Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 27.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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— 215 — E» war ein Glück für Moritz, daß er beschäftigt und zwar vollauf beschäftigt war; sonst weiß der HimmK, was au» ihm geworden wäre. Er wollte zwar die laum gewon- «e»e Stelle alr Assistenzarzt wieder aufgebe» und nur seinem Schmerze lebe», aber, da» Zureden de» treuen Bärchen hatte ihn vermocht, au-zuharren. Jener wußte ihm täglich Hoffnung einzuflößen, die er selbst nicht »ehr hegte, er warnte ihn, sich nicht in seinen Schmerz zu versenken, damit nenn ein« Aenderung einträle, derselbe wohl vorbereitet sei. Wa».Moritz aber besonder» über sein Leid hinweghals, war der fest« Glauben an da» Fatum, da» über ihm walte, eine Art Äxrglaube, den wir öfter» bei gebildeten Menschen antreffen. Moritz nämlich war überzeugt, wie er schon öfter» in seinen Rede» dargethan, daß von seiner Geburt an ein Mißgeschick über ihm gewaltet und war deßhalb resignirter, al» vielleicht viele junge Leute »ach einem solch herben Verlust« sein würden. ' Nur am ersten Abende nach seiner verhängnißvvllen Unterredung mit Bärchen hatte er sich dem Hause Deermooxbä «ßeMder ausgestellt und lange, lange da» Hau» angescham, ja er hatte schwer zu kämpfen, um nicht den Eintritt hr da-selb« zu versuchen. Bärchen war der Einzige, der an diesem Abend« da» Hau» verließ, und zwar spät, er wurde Moritz gewahr, und e» gelang ihm, diesen nach Hause zu führen, woselbst er sich wieder einem Ausbruche de» Schmerze» hingab. Seitdem hielt Bärchen gegen etwaige Ausschreitungen >de» unglücklich Liebenden strenge Wacht; er erlaubte sich so- . gar, um den Freund bei gemäßigter Laune zu erhalten, dann * »ob wann eine Rothlüge anzubringen und dem Liebenden vorzusprechen, Bertha habe sich nach seinem Gemüthszustande erkundigt, und al» er ihr erklärt, der Doktor trage seinen Schmerz wie ein Man», habe sie Gott gedankt und laste ihm sage«, daß er durch solche Festigkeit sehr viel zu ihrer Resignation beitrage, und daß sie immer noch hoffe, dereinst glücklich zu werden. Diese gutgemeinte» Märchen trugen dann auch viel /dazu bei, Moritz aufrecht zu erhalten und ihn fähig für seine Pflichten zu machen. Während dem rückte aber, wie wir wissen, der Hochzeitstag Bertha'» immer näher und näher, und selbst der sanguinische Bärchen verlor den Muth. Er hatte seinmn Freunde den Tag der Trauung verheimlicht und diesen immer auf Befragen aus unbestimmte Zeit hinau»- gefchoben. Er wollte» wenn Alle« vorüber war, so schonend al» möglich Woritz die Wahrheit entdecken. Ader der Zufall ist ein tückischer Gesell«! Moritz, der me Houstonstreet auf viele» Zureden seit jene« Abende gemieden hatte, wurde am Nachmittag' vor Bertha'S Hochzeit von seinem Freund«, dem Arzte, der ihn rerommandirt, besucht. Ma» sprach über diese» und jene», und der Freund krwühnte eine» Patienten, der sich mit leichtem Unwohlsein gelegt und sehr unerwartet gestorben. „Dar Mann wähnt in Houstonstreet," setzte der Arz: hinzu und nännte die angrenzende Nummer von Deermoore'» Hlkus. „Da wird «iu-Leil^ubegäuguiß und eine Hochzeit an einem st^rge in zwei nebeneinander liegenden Häusern stattstxden", bemikte der Arzt. - „Wieso?" fragte Moritz aufmerksam. „Nun, neben meinem Patienten wohnt rin reicher &m, Namen» Deermoore, besten Tochter sich »argen an einen Pflanzer verhetrathet, wie ich gehört. Um Notleswillen! was ist Jhnei^L" unterbrach sich der Redende erschreckt, al» er da» Erbleichen von Moritz bemerkte, der sich krampfhaft am Tische, vor wolche« er stand,- hielt. „Eine Herzbeklemmung", sagte Moritz tonlo», „r» ivird vorübergehen." „Nehmen Sie ein Fußbad", v«Zs?dke der Arzt gleichgültig, „Sie sind zu vollblütig und haben Wallungen." Moritz beherrschte sich «rit aller Kraft, bi» der Besuch ihn .verlasten hatte, der, de» einsilbigen Menschen übardrüffig, sich Vtlld empfqlü. ' Da trat Barche» ein, und zu einer ungelegenere« Zeit für sich selbst konnte er Nicht kommen. Moritz, besten Charakter wir al» sehr jähzornig kennen, faßte ihn unb würgte den armen Menschen fast. „Aber, lieber Herr Doktor! wa» machen Sie denn!" äWe Bürchen, „Sie bringen mich ja um." „Schuft! Schurke, niederträchtiger Lügner*, donnerte Moritz, „wie konnten Sie sich unterstehen, mich so zu belügen, mir vorzuspreck en, sie würde sich noch nicht verheil athen? und morgen ist Hochzeit. Morgen! morgen!" Bei diesen letzten Worten schüttelte Moritz den armen Menschen lüchtlg und warf ihn dann von sich, daß Bärchen auf einen Stuhl niederfiel und nach Athen». schnappte. „Herr Dlktor, nehmen Eie e» nicht Übel, ich habe e» ja so gut mit Ihnen gemeint, ich wollte Sie nur trösten und Hie oon bösen Schritten abhalten", keuchte er. „Verlaffer Sie augenblicklich da« Hau«, urd kommen Sie mir nicht wieder unter die Augen. Eie wollt« n ja rufen, wenn sich die Sache ander» gestalten würde: „Qi ist Zeit" und niorgen holten Sie da» wohl gerufen?" Bärchen nachte immer noch nicht Miene, ich zu entfernen, al» aber der Doktor die Thür» öffnete und eine befehlende Geber!« mit der Hand machte, schlich siä« der arme Mensch, Thrären in den Augen, davon. Sobald B irchen außer Sicht, war auch Moritz Zorn verraucht, und er murmelte vor sich hin: „Ich ha« vielleicht Unrecht gethan den armen Bärchen so hart an ^lassen, er hat e» wirklich gut mit mir gemeint." Unruhig ging er noch eine Weile auf und ä), dann ergriff er seinen Hut, hing den Mantel um und verließ die Wohnung. Fast laufend kam Moritz in Houstonstreet an, er stand vor Dennwore's Hause einen Augenblick still, um da» Klopsen seines Herzen» zu beschwichtigen, dann st ieg er mit raschem Entschlüsse die Treppe hinauf und hob den Klopfer. Ehe er ilm fallen lassen konnte, öffnete sih auch die Thüre eine Handbreit, und der Reger Stonehill» sah ihm prüfend ins Gesicht. „Niemand zu Hause!" sagt« er und versuchte, die Thüre wieder zu schließen, aber Moritz hatte seinen Fuß dazwischen gestellt und bemühte sich, die Thüre aufzuzwänaea. Er hatte das beinahe zu Wege gebracht, als er einen furch« baren Schlag auf den Kopf erhielt, der ihn taumeln »lachte, und nur dem weichen Hute, der d?n fürchterliche» Hieb aufhielt, hatte er e» zu verdanken, daß er nicht besinnungslos niederstürzte. Er hielt sich wankend am Treppengeländer, und die HauSthür wurde wieder geschaffen. Moritz wollte, als er sich einigermaßen wieder erholt, die Thür mit Gewalt aufbrechen, Lärm machen und wer weiß wa» noch, aber eS fiel ihm noch zur rechte» Zeit ein, daß er daS nicht thun dürfe, nicht könne, denn da» Recht wir auf Setten de» Reger», und er hätte nur Verachtung, Spott und vielleicht etwas Schlimmeres erwarten können, lind Moritz hielt an sich. Nachdem :r so lange auf der Trepp« vor d«r vcrschlossenen Thür gestanden, welche sei» Alle«, wie mit Zaüoerbanden bewacht, von einem Scheusale gefangen hielt, und durch schmerzliches Rrchdenken sich ungeheuer aufgeregt, verließ er halb bewußtlos die Stufen, und sich fester in seinen Mantel wiikelnd, schritt er die schlecht erleuchteten Straßen entlang. Ohne Plan und Ziel schritt er fort, immer vorwärts, bis sich am Horizonte riesengroße, lange, kahle Bäume aihob:n, die wie ungeheure drohend« Finger gen Himmel zeigten Noch einen Schritt und Moritz wäre verloren gewesen, »enn er befand sich am Hafen und stand dicht am Dock, an ivelchem da» tiefe,"«trübo Wasser klatschend anschlug. Dieser unhrimliche Tor» erweckt« ihn zu Sinnen und daS gespenstische Aussehen der Hunderte von abgetakelten Schiffen, die etioo.» «geisterhafte», Gerippe-AehnlicheS hatten, machte ihn schauten». Moritz fühlte ad' der Mattigkeit seiner Glieder, daß er weit, weit umhergelaufen sein mußte und lieh sich ermüdet aus einen Block, an dem ei» Schiff mit schweren Ketten beiestigt war, nieder und versank auch sogleich wleder in seine Träuvrereien, die zulptzt in ene Art Halbschl»»I»»tk»urarteten. (Forts, folgt) ‘ «