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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 37. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 37.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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nur eine und zwar die orthodoxe Religion als die wahre anerkenne. ES bleibt daher den jüdischen Eltern nichts Anderes Übrig, als ihr« Kinder auS dem Gymnasium zu entnehmen und in eine jüdische Lehranstalt zu schicken. (Pos. Z.) HketersSnrg, 6. Srptbr. Das „Amtliche Blatt" meldet, daß in Folge eine- Einverständnisses zwischen der Russischen und Oesterreichischen Regierung die Convention vom 3. Octbr. 1848 betreffs Auslieferung flüchtiger Juden vom 15. Octbr. d. I. an als aufgehoben zu betrachten ist. ^eterröurg. Dem Religionsbekenntniß nach vertheilt sich die gesammte hiesige Bevölkerung wie folgt: 557,173 Griechisch-Orthodoxe, 20,881 Röm. Katholische, 76,831 Protestanten, 6654 Juden, 2071 Muhamedaner. London. Unter den Vertretern Englands beim Genfer Schiedsgericht sind zwei Israeliten: Sir G. Zessel und Arthur Eohen. Feuilleton. Ilnsichidark Fessel«. Original-Novell« au« tan jüdisch»amerikanischen Leben von I. N. Achtenberg in New-York. (Fortsetzung.) Da erschien einer der Helden unserer wahren Geschichte, Bärchen, und ein zartes, übrigens ganz unschuldiges Perhältniß entspann sich zwischen den Beiden. Er machte Verse ans sie, und sie schmachtete wie ein Ritterfräulein. Daran hatten beide ihr Genügen, Gudel freute sich des gebildeten Verehrers — doch wer oder was ist Bärchen? Bärchen ist ein langer knochiger Geselle, der in seiner Jugend ein Blatt Gemoreh lernen konnte, sich später zum Schadchen*) herausbildete, und einige Jahre, da das Schadchengeschäft in Folge großer Concurrenz und der löblichen Fürsorge des Königs Ludwig schlecht ging, als Bedienter bei einem Doctor aushielt. Hier naschte er einige gelehrte Brocken, las wohl auch hier und da einige Bücher und unter anderem eins über Mythologie, und dünkte sich gerade recht, als er vom Doctor mtlasten wurde, um als Bolksdichter rnlxo Possenmacher und Reimer bei Hochzeiten aufzutretm. Auf diese Weise kam er in den Ort, wo Moscheh und Gudel hausten, und wurde so der intime Freund MoschehS und platonischer Anbeter GudelS. Was ihn eigentlich zur Auswanderung trieb, war weniger die Liebe zur ätherischen Geliebten, als ein kleines Malheur, das ihm passirte, und daS wir den Lesern nicht vorenthalten wollen. Um als echter Poffenmacher seinen Kunden immer etwas Neues aufzutischen, machte. Bärchen die größten, löblichsten Anstrengungen. Eines Abends nun passirte er das Landhaus eines Adeligm, auS welchem die Klänge einer Tanzmusik lieblich an sein Ohr schlugen. Bärchen näherte sich dem Fenster so unbemerkt alS möglich, und fich fest an die Mauer pressend, bückte er in den hell erleuchteten Saal. Dort sah er einen Tanz aufführen, den er noch nicht kannte. Es war eine Art Quadrille. Bärchen lauschte mit Ohr, Kopf und Herz, um sich die Figuren d«S Tanze» einzuprägen. Erst als e« Tag wurde und die ersten Gäste da« Hau« verließen, entfernte fich der Possenmacher, fest entschloflen, den neuen Tanz bei der | nächsten Hochzeit seine Kunden zu lehren. Aber um etwas zu lehren, muß man es selbst kennen, und Bärchen konnte, wenn' er auch die Flgurm im Kopfe hatte, den Tanz doch nicht aufführen. Hier zeigte sich aber daS vielseitige Genie im hellsten Lichte. Sein Weg führte durch den herrschaftlichen Wald, und Bärchen schnitt ungefähr acht bis zehn junge Setzlinge, kleine eingepflanzte Bäumchen, mit seinem Messer ab, steckte sie in den Weg in Form einer doppelten Quadrillen »Figur und führte nun mit diesen Stöckchen «ine vollständige Quadrille aus, auf und ab, hin und her tnnzend, commandirend und die Melodie dazu pfeifend. Aber wie schrecklich ernüchtert wurde er durch den barschen AuSruf: Halt! Ein Forstbeamter verhaftete ihn, und da er auf der That ertappt war, Waldfrevel durch Abschneiden junger Bäume begangen zu haben, wurde er vor das Criminalgericht gestellt, und zu sechs Monaten Zuchthaus verurtheilt. Er wäre schlimmer wrggekommen, hätte nicht d^ Förster selbst gesagt, er halte unser Bärchm für verrückt, denn er Hab« die lächerlichsten Sprünge zwischen den Baumstämmchen auf» und abgemacht. # Nach der üb erstandenen Strafzeit, ergriff Bärchen die gute Gelegenheit, mit seinem Freunde und seiner hoffnungslosen Liebe einem undankbaren Baterlande den Rucken zu kehren wo die höchsten Beamten so wenig Rücksicht für höhere gymnasttsche Künste kennen. — — — — — — — Abermals war ein schöner Morgen herangebrochen, ebenso schön als der, an dem wir unsere Reisenden auf der Landstraße getroffen. Rur beschien die liebe Sonne heute eine unendliche Wafferwüste und zugleich die hohen Matten eines Auswandererschiffes, das gestern von Bremer Hafen abgegangcn und sich nun in der Nordsee befand. DaS Verdeck des Schiffes war ziemlich leer, da vermuthlich die meisten Paffagiere schon an der Seekrankheit litten. Doch schienen unsere alten Bekannten bis jetzt noch von dem Feinde verschont geblieben zu sein, denn alle drei befanden sich an der Leeseite des Schiffes und zwxr saß Gudel im schönsten Kattun- Neide und weißer gestärkter Haube, den falschen Scheitel zierlich gekräuselt und pomadisirt, an einem angebundenen Mast, während Bärchen sich mir der Hand an den Strickleiter festhielt und wehmüthige Blicke auf Gudel warf. Moscheh aber saß ihnen gegenüber auf dem Hühnerkasten und blätterte gedankenlos in einem jüdischen Buche. Noch ein Paffagier stand in ihrer Nähr, mit verschräntten Armen, seine Blicke über daS Meer schweifen lastend. Es war ein Mann von anscheinend .25 biS 30 Jahren, von edler Haltung, in Mittelgröße; er trug daS Haar hinter die Ohren gestrichen, wir man es früher bei Lehrern, Geistlichen und Poeten zu sehen gewöhnt war. WaS man von seinem Profil erblicken konnte, ließ auf ein schönes männliches Gesicht schließen. Bärchen, der ihn bei der Einschiffung gesehen haben wollte, erklärte, er sehe einem Juden ähnlich und müsse ein Gelehrter sein. UebrigenS ignorirte dieser Mann unsere drei Freund« vollständig, so große Mühe sie sich auch gaben, von ihm bemerkt zu werden. Endlich konnte Gudel e» nicht mehr anShaltm und da Bärchen behauptet hatte, der Fremde sei ein Gelehrter, so wollte sie ihm ihre Seele zeigen. Laut rief sie deshalb ihrem Manne zu: „Moscheh! steh doch lieber Moscheh, wie schön blau doch der Himmel ist!" Moscheh aber hörte nicht, bis Gudel dm AuSruf wiederholte. (Fortsetzung folgt.) •) Hetrachsvermütler.

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