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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 28. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 28.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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223 — Dank! murmelte sie, e» war ja nur ein Traum. Da neue Müdigkeit sie überfiel, schloß sie ihre Augen und entschlummerte von Neuem. „Wie sie lächelt im Schlafe," sagte die gute Tante Jutta, sich über sie beugend, und den Hauch eine» Kusse« auf die bleiche Stirn der Schlummcrudcn legte; „wenn eS Gotte» Wille ist, wird sie diese« Mal ganz gesund erwachen, wie der Doktor vorau»gesagt." : Hier wurde bie Thüre leise geöffnet, und ein gutmülhi- -ge» Männergesicht schaute in die Stube. Jutta beeilte sich, di» Vorhänge de» Bette» zuzuziehe» und schob den Flügel -einer donstehendett spanische» Wand vor da» Bett. > „'Kommen sie herein, Herr Stonehill." sagte Jutta, und stellt» dein ans den Zehen hereinschleicheuden Manne einen Stuhl au da» Fenster. i<- Der eben eilige tretene war ein Mann von ungefähr fünf und vierzig Jahren, mit kurz geschnittenen grauen Haaren. Ueder die Siirne nach den Augen »u zog sich eine breite tlefrolhe Narbe, die dem vermuthlich früher sehr gutmüthigen Gesichte einen ntartialische» Anstrich gab. Seine Züge waren weder «»VrikckSvoll, noch seine Rase von besonder» edler einnehmender Bildung. Ein herabhängender grauer Schnurctktrt verdeckte beinahe eine» von schadhaften Zähnen besetzten Mund. Die ganze Figur war robust, und dachte man de» Mann pomadisirt, gefärbt, die Zähne vervollständigt, und die Nase um ein klein, ganz klein wenig kürzer, so mußte man Herrn Deennoore verzeihen, daß er Billy Schreiner für den rechten Stonehill, der eben vor un» sitzt, gehalten hat. Aber auf Lharaklerstudien mußte Herr Deermoore sich sehr schlecht verstehen, denn dieser Mann war nicht im Stande, einer Fliege wehe zu thun, geschweige einer ganzen Familie Schmerz zu bereiten, wa« man freilich bei de» militärisch geschonten Haaren, dem großen grauen Schnauzbarte und der rothen Narbe auf der Stirne nicht hätte denken sollen, aber diese aufgezählten Eigenschaften waren die Folgen de« Angriffe« auf ihn, den er von Billy Schreiner zu erdulden gehißt, und de» Aufenthalt» im Hospitale. „Ich wollte nur einmal nachsehen, wie da» liebe Kind sich heute Morgen befindet, ehe ich nach dem Gerichtshöfe gehe," sagte Stonehill zur strickenden Jutta, die sich ihm gegenüber niedergelaffen hatte. „Gott fei gelobt und gedankt," entgegnete Jene, „sie schläft schon seit gestern Abend recht tief und sanft, nur vorhin halte sie sich ein wenig gerührt, ist aber dann gleich wieder eingeschlasen. Ganz wie der Doktor vorauSgejagt, und ich hoffe, sie wacht ganz gesund auf." „Da« arme, arme Mädchen," sagte Stonehill bedauernd, „hat mehr in den letzten zwei Monaten zu ertragen gehabt, al» »ehn Männer durchgemacht hätten, und ich fürchte, ihre Prüfungen sind noch nicht zu Ende. Weiß man immer noch nicht, wo der Doktor hingekonimen ist?" setzte er flüsternd hinzu. „Kein Sterbenswörtchen, er ist fort, wie von der Erde verschwunden; e» ist nur gut, daß sie e« nicht weiß und auch vor der Hand noch nicht zu erfahren braucht. Doch Herr Stonehill, wie steht e» denn mit Ihrem Prozesse?" „Al» ich gestern den Gerichtshof verließ, hatten sich die Geschworenen gerade zurückgezogen; der Staatsanwalt glaubt, daß Billy Schreiner seine zwanzig Jahre bekontmen wlirde. Die Strafe würde noch härter aussallen, wenn mein Freund Deermoore nicht den öffentlichen Skandal scheute und mit al» Kläger aufgetreten wäre. Bon den andern Eomplicen, dem Jim, der so tikuschend de» Reger gespielt, hat man bi» jetzt noch nicht» gehört, er hat sich vermuthlich, nachdeni er de« Inhalt der beiden Koffer verkauft, von New-Aork fortgemacht." „Da» Geld, da» Eie durch de« Raubanfall verloren, ersetzt Ihnen doch Niemand mehr, und da» Glück der armen Bertha scheint auch zerstört z» sei«, wen» der Räuber auch leben»länglich eiygesperrt bleibt," sagte Jutta. „Ja, da» ist freilich wahr, aber da» Geld wollte ick, verschmerzen, wenn ich nur meine Papiere hätte. Der Hallunke gestand frohlockend, daß Jim Einauge die Papiere in; Besitze habe und sie seiner Zeit wohl anzuwenden wissen werde." „Aber so 'fiel ich hörte, hat Herr Deermoore diese wichtigen Papiere i t Händen, von denen ich zwar nicht« weiß und auch nicht» erfahren kann," sagte Jutta etwc» piquirt. „D!^ Papiere, welche Deermoore überliefert bekommen," versetzte Stonehill, „sind lauter Copien, d. h. Fälsch» igen, und die ächten, die Jim besitzt, können in der Hand eine« verschlagene» Menschen große» Unheil anrichten, m e sie schon einmal gethan; übrigen» seien Sie froh, daß Sie!>en Inhalt der Papiere nicht kennen, diese» Wissen macht keinen glücklich. Wa» darin enthalten, weiß nur ich, Deernioore, t.nd zuletzt erfuhr e» auch Die arme Bertha, und da» wird vahrl ästig nicht zu ihrem Lebensglücke beitragen." „Da» ist aber schrecklich," seufzte Tante Jutta, hastig strickend, doch dachte sie bei sich, Bertha muß mir sagen, wa» diese Papiere enthalten. Stonehill schien ihren Gedanken errathen zn haben, stellte sich dicht vor sie hin und sagte: „Hören Se, liebe Madame! Wenn Ihnen oa» Glück, ja da» Leben dieser armen Dulderin lieb ist, roem; sie einen Funken Mitgefühl in Ihrer Brust haben, so sprech.'n Sie nie von diesen verhängnißvollen Papieren, deren ich in meiner Gutmüthigkeit Narr genug war, zu erwähnen. Hören Sie Madame! Nie!" „Gott soll mich hüten!" rief Jutta beinahe laut, daß sie sich eine» stilen Berwei« von Stonehill zuzog. „Wat glauben Sie denn, ich werde nie etwa« sagen, wenn e» so schrecklich ist, da« arrte Ding hat schon genug gelitten." „Ihre Hard darauf," sagte Stonehill ernst, tnd Jutta legte al« Zeichen der Betheuerong ihre« Stillschweigen» ihre fette Patsche hinein. , „Sol jetzt muß ich gehen und hoffe, wenn ich zurückgekehrt, die liebe Kranke bei vollem Bewußtsein und außer Gefahr anzutreffen damit sie doch auch endlich de« rechten Stonehill kennen lei nt," sagte dieser, erhob sich nun und »erließ leise, wie er gekommen, da« Zimmer. Jutta beeilte sich, die spanische Wand und die Bettvorhänge zu entfernen und betrachtete da« schlafende Mcdchen, von dessen Jugendfrische und vollem runden Gesichte r.icht» mehr zu bemerke« war. Ein hagere«, wachsbleich'» üksicht, von welchem da» rabenschwarze unter einem kleinen Hälixhen halbversteckten Haar grell abstach. Da» war Alle», wa» von dem einst herrlichen Mädchen jetzt in den weißen Kissen zu schauen war. Tante Jut:a stieß einen tiefen Seufzer atz», sagte innen aber tröstend zu sich selbst: „Na, wenn sie wieder gesund ist, wird sie sich auch bald wieder erholen, denn die Jugend erholt sich schnell, wenn — ja wenn un» der verrückte Moritz nicht den Streich gespielt hätte." Jetzt öffnete sich leise die Thür, und der Arzi trat mit Belah ein. Alle drei begaben sich nach dem Fenster, sich Jurd» ihre Unterhaltung den Schlaf der Kranken nicht zu stören. „Run wie geht e»?" fragte der Arzt. „Hat sse ft-rt geschlafen seit gestern Abend?" „Ja, Herr Doktor, sie ist nicht erwacht, denit ich kam die ganze Nacht nicht vom Bette, und sie athmete und schlief, al» ob sie recht, recht müde sei, und der Schlaf sie st ticke," sagte Jutta. „Da« that er auch," erwiederte der Arzt, „und ich glaube, wen« sie erwach , wa» vermuthlich bald geschieht, dtß sie auf der rajchen Besserung begriffen ist." „Doch ich will einmal selbst sehen ob da» Zieber sie gänzlich verlassen." Gin leichte« Geräusch vom Laaer ließ alle drei sich um» wenden, und erf aunnrd blickten sie in die «eit geössnelen schwarze» Ungen Bertha», welche die Gesellschaft einigerrnaßen verwundert betrachtete. (Forff. folgt.)

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