Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 7.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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55 Unsichtbare Fessel«. (Fortsetzung.) Bertha» Busen hob und senkte sich fieberhaft, ihr Athen, ging schwer und bedrängt au» Ihrer Brust hervor, ihre Zunge »ar gelädmt, und sie wäre nicht im Stand« gewesen, auch nur e nen Laut hervorzubringen. Aengstlich hing ihr Auge an den, de« Doctor». Sie hatte nicht mehr die Kraft ihre Hand zurückzuziehen. Moritz hotte sich neben ihr niedergelassen und fuhr, immer »och die zarte» Finger festhallend f feurig foits .,Bertha 1 Ich bin ein armer vom Schicksale verfolgter Mensch, ich nenne nichts mein, al» meine geringen Kenntnisse und «In treue» Herz. Sie sind reich, im Ueberfluffe aufgezogen, gewöhnt alle Ihre Ansprüche befriedigt zu sehen, e» ist schon darum eine beinahe unverzeihliche Kühnheit, meine wünsch, ,» Ihne» z» erheben, aber mich verzehrt die Glutb, dir ein Gott jedem Wesen in die Brust gelegt, und Verstand und Ueberlegung müsse» schweigen. Ich will Ihr Vermögen, ich will Ihren Reichthum nicht, ich will nur Ihre Liebei Bertha! O, verstoßen Sie mich nicht, sprechen Sie e» nicht au», da» Wort, da» mich zum elendesten Menschen wachen würde. Machen Sie mich glücklich — mein Leben, meine Seele» mein Herzblut gehört Ihnen. Bertha erhöre mich, sei mein Weib." Berlba verhüllte sich da» Gesicht und da» Zucken ihre» schönen Körper» zeigte den Kampf, den ihr Innere» bestand. Wie ein Verbrecher, der sein TodeSurtheil erwartet, schaut« Moritz nach der Geliebten. Er war furchtbar bleich geworden. Sollte er durch seine kühne Reden da» Mädchen beleidigt haben? Sollte die nächste Seeund« ihn zum glücklichsten oder elendsten Sterblichen inachen? Gewißheit! Gewißheit! drängte und flüsterte seine Seel«. Sanft löste er ihre Hände vom Antlitze und blickte einen Augenblick in da» thränenbethauie, aber nicht erzürnte Engelügesicht der Tbeuren, Verlegenheit und Glück zugleich la» er darauf und mit einem jubelnden Aufschrei schloß er da» Ideal seine» Herzen» in seine Arme, und still und glücklich weinte sie an seiner Brust. Doch jetzt schieden sie rasch, die Ihrigen sollten sie so nicht treffen; vor der Hand sollte niemand von ihrem Glücke wissen. Der Gottesdienst war beendet — Vater, Onkel und '•Tante kamen zuiück, die gewöhnlichen NeujahrSwünsche wurden auSgrlauscht und Bertha hing lange weinend am Halse ihre» Vater», der sich dieses Benehmen der Tochter, da» von dem in früheren Jahren abstach, nicht erklären konnte, aber trotzdem sein Kind inbrünstig küßte und den Segen de» Himmel» auf ihr theure» Haupt herabwünschte. Thun wir ein Gleiche» und wünschen wir, daß da» kleine Wölkchen, welches sich am Horizonte der beide» jungen Liebenden zeigt, und da» kaum dem geübtesten Auge sichtbar ist, sich nicht zu einem tobenden Orkane gestalten möge, in welchem daS Schifflein unserer Freunde rettungslos zerschellt. Sledeme« «epttel. Acht vielleicht indem wir hohen Hat un» Unheil ichon genossen. Schiller. Neujahr und der darauf folgende VersöhnungStag waren vorüber. Die Bußtage waren unsren jungen Freunden «her Tage de» reinsten Glücke« und ungetrübtesten Soanenschetn», al» Zeiten der Reue und de» Gebete». Sie liebten. Brauchen wir lange Sonmentarr darüber zu schreiben- Müffen wir unsren thcuren Lesertnen all' die Gespräche, Liebkosungen, Fragen, An,werten und Hoffnungen auftischen, di« da» Leben der Liebenden »ersüßen, aber so unendlich langweilig für den Zuhörer, noch mehr aber für den Leser sind. Wir sagen nur dt« ewig neu« Zauberformel: Sie liebten und — waren glücklich. Herr Stonehill war in der Zwischenzeit von der unteren Stadt zu.ückgekehrt, und gerirte sich wieder al» Freund de» Hause» und Anbeter der schönen Bertha. So oft er den Parlor betrat, fand er uuch dm Doctor vor, welche» ihm einiger nahm unangenehm zu sein schien. Er blickte zwar mit souveräner Ve:achtung auf Moritz hernieder, fühlte sich trotzdem aber in testen Gegenwart nie behaglich. Jmer, welchem früher die Annäherungen Stonehill» an Bertha unangmehm gewesen, sah jetzt dessen Treiben mit kalter Ruhe zu, denn er war sich seiner Sache sicher und belächelte höchsten» mitleidsvoll die Bemühungen StonehillS, die, wie er glaubte, zu Sticht» führen. Wie am ReujahrStage, so verschwand er auch am Vorabende de» VirsihnungSrageS wieder mit Schingle, kehrte aber prompt am Abende darauf zurück. Herr Diermoore hatte sich in da» Hinterzimmer zurückgezogen, um dort einen Anfall seiner eingebildetm Krankheit unter Bärchen» Beihülfe zu überstehm. Herr Stonehill trat einen Augenblick in den Parlor und fand hier Bertha und den ihm verhaßten Moritz in traulichem Gespräche, an welchem auch die Ta ue Jutta und Onkel Moh — einigen Antheil nahmen. Nachdem er höflich geftagt, wie die Betreffenden gefastet, entfirnte er sich wieder und trat bei seinem Frmnd« Derrmoore ein. „Wie hast Du gefastet, fragte er herzlich seinem Freunde die Hand drückend, und wie hat sich Dein Frosch heute angelassen, der doch in vierundzwanzig Stunden nicht» zu rss,n bekommen", setzte er etwa» ironisch hinzu. „Denke, lieber Freund, denke, sagte Henry, da» aber ist da» Merkwürdigste an der Sache; den Tag über hat er geruht, weil eS Jom Kipur war, aber heute Abend habe ich schon tüchtig dafür büßen müssen, daß ich ihn so lange warten ließ. Doch setze Dich Freund und erzähle etwa»." Stoneh ll setzte sich, jedoch so, daß sein Gesicht Im Schatten blieb, während daS seine» Freunde» seiner Beobachtung unterlag. , „Bärch m, Sie können hinaus gehen, sagte er dann, wir brauchen Si: nicht mehr." „So, i h kann hinau»gehen? Danke Ihnen Herr Stein» berg, geiviß kan» ich hinausgehen, mit Ihrem Wägelchen brauchen Sie mich nicht hinaus zu fahren. Aber ob ich hinaus gehr« soll oder will, da» hängt gewiß nicht ron Ihnen ab. Wenn e» Gotte» Wille ist und ich einmal Ihr Krankenwärter bin, dann schicken Sie mich gefälligst hinaus." „Bärck en! warf Henry ein, gehen Sie hinaus, der Herr hat vermutlllich etwas privatim mit mir zu besprechen." „Herr Deermoore Sie haben zu befehlen, aber der Mann da, der glaubt einen Nigger vor sich zu haben, der irrt sich in mir", s > sagend und noch Einiges knurrend entfernte sich Bärchen. (F. f.)