte denn im Lause?" fragte Bertha. „Fre sich, und ein feiner braver Mann ist e», der sich hundert Mal nach Dir erkundigt. Dich jeden Tilg «ährend Deiner Krankheit besucht und große» Mitleid mit Dir Halle." Berti,a dachte wieder ein« Weile mit geschlossmen Augen; Belah glaubte, sie sei eingeschlafen und erhol» sich leise vom Stuhle. Da stef jene wieder: „Belah! Weißt Du nicht, ob dieser Stonehill mich vielleicht auch heirathen will?" Dies« naive Frage niachte Belah lächeln sie wußte, daß Kranke wie die kleinen Kinder oft die ab>onderltchsten Fragen stellen unt antwortete daher schnell: „Gott bewnhre! Kiud, wa» fällt Dir ein, da» ist et» braver älterlbher Herr, dessen Frau nach Europa zum Vergnüge» gegangen ist, und zwei Frauen tr nn er doch nicht auf einmal nehaun" Magdeburg, dm 23. Juli 1873.