Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 9.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Feuilleton. » ' llustchlbare Peseta. <z»rts«tzu«-.1 Früh nm uächsten Morgen konnte man damuntere Helle Lachen Vertha'S im ganzen Hause vernehmen. Eie stand mit Belad iin Basement (Erdgeschoß) am Waschzuber, tüchtig reibend und dazwischen lachend und scherzend; denn Bertha war nicht allein hochgebildet, eine Lady im vollkommensten Sinne, sie war auch Hauswirthin und zwar letztere zuvor, ehe sie die erstere repräsentirte. „Du bist seit einiger ^Zeit sehr komisch geworden, sagte Belad in einer Pause, die Hände auf den Zuber stützend, bald lachst Du ohne Ursache, bald weinst Du wieder, ohne zu wissen warum." „Bald singe ich, bald schreie ich, rief Bertha überuiüthig und bald möchte ich die ganze Welt umarmen", und sie sprang an die Leite Belah's n»d schloß die Frau herzhaft in die Arme. ,Höre auf! rief Belah, der dies unangenehm zu sein schien, „Du kennst mein Sprüchwort: Wenn bi«" — „Vögel so früh pfeifen, frißt sie am Tage die Katze", unterbrach Bertha, „ja ich weiß, ich kenne eS zur (Genüge, denn Du brummst eS mir jeden Tag in die Ohren, aber liebe Belah! das paßt nicht auf mich; denn erstenbin ich kein Vogel und zweitenhabe ich schon oft in der Frühe gesungen, ohne daß mich die Katze gefressen." „Ich weiß gar nicht, erwiderte Belah ärgerlich, wie nur ein so gescheidtes, gelehrtes Mädchen so blitzdumm sein kann. Daist ja nur ein Sprüchwort und bedeutet, daß wenn man so früh lustig ist, man Nachmittagnoch weint, oder daß Einem zum Wenigstens etwa- Unangenehmepasstrt und wenn'- neunundneunzig nial gut geht, trifft'» doch das hnndertstemal zu, darum sei früh Morgennicht so au-gelassen." Lassen wir Betah schwatze» — einmal kann auch der Aberglaube schließlich und faktisch Recht behalten. Am Nachmittage, meinte Belah, kann'- anderwerden. Nun es war deffelbigen Nachmittag-, al- Deermore seine Tochter zu sich in sein Krankenzimmer rief. „Setze Dich hierher mein Kind, sagte er zärtlich, ich will mich ein wenig mit Dir unterhalten." Bertha gehorchte und nach einer kleinen Pause kam ihr Pater unverhofft mit der Frage heraus: „Wie alt bist Dn Bertha?" Einigermaßen verwundert er iviederte die Angeredete: „Ich, [frier Pater, war 17 Jahre im Sommer, wie Du ja wohl weißt." , - 11 n „Hm! Hm! siebzehn Jahre, sagte Jener, nachdenkend, daist gerade di« Zeit, wo ein ordentlicher Barer sich nach einem guten Schiduch für sein« Tochter umsehen muß, besonders uoeurr er-so kränklich ist, wie ich. Meinst Du nicht 4U$. mein Kind?" „Wenn Du mich um meine Meinung fragst, versetzte da- Mädchen hocherröthend, so glaube ich, daß e« noch viel zu frühe ist, mich zu verhelrathen »und eben weil Du nicht ganz wohl bist, sollte es Dir nicht eilen. Dich meiner zu entledigen, besonderda ich, wie Du mir oft rrllärt, nicht arm bin, mir es also schon deshalb, wenn ich will, nicht an einer Partie fehlen wird." I „Liste» wir di« letzte Frage unerärtert, sagc« Deermoore,! und halte« wir unan der Hauptsache, nämlich der Wahl! eine- Gatten für Dich, die Du hoffentlich mir überlasten wirst."! „Gut! sagt« Bertha, die da» Ganze noch für einen Scherz j hielt, dann suche mir aber einen jungen schönen Mann aus. j der mir auch gefällt. Gelt Papa!" „Inng ist nicht immer gut, sagt« der Vater, Jugend hat keine Tugend, ein Mann kann recht schön und brav sein, ohne dabei in den IünglingSjahren zu stehen. Auch behandeln ältere Leute ihre Frauen gewöhnlich bester, al» die jünger». Wen» ich für Dich zu wählen hätte, und ich glaube, Du überläßt eS mir, ich würde einen Mann von mittleren Jahren einem jungen vorziehn, ja sogar ein Wittwer ohne Kinder scheint mir eine ganz annehmbare Partie zu sein." Bcttha blieb immer noch gutgelaunt und erwiderte lachend: „Ein Wittwer! Puh! DaS wäre mir der Rechte; ein Mann, der den ganzen Tag von seiner seligen Frau spricht. Nein, lieber Vater, zum Schadchen bist Du verdorben." „Mein Kind", sagte Deermoore mit einem Ernste, der Bertha zu srappiren anfing und ihren Puls etwas in Unordnung brachte, Bertha, mein Kind, höre mich etwas ernsthafter ar, wenn du kannst. Allehat seine Zeit, Lachen, Scheiß nud Ernst, und jetzt rede ich in vollem Ernste. Du sollst He rachen und i zwar werde* ich eine Wahl treffen oder habe ste vielmehr getroffen, ganz sowie fie mir und dir un) deinen, schönen, großen Vermögen ansteht, daich nicht an jeden Brtteljungen verschleudern mag." Bertha war bleich geworden, mit halbgeöffnetem Munde und »orgebrugtem Haupte lauschte sie nach dem Later hinüber, der dies« krampfhafte Aufnierksamkeii wohl bemerkte und dem da» Leil en seineeinzigen Kindes tief zu. Herzen ging,-darum l eben eilte er aber, ihr den Schlag, der da kommen mußte,; mit einen Male zn versetzen. Daß die Furcht alle andern! Gefühle, selbst das der oiisgeprägteskn Kindesliebe, bei diesem < Manne überwog, in Thatsache, instinktartig fürchtete er Stone! Hill, er fürchtete die öffentliche Meinung in noch höherem Grade, t fürchtete den Spott, da» Mitleid seine, Mitmenschen, kurz er fürchtete Alle« und Alle und diesem schrecklichen Moloch, der Furcht ivar er eben im Begriff das Liebste auf Erden, lein Kind, zu opfern.. ,Er sagte so kaltblütig als möglich: „durum liebe Bertha habe ich beschlosten. Dich an Herrn Gtonrhil zu verheirachen.",, Einen Schreckeusschrei stieß Bertha au» und verhüllte sich da- Gesicht mit beiden Händen. Kein Glied rührte sich an ihr anc lauge Zeit, die Herru Deermoore eine Ewigkeit dünkte. Einer Niobe gleich, vor Strecken versteinert, saß ste da. Geängstigt erhob sich ihr Vater aus seinem Rockingchair, und näherte sich ihr. Dies brach de» Zauber, der über das arme Mädchen ausgegossen schien, und ihr Schmerz machte sich in einem krampfhaften Schluctzen Luft. Jetzt begann aber erst die Rathlosigkeit des alten Herrn, denn Bertha's Thränei: nahmen ihm imnier ein Stück Herz. t Schmeichelnd versuchte er die Hände von seiner Tochter -Gesicht zu entfernen und ihr Haupt aufzurichten. Stonehill und die Furcht vor ihm waren in den Hintergrund gedrängt, er sah nur die weinende Tochter und sein feige» Herz schwanke. (Ff.)