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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 40. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 40.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I! 40. - 1tt/2. Z,es»lhtisHs 3. Jahrgang. Wochen ^Schrtfl für die religiösen und sociale» Interessen deS JndeulhumS. Eefchedtt jeden Mittwoch. Preis vierirljLhrlich 20 Slldergroschen. 3«frrtint4(Hir (■> M> seckjpnlttge Petttzetlr oder der« Raum 2 «flt. BerannovcUicher Rrdatteur uni) Herautgeber Rabbiner Dr. A. Lrexnfela in Stettin. -'•—f- Magdeburg, 2. Oktober 1872. Au begehen durch . alle Vuchhanddmg« und Postanftalten. Inserat e« - Annahme >» »«, Hof»Buchdru<I«rt von Carl Aries» in Magdeburg. Inbalt. Leitende Artikel: Zum neuen Jahre. — Brei «Nt i und ttovespondenzen r Deutschland, Berlin. Berlin. Lyck. Mühlhausen. Düsseldorf. Lanorck. Au» Bayern. Fünh. — Oeftcrrei<! : Nu« dem Prager Kreise, Prag. Nu« Ungarn. Lemedvar von der Donau. - Frankreich: Paris. Pari». Pari». — Vermlfedte ««> »eueste Nachriestten r Leipzig. Protkau. Iungbunzlau. Wien. Lemberg. Peil, ttincinnaii. — Gedicht: D>» Lchofar» Ruf. — Insert le. — ssenilletonr Unsichtbare Fesseln. Original-Novelle au» dem jüdisch-amerikanisch« Leb« von I. N. Sichtenberg in New-Port. <FortWnng s. veil.l. Lei. Dtp. Haldergadt. Zum neuen Jahre. Uusern werthe» Lesern zum neuen Jahre Gruß und Glückwunsch! Ernst und sinnend, wie wir diese Worte niederschreiben, so möchten wir sie und die daran zu knüpfende Ausführung entgegengenommen sehen. Llriben wir 'gleich bei dem üblichsten hebräischen Namen des NeujahrStageS stehen. Roach Haschanah, Anfang des Jahre». „Ein Jahr" — das äjort an sich sagt unsweulg. gar nichts. Ganz ander» die Bezeichnung dieses Begriffe» in der heiligen Sprache: ,TIV. — Scheni (W) heißt ein Zweiter, eia Anderer; icdaa»K heißt „zum andernmal rhun oder geschehen, wiederholen"; und schanah heißt „anderS-srin oder machen, sich ändern, verändern." Wiederholen und ändern — ist damit nicht das „Jahr-' in seiner ganzm innersten Bedeutung bezeichnet? Ein Wiederholen, Wiederkehren dessen, was gewesen, und'doch ein Andrrswerden. Sieh« die Natur ln ihrem Jahreskreislauf von Auflproffen und Bergehcn, Saat und Erndte, Blüthr und Frucht; so ist es in diesem Jahre gewesen, so war es von Anbeginn, so wird es fort und fort sein, dp ewige» Wiederholen; und doch find die Blätter, Blüthen und' Früchte de» dnen Jahre» nicht dieselben, di« vordem dageweftn.' Siehe die Mrnschenwelt; „ein Geschlecht geht, und dn Geschlecht kommt," Geburt und Tod in ewigem ttreisgaNge, so^war es vor uns, so ist es mit uns, so wird es nach uns sdn; und doch dn Anderes, denn die Menschen, di« da leben, find vorher nicht gewesm, und die da finden, kehren in der Zeitlichkeit nicht wieder. Schanah, Sehanah — Wiederholung und Lenderung, feststehende» Wechseln, in Natur und Menschendasdn. Und wir, die Einzelwesen? Wir stehen an dnem neuen Anfänge, aber dem Anfänge dner veränderten Wiederholung, 8ehanah. Die Zeit, der wir entgegengehen, der Abschnitt, den wir beginnen, was werden, was können sie uns bringen? Nicht dasselbe, was gewesen, und doch da» Gldche. „Was da gewesen, da» wird wieder sdn, und was da geschehen, wird wieder geschehen." Die Hoffnungen, die wir hegen, die Wünsche, die wir gegen einander aussprrchen, es sind genau dieselben, di« im vorigen Jahre und fett wir leben und gedenken, unser Herz erfüllen, die Besorgniffe, die unsere Sttrn üGschatten, es find mit wenig veränderrem Angeficht dieselben, dH uns früher geängstigt haben; die Wege, die wir wandeln wwden, unsere Thaten, sie werden im Guten und Bisen den frühere» ähnlich sdn; die Freuden, die der Allgüttge uns beschneien möge, werden uns nicht fremd erscheinen, die Ldden, uns nimmer ganz verschonen, mögen sie nicht schlimmer l, als dir, wdche wir bereits kennen, als erträglich kennen nt haben. Das Jahr, die Jahre, da» Leben — dn unt- Wechseln, sin Kreisen pnd Wiederholen, ein Anfang und^W'MWyWWWWMWMDchM Unwiederbringlich verloren, nie wiederkehrend, das Jahr, der Tag, die Stunde, und doch das Heute auch das Morgen und Urbermorgen, bis es dnmal kdn Morgen mehr für «ns girbtl Und daS wäre nun alle»? In Natur und Menschemvelt und in unserem eigenen Dasdn alles- Sehanah, schwindender, schwindelnde: Kreislauf? verlohnte es sich zu beginnen, zu enden, zu wünschen, zu streben? Der Spinn« gldch, die das vom Sturm zerrissene, von Menschenhand zerfetzte Gewebe unermüdlich wieder zusammenhestd oder erneut, um, wenn das Glück ihr günstig — dn Mücklein zu erhaschen?- Ist alles hier Erwogene uralt, so muß auch früher schon des Menschen Ginnen dabd verwdlt, es sich klar zu machen, zu bewälttgm, auf die eine oder andere Wdse sich darüber pr erheben versucht haben. Dem ist in der That so. ' Also sprach uralte Weltwdshdt: Denke Dir, Du stehest am Rande einer Brücke oder dicht am Ufer, über dnem rasch dahinrausckenden Strom«,' oder Du stehest dem Sturze eines Wasserfalle» zu. Da ist keine Ruhe, kdn Sttllstand, Welle drängt auf Welle, sie kommen,' sie gehen, strudeln, stürmen, schäumen; kannst Du einer mit dem Blicke folgen? die eine ist die andere, im drehenden Wirbel verschwinden sie mit einander; schauest Du lange hinab, so erfaßt Dich Schwindel, nnd hättest Du keinen festen halt, Du würdest in den Strudel stürzen. Da» ist der Strom der Zeit! So das uralte Gleich» iß. Bor Jahrtausenden haben «S griechische Wdse angewendet und noch früher deS fernen Morgenlandes Grübler. DaS All ist der „brausende Strom," sagen sie, und alle Dinge gleicken dem tosenden Dassersturz, alles schwindd in ewigem Wechsel, und nicht» ist dauernd als dieser Wechsel selbst; es giebt kein Sein; „der Mensch kann nicht zwdmal

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